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Ist dies der älteste Anatomieatlas der Welt?

Gut 2.200 Jahre alter Text aus einem chinesischen Grab beschreibt das Innere des Körpers

Mawangdui-Manuskript
Dieser auf Seide geschriebene Text ist Teil der Mawangdui-Manuskripte – des möglicherweise ältesten erhaltenen Anatomieatlas der Welt. © Bangor University/ wikiImages

Früher Blick in den menschlichen Körper: Ein gut 2.200 Jahre altes chinesisches Manuskript könnte der älteste noch erhaltene Anatomieatlas der Medizingeschichte sein. Denn der aus einem Grab im Süden Chinas geborgene Text beschreibt bereits anatomische Strukturen wie Muskeln, Nerven und Blutgefäße. Allerdings tut er dies verbrämt in der Sprache der traditionellen chinesischen Medizin – was seine Interpretation bislang erschwerte.

Wie ist der menschliche Körper von innen beschaffen? Diese Frage stellten sich Ärzte schon vor mehr als tausend Jahren. Bereits im antiken Griechenland sollen die Gelehrten Herophilus und Erasistratus erste anatomische Sektionen durchgeführt und das Innere des Menschen beschrieben haben. Doch ihre Werke gingen beim Brand der Bibliothek von Alexandria verloren. Die ältesten erhaltenen Anatomieschriften stammen daher von dem römischen Arzt Galenus – zumindest in Europa.

Medizintext als Grabbeigabe

Doch auch in China studierten Mediziner schon früh die Anatomie des Menschen, wie nun der älteste noch erhaltene Anatomieatlas der Welt belegt. Es handelt dabei um drei Manuskripte, die um 168 vor Christus einem hochrangigen Adeligen in Mawangdui im Süden Chinas mit ins Grab gegeben wurden. Zahlreiche weitere Funde sprechen dafür, dass dieser Mann, Marquis Dai, medizinisch gebildet und interessiert war, darunter weitere medizinische Texte sowie Arznei-Rezepte.

Die etwa um 300 bis 200 vor Christus geschriebenen Mawangdui-Manuskripte wurden schon in den 1970er Jahren entdeckt, waren aber zunächst als eher religiös oder esoterisch eingestuft worden. Denn sie beschreiben den Verlauf von elf Meridianen, in denen die Lebensenergie, das Chi, nach dem Glauben der traditionellen Chinesischen Medizin im Körper strömen soll. Doch nun haben Vivien Shaw von der Bangor University in Wales und ihre Kollegen die chinesischen Texte noch einmal genauer analysiert.

Muskeln, Nerven und Gefäße als Leitungen fürs Chi

Das überraschende Ergebnis: Viele Beschreibungen in den Mawangdui-Manuskripten sind anatomisch verblüffend genau. „Wir konnten signifikante Parallelen zwischen den Beschreibungen im Text und anatomischen Strukturen aufzeigen“, so die Forscher. Sie zeichnen im menschlichen Körper vorhandene Strukturen wie Nervenbahnen, Muskelstränge oder Blutgefäße relativ präzise nach – wenn auch mit den typischen Begriffen der traditionellen chinesischen Medizin umschrieben.

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„Der Text der Mawangdui-Manuskripte beschreibt die Strukturen, die man in einem menschlichen Körper sieht“, sagen Shaw und ihr Team. „Angesichts der engen Übereinstimmungen zwischen Körper und Text sind die in diesem Werk beschriebenen Bahnen nicht esoterisch. Stattdessen repräsentieren sie den weltweit ältesten erhaltenen anatomischen Atlas – erstellt, um Studenten und Ärzten im alten China eine genaue Beschreibung des menschlichen Körpers zu liefern.“

Sollte sich dies bestätigen, dann wäre dieser gut 2.200 Jahre alter Anatomieatlas aus China sogar mehrere Jahrhunderte älter als die Schriften des römischen Arztes Galenus, die bislang als die ältesten anatomischen Beschreibungen galten.

Tote Kriminelle als Anschauungsmaterial?

Doch woher hatten die Autoren dieser Texte ihr Wissen? In der damaligen Zeit, der Han-Ära, galten in China die Lehren des Konfuzius als Gesetz – und diese verboten die Sektion von Toten. „Der menschliche Körper wurde als heilig angesehen und eine Sektion galt als Verstümmelung eines Ahnen und war daher verboten“, erklären Shaw und ihre Kollegen. Auch das war ein Grund, warum die Mawangdui-Manuskripte bislang nicht als medizinische oder anatomische Texte betrachtet wurden.

Doch es gab ein Schlupfloch, wie die Forscher herausgefunden haben: In einer historischen Aufzeichnung aus der Han-Zeit wird erwähnt, dass ein hingerichteter Verbrecher einer Sektion unterzogen wurde. „Das belegt, dass das Verbot der Ahnenverstümmelung nicht für Kriminelle galt“, erklären Shaw und ihr Team. Es liege daher nahe, dass die Autoren der Mawangdui-Manuskripte sehr wohl Sektionen durchgeführt haben und dass sie so ihre detaillierte Kenntnis des menschlichen Innenlebens gewannen.

„Unsere Funde schreiben damit einen wichtigen Aspekt der chinesischen Geschichte um“, sagt Shaw. „Aber die Han-Zeit war eine Zeit großer Gelehrsamkeit und Innovation in der Kunst und in der Wissenschaft. Daher passt die Anatomie sehr gut ins Bild.“ (The Anatomical Record, 2020; doi: 10.1002/ar.24503)

Quelle: Bangor University

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