Babys könnten mit ersten Bakterien bereits in der Gebärmutter in Kontakt kommen Ist der Mutterleib doch nicht steril? - scinexx | Das Wissensmagazin
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Babys könnten mit ersten Bakterien bereits in der Gebärmutter in Kontakt kommen

Ist der Mutterleib doch nicht steril?

Mutterleib
Ist das Kind bereits im Mutterleib Bakterien ausgesetzt? © Janulla/ thinkstock

Von wegen unbesiedelt: Das menschliche Mikrobiom entwickelt sich womöglich doch schon im Mutterleib – und nicht erst nach der Geburt. Denn wie eine Studie nahelegt, ist die Gebärmutter alles andere als steril. Darauf deuten Funde bakterieller DNA in Fruchtwasser und Stuhlproben Neugeborener hin. Das Baby könnte entgegen gängiger Annahme demnach bereits im Mutterleib mit ersten nützlichen Bakterien in Kontakt kommen.

Dass nützliche bakterielle Mitbewohner für unsere Gesundheit eine entscheidende Rolle spielen, ist inzwischen hinlänglich bekannt. Doch wann beginnt sich dieses Mikrobiom zu entwickeln? Lange Zeit gingen Mediziner davon aus, dass der erste Kontakt mit Bakterien im Geburtskanal stattfindet. Die Gebärmutter galt dagegen als steril – zumindest, solange während der Schwangerschaft nichts schiefgeht.

Aus diesem Grund nahm man auch an, dass per Kaiserschnitt geborene Babys möglicherweise einen Nachteil haben. Schließlich kommen sie nicht mit den wertvollen vaginalen Bakterien in Berührung, die sonst die ersten Mitglieder der künftigen Mikrobengemeinschaft im Körper bilden. Inzwischen wird diese Annahme allerdings zunehmend in Frage gestellt: Könnte es sein, dass das Mikrobiom doch schon im Mutterleib etabliert wird?

Besiedelt oder nicht?

„In den letzten Jahren wurde bei Untersuchungen immer wieder bakterielle DNA im Fruchtwasser sowie im ersten Stuhl von Neugeborenen gefunden“, erklärt Lisa Stinson von der University of Western Australia in Perth. „Manche argumentierten jedoch, diese Befunde kämen durch Kontaminationen der analysierten Proben zustande.“

Um endgültig zu klären, ob der Fötus in einer sterilen Umgebung heranwächst oder nicht, haben Stinson und ihre Kollegen nun eine weitere Studie durchgeführt. Dafür analysierten sie das Fruchtwasser von 50 Frauen, bei denen ein geplanter Kaiserschnitt durchgeführt wurde und untersuchten außerdem den Stuhl der neugeborenen Kinder. Das Besondere: Die Wissenschaftler unternahmen sehr aufwändige Maßnahmen, um Verunreinigungen durch Probennahme und Analyse zu vermeiden.

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Einfluss aufs Immunsystem

Das Ergebnis: „Trotzdem entdeckten wir in fast allen Proben bakterielle DNA“, berichtet Stinson. Konkret wiesen die Forscherin und ihr Team in 36 von 43 verwertbaren Fruchtwasserproben Bakterien nach und auch in den Stuhlproben aller 50 Babys ließen sich Mikroben nachweisen. Interessanterweise war der Kot der Kinder individuell sehr unterschiedlich zusammengesetzt. Im Fruchtwasser fanden sich dagegen vor allem typische Hautbakterien wie Propionibacterium acnes und Staphylococcus-Arten.

Weitere Untersuchungen enthüllten einen auffälligen Zusammenhang: Abhängig von der Art und der Menge der Bakterien in Fruchtwasser und Stuhl unterschied sich auch die dortige Konzentration wichtiger Modulatoren des Immunsystems wie den Zytokinen oder bestimmten, kurzkettigen Fettsäuren. „Dies legt nahe, dass das fötale Mikrobiom das Immunsystem des Kindes beeinflussen könnte“, konstatiert Stinson.

Weitere Studien nötig

Wie die Wissenschaftler betonen, zeigten weder die Mütter, noch die Kinder Anzeichen von Infektionen. Sie gehen deshalb davon aus, dass die gefundenen Bakterien tatsächlich Teil einer nützlichen oder zumindest unschädlichen Mikrobengemeinschaft sind. Diese könnte die frühe Entwicklung des Babys entscheidend beeinflussen.

Um sicherzugehen, dass das menschliche Mikrobiom bereits in der Gebärmutter entsteht, sind in Zukunft allerdings noch weitere Studien nötig. Denn: Bisher haben Stinson und ihre Kollegen lediglich Bakterien-DNA nachgewiesen. „Der nächste Schritt wird nun sein zu bestätigen, dass die Bakterien im Mutterleib leben und ein wirkliches Mikrobiom bilden“, schließt Stinson. (Frontiers in Microbiology, 2019; doi: 10.3389/fmicb.2019.01124)

Quelle: Frontiers

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