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Immunabwehr reagiert schon auf Sicht

Der Anblick von potenziell Krankmachendem regt bereits die Antikörper-Produktion an

Krank
Wenn jemand sichtbar krank ist, dann kann schon der Anblick reichen, um bei uns die Antikörperproduktion anzuregen. © Aleksandr Rybalko/ Getty images

Vorbeugende Reaktion: Unser Immunsystem reagiert schon auf den bloßen Anblick von potenziell krankmachenden Symptomen wie Niesen, Husten oder Schleim – es produziert dann Antikörper, noch bevor Krankheitserreger im Körper präsent sind, wie Forschende herausgefunden haben. In ihrem Experiment stieg die Konzentration von Immunglobulin A im Speichel von Testpersonen nach Anblick grippekranker, niesender Menschen um gut 80 Prozent, bei ekligen Videos verfaulter Lebensmittel immerhin noch um fast 50 Prozent.

Ekel und Abscheu sind mehr als nur ein Gefühl – sie haben eine wichtige Schutzfunktion. Denn das instinktive Vermeidungsverhalten bewahrt uns davor, verdorbene Lebensmittel zu essen, fauliges Wasser zu trinken oder potenziell ansteckende Personen zu berühren. Um dies sicherzustellen, reagiert unser Geruchssinn sogar schneller und tiefgreifender auf eklige Gerüche als auf andere Duftnoten und auch unser Magen beginnt prophylaktisch mit stärkeren Kontraktionen.

Immunantwort im Videotest

Doch auch unser Immunsystem wird in einer ekligen, potenziell gesundheitsgefährdenden Situation alarmiert, wie Judith Keller von der Universität Hamburg und ihre Kollegen herausgefunden haben. Für ihre Studie hatten sie 116 Testpersonen verschiedene Videos gezeigt, in denen entweder eklige Dinge wie verfaulte Lebensmittel und Maden, eine neutrale Landschaft oder aber sichtlich kranke, niesende und hustende Grippepatienten gezeigt wurden.

Anschließend wurden die Testpersonen nach ihren Eindrücken und Ekelgefühlen befragt und ihr Speichel wurde auf die Konzentration von Immunglobulin A hin analysiert. Diese Antikörper sind im Schleim der Atemwege und in anderen Körperflüssigkeiten enthalten und bilden eine erste Abwehrbarriere gegen eindringende Krankheitserreger.

Mehr Antikörper nach Krankheits-Anblick

Die Tests ergaben: Die Testpersonen stuften wie erwartet sowohl die Krankheitsbilder als auch die verdorbenen Lebensmittel als eher eklig ein. Der Anblick der Grippekranken weckte zudem unwillkürlich die Furcht vor einer Ansteckung. Darüber hinaus reagierte jedoch auch das Immunsystem auf die Videos: „Es zeigte sich, dass die Konzentration von Immunglobulin A bei Testpersonen nach der Stimulation – vor allem bei Videos, die Menschen mit Krankheitssymptomen zeigen – anstieg“, berichtet Keller.

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Im Durchschnitt erhöhte sich Antikörpermenge im Speichel nach dem Schauen des Krankheitsvideos um 83 Prozent und nach dem Schauen von Videos mit verdorbenen Lebensmitteln um knapp 45 Prozent. „Dies ist besonders, da das physiologische Immunsystem bisher als hauptsächlich reaktiv gilt“, erklärt Keller. „Der Anstieg in unserer Studie spricht dafür, dass es auch schon reagiert, bevor das Pathogen in den Körper kommt.“

Vorbeugende Reaktion

Nach Ansicht der Forschenden demonstriert dies, dass Abscheu und Immunabwehr eng miteinander verzahnt sind und sich ergänzen: Der Ekel beeinflusst einerseits unser Verhalten und trägt so dazu bei, dass wir potenziellen Gesundheitsgefahren aus dem Weg gehen. Andererseits löst der Ekel auch eine Reaktion des Immunsystems aus, die die Abwehr schon einmal prophylaktisch mobilisiert.

„Allerdings müssen wir einschränken, dass unsere Studie keine direkten Beweise für eine erhöhte Immunität bei Personen liefert“, sagt Kellers Kollegin Esther Diekhof. Zukünftige Studien müssen nun untersuchen, ob der ekelbedingte Anstieg von Immunglobulin A tatsächlich einen verstärkten Schutz beispielsweise gegen Atemwegsviren verleiht. (Brain, Behavior, & Immunity – Health, 2022; doi: 10.1016/j.bbih.2022.100489)

Quelle: Universität Hamburg

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