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Im Westen Deutschlands werden die meisten Antibiotika verschrieben

Noch zu hohe Verschreibungsraten für kleine Kinder unter fünf Jahren

Medikamente
Vor allem im Westen Deutschlands bekommen Kinder und Erwachsenen noch immer zu viele Antibiotika. © MJ_Prototype/ Getty images

Die meisten Antibiotika werden in Deutschland in den westlichen Landesteilen verschrieben, wie eine Vergleichsstudie zeigt. Demnach zeigt die Verschreibung dieser Medikamente ein starkes Ost-West-Gefälle. In den westlichsten Landkreisen von Niedersachsen und Rheinland-Pfalz verabreichen die Ärzte kleinen Kindern fast viermal so viele Antibiotika wie im Süden und Südosten der Republik. Auch bei Erwachsenen gibt es starke regionale Unterschiede.

Antibiotika-Resistenzen nehmen weltweit zu und drohen, diese wichtigen Waffen gegen bakterielle Infektionen unwirksam zu machen. Ursache dafür ist neben dem Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung auch eine zu häufige und in einem Drittel der Fälle unnötige Verschreibung dieser Wirkstoffe durch Mediziner. Vor allem bei Kleinkindern könnte die Einnahme von Antibiotika zudem das Risiko für Asthma, Allergien und ADHS erhöhen.

Deutsche Landkreise im Vergleich

Wie es in Deutschland mit der Antibiotika-Verschreibungspraxis aussieht, haben Oliver Scholle vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) und seine Kollegen näher untersucht. Dafür werteten sie Daten zur Verschreibung solcher Mittel für mehr als 25 Millionen Menschen in allen deutschen Landkreisen und kreisfreien Städten aus. Sie verglichen dabei zudem Daten der Jahre 2010 und 2018, um den Trend einschätzen zu können.

„Eine umfassende kleinräumige Beschreibung der regionalen Unterschiede in der Antibiotika-Verschreibung in Deutschland fehlte bisher. Eine solche Beschreibung kann wichtige Hinweise liefern, wo hinsichtlich Antibiotic Stewardship noch Verbesserungsbedarf besteht“, erklärt Scholle. Unter Antibiotic Stewardship versteht man den verantwortungsvollen Einsatz von Antibiotika – etwa durch den Nachweis einer bakteriellen Infektion, die Wahl des geeigneten Antibiotikums oder Anpassung der Therapiedauer.

Tendenz insgesamt sinkend

Die gute Nachricht: Die Zahl der Antibiotika-Verschreibungen in Deutschland ist gesunken. 2010 wurden im Schnitt noch 575 Rezepte pro 1.000 Personen und Jahr ausgestellt, 2018 waren es nur noch 442. Das entspricht einem Rückgang um 23 Prozent, wie das Team berichtet. Besonders stark verringert hat sich dabei die Zahl der Verschreibungen bei Säuglingen unter einem Jahr, diese gingen um die Hälfte zurück.

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Die Auswertung zeigte auch, dass Kleinkinder besonders viele Antibiotika verabreicht bekommen: Im Alter von zwei bis fünf Jahren liegt die Verschreibungsrate bei 568 Rezepten pro 1.000 Kindern jährlich und sinkt dann bis zum Alter von 13 Jahren stark ab. Im Erwachsenenalter nehmen die Antibiotika-Verordnungen dann wieder zu und bewegen sich bis in höhere Alter um 500 pro 1.000 Personen jährlich. Jeder zweite Erwachsene bekommt demnach einmal im Jahr ein Antibiotikum.

Verschreibungen
Verschreibungszahlen für Erwachsene in Deutschland nach Landkreisen. © Scholle et al./ Antibiotics, CC-by 4.0

Im Westen am meisten

Auffallend jedoch sind die großen regionalen Unterschiede: „Wir fanden heraus, dass trotz eines allgemeinen Rückgangs der ambulanten Antibiotika-Verschreibungen zwischen 2010 und 2018 nach wie vor große Unterschiede zwischen den Kreisen zu beobachten sind, und das gilt für alle Altersgruppen“, sagt Scholle. Je weiter westlich ein Landkreis dabei in Deutschland liegt, desto mehr Antibiotika werden dort verschrieben.

Besonders hoch liegen die Verschreibungszahlen demnach in Landkreisen am westlichen Rand von Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Dort bekommen kleine Kinder fast viermal so häufig ein Antibiotikum wie in Südbayern und in den meisten östlichen Landkreisen Deutschlands. Bei Erwachsenen liegen die Verschreibungsraten immerhin noch rund doppelt so hoch. Warum ausgerechnet diese Teile des Landes so viele Antibiotika bekommen, ist unklar. Die Forschenden vermuten, dass Ärztemangel, kulturelle Gründe und beispielsweise die Erwartungen der Patienten eine Rolle spielen könnten.

Antibiotika-Arten nicht immer Leitlinien-konform

Die Studie zeigt auch, welche Antibiotika in Deutschland verschrieben werden und wem. Demnach bekommen kleine Kinder neben Penicillinen auch bis zu 40 Prozent Cephalosporine. „Dies entspricht nicht den deutschen Leitlinien“, erklären Scholle und sein Team. Der Anteil der Fluorchinolone, die teils schwerwiegende Nebenwirkungen wie Ader- und Sehnenschäden haben können, steigt bei Erwachsenen von acht Prozent im jungen Alter auf 20 Prozent bei über 65-Jährigen – auch das entspricht nicht den Empfehlungen.

„Es ist schon mal positiv, dass die Antibiotika-Verordnungen in Deutschland insgesamt einen rückläufigen Trend aufweisen. Die Ergebnisse unserer Studie zeigen aber auch klar, wo noch Verbesserungsbedarf besteht, das heißt, wo zielgerichtete Maßnahmen sinnvoll wären“, resümiert Seniorautorin Ulrike Haug vom BIPS. (Antibiotics, 2022; doi: 10.3390/antibiotics11070836)

Quelle: Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS

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