Kenntnis neurologischer Mechanismen beeinflusst Urteile und Moralvorstellungen Freier Wille – härtere Strafen? - scinexx | Das Wissensmagazin
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Kenntnis neurologischer Mechanismen beeinflusst Urteile und Moralvorstellungen

Freier Wille – härtere Strafen?

Freier Wille oder neurologische Programmierung? Wer über neuronale Mechanismen Bescheid weiß, weist Straftätern weniger Verantwortung für ihre Handlungen zu. © freeimages

Wie frei ist unser angeblich freier Wille wirklich? Wenn unsere Handlungen durch biologische Prozesse vorherbestimmt sind, grenzt das nach verbreiteter Ansicht die Schuldfähigkeit ein – wer diese Ansicht zumindest teilweise vertritt, schreibt den vermeintlich freien Entscheidungen und Handlungen weniger Verantwortung zu. US-amerikanische Psychologen haben dies im Experiment bestätigt: Wer grundlegende Ahnung von neuronalen Prozessen hat, gibt Kriminellen weniger Schuld und urteilt milder, berichten die Forscher im Journal „Psychological Science“.

Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass der Durchschnittsbürger dem freien Willen eine große Bedeutung im Rahmen des menschlichen Verhaltens beimisst. Doch aus wissenschaftlicher und juristischer Sicht ist dieses Thema äußerst heikel und kontrovers: Wie zurechnungsfähig war ein Täter bei seinem Verbrechen? Inwieweit ist beispielsweise ein sogenannter Triebtäter das Opfer eines eingeschränkten freien Willens? Oder liegt etwa allen kriminellen Handlungen ein neuronaler Mechanismus zugrunde, der die Willensfreiheit einschränkt? Zu diesen Fragen gibt es sehr unterschiedliche Meinungen. Die Studie der Forscher um Azim Shariff von der University of Oregon belegt nun, wie formbar die zugrundeliegenden Einstellungen sind.

Mildere Urteile nach Neurologie-Seminar

Für ihre Untersuchungen baten die Forscher eine Gruppe von Studenten einen Text zu lesen, der das menschliche Handeln eher als ein Resultat von neuronalen Mechanismen darstellte – also die Bedeutung des freien Willens tendenziell einschränkte. Eine Kontrollgruppe bekam hingegen einen Text zu lesen, der nichts mit dem Thema Willensfreiheit oder Hirnforschung zu tun hatte. Anschließend baten die Forscher beide Probandengruppen einen weiteren Text zu lesen, der von einem fiktiven Fall handelte, bei dem ein Mann einen anderen totgeschlagen hatte. Anschließend sollten alle Testteilnehmer dem Täter nach ihrem persönlichen Ermessen eine Gefängnisstrafe zuteilen.

Ergebnis: Die Probanden der Kontrollgruppe brummten dem fiktiven Totschläger durchschnittlich zehn Jahre Gefängnis auf. Diejenigen, die sich zuvor mit dem neurowissenschaftlichen Text befasst hatten, „verurteilten“ ihn jedoch nur zu fünf Jahren. Bei Befragungen stellte sich dann heraus, dass die Ursache für die Entscheidung zum vergleichsweise geringen Strafmaß eine geringere Einschätzung der Schuldfähigkeit des Täters war.

Einfluss von wissenschaftlicher Bildung auf die Gesellschaft

Diese Ergebnis konnten die Forscher durch einen weiteren Test zusätzlich untermauern: Sie baten erneut zwei Gruppen von Studenten, einem Täter eine Gefängnisstrafe zuzuordnen. Anschließend nahm die eine Gruppe ein Semester lang an Vorlesungen zum Thema Neurowissenschaften teil, die andere besuchte hingegen Geographie-Vorlesungen. Danach bekamen beide Probandengruppen erneut einen Kriminalfall zur Beurteilung vorgelegt. Der Vergleich zeigte: Die Teilnehmer der neurowissenschaftlichen Vorlesungen kamen zu deutlich milderen Urteilen als beim vergangenen Test. Die Studenten der Geographie-Vorlesungen verhängten hingen ähnliche Gefängnisstrafen wie zuvor.

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„Unsere Ergebnisse zeigen, dass Lerninhalte so etwas Fundamentales wie Einstellungen gegenüber der Bedeutung von Moral und Verantwortung verändern können“, sagt Shariff. „Das unterstreicht den Einfluss von wissenschaftlicher Bildung auf die Gesellschaft“. Ob man den Effekt nun als gut oder schlecht beurteilt, bleibt dahingestellt. Shariff und seine Kollegen messen ihrem Ergebnis aber eine große Bedeutung aus der Sicht der Psychologie zu und sie sehen darin auch eine wichtige Information für die Justiz.

(Psychological Science, 2014; doi: 10.1177/0956797614534693)

(Shariff et al., Psychological Science, 18.06.2014 – AKR)

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