Postmortale Gebärmutter-Spende führt erstmals zu erfolgreicher Geburt Erstes Kind aus dem Uterus einer Toten geboren - scinexx | Das Wissensmagazin
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Postmortale Gebärmutter-Spende führt erstmals zu erfolgreicher Geburt

Erstes Kind aus dem Uterus einer Toten geboren

Besonderes Babyglück: Erstmals ist ein Kind aus einer postmortal gespendeten Gebärmutter geboren worden. © Janulla/ thinkstock

Premiere: In Brasilien ist ein Kind geboren, dessen Mutter zuvor die Gebärmutter einer Toten erhalten hat. Es ist die weltweit erste erfolgreiche Geburt nach einer solchen postmortalen Uterus-Transplantation. Dieser Erfolg könnte nun neue Möglichkeiten für ungewollt kinderlose Frauen eröffnen, die keine funktionstüchtige Gebärmutter besitzen. Denn sie sind künftig womöglich nicht mehr nur auf Lebendspenden angewiesen – und hätten damit größere Chancen auf ein Spenderorgan.

Sie wünschen sich sehnlichst ein Kind: Doch rund zehn bis 15 Prozent der Paare im fortpflanzungsfähigen Alter können sich diesen Wunsch nicht erfüllen. Die möglichen Ursachen dafür sind vielfältig – mitunter liegt das Problem zum Beispiel im Uterus der Frau. So leiden manche Patientinnen unter angeborenen Fehlbildungen dieses für eine Schwangerschaft so wichtigen Organs. Andere wiederum haben von Geburt an gar keine Gebärmutter oder sie musste ihnen aufgrund von Tumoren oder anderen Erkrankungen entfernt werden.

Betroffenen Frauen bleibt eine letzte Hoffnung: die Transplantation. Spenden Verwandte oder enge Freundinnen der Kinderlosen ihre Gebärmutter, kann sie womöglich doch noch Nachwuchs bekommen. Erstmals geglückt ist ein solches Verfahren im Jahr 2014 in Schweden. Seitdem haben weltweit 39 Uterus-Transplantationen zu elf erfolgreichen Geburten geführt. All diese Geburten kamen durch Lebendspenden zustande – doch wäre es nicht auch möglich, unfruchtbaren Frauen das Organ von verstorbenen Spenderinnen zu transplantieren?

Eine Premiere

Genau das haben Forscher in den vergangenen Jahren immer wieder versucht. Zu einer erfolgreichen Geburt kam es dabei allerdings nie – bis jetzt. Denn nun ist Medizinern um Dani Ejzenberg von der Universität São Paulo in Brasilien der entscheidende Erfolg gelungen: Sie transplantierten einer Frau die Gebärmutter einer hirntoten Spenderin. Die Empfängerin brachte daraufhin das weltweit erste Kind nach einer postmortalen Uterus-Spende zur Welt.

Die 32-jährige Empfängerin litt unter dem sogenannten Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndrom – sie hatte von Geburt an keinen Uterus. Um doch noch ein Kind bekommen zu können, unterzog sich die Patientin zunächst einer Hormonbehandlung. Dabei wurden acht reife Eizellen gewonnen, die bis zur späteren In-vitro-Befruchtung eingefroren wurden. Vier Monate später bot sich die Chance: Eine 45-jährige Organspenderin verstarb an einer Hirnblutung.

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Zehnstündige Operation

Dieser Frau wurde ihre Gebärmutter entnommen und der kinderlosen Patientin im Rahmen einer zehneinhalbstündigen Operation transplantiert. Wie Dani Ejzenberg und seine Kollegen berichten, kehrte die Empfängerin nach acht Tagen im Krankenhaus nach Hause zurück. Um eine Abstoßung zu verhindern, nahm die Frau Immunsuppressiva ein, die ihre Funktion offenbar gut erfüllten: Fünf Monate nach der Transplantation zeigte der Uterus keine Anzeichen von Abstoßungsreaktionen und schien gesund zu sein.

Sieben Monate nach dem Eingriff erfolgte der nächste entscheidende Schritt: Die Wissenschaftler pflanzten der Frau ihre zuvor befruchteten Eizellen ein. Wie sie betonen, klappte dies damit weitaus früher als bei bisherigen Uterus-Transplantationen. Bei diesen erfolgte die Einpflanzung der Eizellen typischerweise erst nach einem Jahr.

Gesundes Dezember-Mädchen

Dass der Versuch des brasilianischen Teams von Erfolg gekrönt war, zeigte sich am 15. Dezember 2017. Ein gesundes, 2.550 Gramm schweres Mädchen wurde geboren – das erste Kind, das in der Gebärmutter einer Toten herangewachsen ist. Auf die Welt wurde das Baby per Kaiserschnitt geholt. Dabei entfernten die Mediziner gleichzeitig auch den Uterus, der nun nicht mehr benötigt wurde. Der Vorteil: Nach der Vollendung dieses Eingriffs musste die Mutter auch keine Immunsuppressiva mehr schlucken.

Seither entwickeln sich Mutter und Kind normal und sind wohlauf, wie die Forscher berichten: „Zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Artikels ist das Kind sieben Monate und 20 Tage alt und wird weiterhin gestillt. Mit 7,2 Kilogramm Körpergewicht und 62 Zentimeter Größe zeigt es normale Entwicklungsparameter.“

Neue Option für unfruchtbare Frauen?

„Die Nutzung von Organen Verstorbener könnte den Kreis an potenziellen Spendern erweitern und mehr Patientinnen Zugang zu diesem Verfahren ermöglichen“, konstatiert Ejzenberg. „Unsere Ergebnisse belegen die Machbarkeit dieser neuen Option für Frauen mit uteriner Unfruchtbarkeit.“ Tatsächlich handele es sich bei der Arbeit der Mediziner um einen Meilenstein, ist auch der nicht an der Transplantation beteiligte Antonio Pellicer von der Kinderwunschklinik IVI in Rom überzeugt. Er betont aber auch, dass sich das Verfahren in Zukunft erst noch bewähren muss und viele Fragen offenbleiben.

Dies sieht Xavier Rogiers vom Universitätsklinikum Gent in Belgien ähnlich: „Bei Uterus-Transplantationen muss man noch alles erlernen, was man bei der Transplantation von anderen Organen schon weiß. Dennoch hat diese Form der Transplantation alle Chancen, eine sehr wichtige Rolle in der künftigen Behandlung der uterinen Infertilität zu spielen.“ (The Lancet, 2018; doi: 10.1016/S0140-6736(18)32106-8)

Quelle: The Lancet

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