Mikroorganismen können autoaggressive Immunzellen aktivieren Darmflora als Auslöser für Multiple Sklerose - scinexx | Das Wissensmagazin
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Mikroorganismen können autoaggressive Immunzellen aktivieren

Darmflora als Auslöser für Multiple Sklerose

Eine demyelinisierte Läsion im Gehirn eines MS-Patienten © Marvin 101/ CC-by-sa 3.0

Missetäter im Darm: Bestimmte Bestandteile der Darmflora können als Auslöser der Multiplen Sklerose agieren. Eine Zwillingsstudie zeigt: Bei gleicher genetischer Vorbelastung sind es subtile Unterschiede in der Zusammensetzung des Mikrobioms, die offenbar zwischen Gesundheit und Krankheit entscheiden. Wurden Mäuse mit Darmfloraproben der MS-kranken Geschwister geimpft, erkrankten sie zu fast hundert Prozent.

Über zwei Millionen Menschen weltweit leiden an Multipler Sklerose – der häufigsten entzündlichen Erkrankung des zentralen Nervensystems. Vor allem junge Erwachsene sind von dieser Autoimmunerkrankung des Hirns und Rückenmarks betroffen, bei der das Immunsystem die Myelinhülle der Nerven angreift und Entzündungsherde im Gehirn auslöst. Als Folge sterben Nervenzellen ab und Reize werden nicht mehr korrekt weitergegeben.

Ist die Erkrankung einmal ausgebrochen, verläuft sie oft in Schüben. Welche biologischen Prozesse zu einem Ausbruch der Krankheit führen, darüber ist jedoch nur wenig bekannt. Mediziner vermuten unter anderem, dass die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke, bestimmte Gerinnungsfaktoren im Blut sowie genetische Mutationen eine Rolle spielen. Auch die Darmflora steht schon länger als möglicher Auslöser in Verdacht.

Macht die Darmflora bei Zwillingen den Unterschied zwischen gesund und MS-krank? © MPI für Biochemie/ Menzfeld

Gleiche Gene, andere Darmflora

So wiesen Wissenschaftler vor einigen Jahren nach, dass – bei entsprechender genetischer Veranlagung – Mikroorganismen im Darm von Mäusen T-Zellen aktivieren können, die den Körper angreifen: Betroffene Tiere entwickelten eine der menschlichen MS-Erkrankung ähnliche Entzündung im Gehirn. Solche potentiell autoaggressiven Immunzellen hat jeder Mensch, doch diese befinden sich in der Regel lebenslang im „Schlafzustand“. Der Tierversuch legt aber nahe, dass das pathogene Potenzial dieser Zellen durch bestimmte Darmbakterien geweckt werden kann.

Um mehr über diesen Zusammenhang herauszufinden, haben Kerstin Berer vom Max-Planck-Institut für Neurobiologie in Martinsried und ihre Kollegen nun die Darmflora eineiiger Zwillinge verglichen, bei denen jeweils ein Geschwisterteil an Multipler Sklerose erkrankt ist. Die Idee: Weil die Zwillingspaare genetisch identisch sind, sollten sich auf diese Weise MS-relevante Unterschiede der Darmflora ausmachen lassen.

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Subtile Unterschiede mit Durchschlagskraft

Tatsächlich zeigte der Vergleich der Darmflora von mehr als 50 Zwillingspaaren einige interessante, wenn auch subtile Unterschiede. Doch spielten diese tatsächlich eine Rolle für die Krankheitsentwicklung? Um das zu überprüfen, impften die Forscher keimfrei gehaltene, genetisch veränderte Mäuse mit Darmfloraproben der Studienteilnehmer.

Das Ergebnis: Tiere, die das Mikrobiom der Multiple Sklerose-Patienten bekamen, erkrankten zu fast hundert Prozent an einer MS-ähnlichen Hirnentzündung. Das Mikrobiom der gesunden Geschwister löste dagegen nur selten einen Ausbruch der Erkrankung aus. Die Untersuchungen bestätigten damit erstmals, dass Bestandteile der Darmflora von MS-Patienten eine funktionelle Rolle bei der T-Zellaktivierung spielen und somit ein Auslöser für die Multiple Sklerose beim Menschen sein können, berichtet das Team.

Die Forschung geht weiter

„Nun kommt es darauf an, die in Frage kommenden Mikroorganismen weiter einzugrenzen und zu untersuchen“, sagt Berers Kollege Hartmut Wekerle. Der Mediziner gibt jedoch zu bedenken, dass sich die Untersuchungen über Jahre hinwegziehen werden und nach wie vor offen ist, ob und welche Diagnose- und Therapieverfahren daraus entstehen können.

Von einer „Fäkaltransplantation“ von gesunden Menschen auf MS-Patienten als mögliche, schnelle Hilfe hält der Forscher allerdings nichts: „Da weiß man nie genau, was drin ist“, schließt er. (Proceedings of the National Academy of Sciences, 2017; doi: 10.1073/pnas.1711233114)

(Max-Planck-Institut für Neurobiologie, 14.09.2017 – DAL)

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