Ins Erbgut der ersten genmanipulierten Babys eingeschleuste Mutation birgt gesundheitliche Risiken CRISPR-Babys: Geringere Lebenserwartung? - scinexx | Das Wissensmagazin
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Ins Erbgut der ersten genmanipulierten Babys eingeschleuste Mutation birgt gesundheitliche Risiken

CRISPR-Babys: Geringere Lebenserwartung?

In-vitro-Fertilisation
Die bei der künstlichen Befruchtung eingeschleuste Genveränderung könnte für die in China geborenen Babys erhebliche Risiken bedeuten. © manatmouse/ istock

Fataler Eingriff: Die in das Erbgut der ersten gentechnisch veränderten Babys eingeschleuste Mutation ist offenbar mit erheblichen Nachteilen verbunden. Eigentlich sollte der ethisch umstrittene Eingriff die in China geborenen Zwillingsmädchen vor späteren HIV-Infektionen bewahren. Doch Analysen zeigen nun: Der Preis für diesen Schutz scheint hoch zu sein. Denn Menschen, die zwei Kopien dieser Genvariante in sich tragen, haben insgesamt eine deutlich geringere Lebenserwartung.

Es war ein Tabubruch: Im November vergangenen Jahres verkündeten chinesische Forscher die Geburt der ersten genetisch veränderten Babys – Zwillingsmädchen mit einer Mutation im sogenannten CCR5-Gen. Diese Mutation sollte die Kinder vor späteren HIV-Infektionen schützen. Sie sei während der künstlichen Befruchtung mithilfe der Genschere CRISPR/Cas9 in die befruchteten Eizellen eingeschleust worden, berichteten He Jiankui von der South University in Shenzen und seine Kollegen.

Ethisch und medizinisch fragwürdig

Die Nachricht sorgte in der Öffentlichkeit für einige Furore und Kritik. Denn gentechnische Eingriffe an Spermien, Eizellen und Embryos sind ethisch hoch umstritten. Mit solchen Veränderungen der Keimbahn verändern Forscher nämlich nicht nur das Erbgut einzelner Personen – sie machen die Genmanipulationen vererbbar und beeinflussen damit auch nachfolgende Generationen. Im Falle der Zwillingsmädchen stellten Experten darüber hinaus den medizinischen Nutzen des Eingriffs in Frage.

Demnach kann die eingeführte Genveränderung, die einer natürlich auftretenden Mutation namens Delta 32 ähnelt, zwar das Eindringen von HI-Viren in Körperzellen verhindern. Gleichzeitig macht diese Genvariante jedoch anfälliger gegenüber anderen Krankheitserregern wie Influenza oder dem West-Nil-Virus. Xinzhu Wei und Rasmus Nielsen von der University of California in Berkeley wollten es aus diesem Grund nun genauer wissen: Inwiefern beeinflusst die CCR5-Delta-32-Variante die Gesundheit und damit die Lebenserwartung Betroffener?

Verringerte Lebenserwartung

Um dies herauszufinden, analysierten die Forscher Gendaten von 409.693 Briten, die in der UK Biobank gespeichert sind. Die Ergebnisse offenbarten: Personen mit zwei veränderten Kopien des CCR5-Gens in ihrem Erbgut hatten eine deutlich geringere Lebenserwartung als solche mit nur einem oder keinem mutierten Allel. Bei Betroffenen im Alter zwischen 41 und 78 Jahren war die Todesrate signifikant höher als bei den Kontrollpersonen, wie Wei und Nielsen herausfanden. Konkret war ihre Chance, den 76. Geburtstag zu erreichen, im Vergleich um rund 20 Prozent geringer.

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Dies könnte einerseits an der höheren Anfälligkeit für Grippeerkrankungen und damit verbundene Komplikationen liegen. Den Wissenschaftlern zufolge sind aber auch eine Reihe anderer Ursachen denkbar. Schließlich spiele das Protein, dessen Bauanleitung das CCR5-Gen enthält, eine Rolle für zahlreiche unterschiedliche Körperfunktionen. Und noch etwas ergaben die Auswertungen: Insgesamt trugen deutlich weniger Menschen zwei mutierte Varianten des CCR5-Gens als die Forscher erwartet hatten.

„Mehr Nachteile als Vorteile“

„Sowohl die Zahl der Betroffenen in der Stichprobe als auch die Überlebensrate erzählen die gleiche Geschichte: Menschen mit zwei Kopien dieser Mutation haben eine höhere Sterblichkeit“, konstatiert Nielsen. „Abgesehen von den vielen ethischen Fragen zeigt dies, dass der bei den CRISPR-Babys vorgenommene Eingriff ins Erbgut medizinisch problematisch ist: Es handelt sich um eine Mutation, die im Schnitt vermutlich mehr Nachteile als Vorteile bringt.“

Wie er und sein Kollege betonen, gibt es bis heute zwar keine wissenschaftliche Publikation zu den „CRISPR-Babys“. Laut online verfügbaren Informationen trägt jedoch eines der beiden Zwillingsmädchen Veränderungen in beiden Allelen – und könnte somit von den nun beobachteten negativen Effekten betroffen sein.

Großer Unsicherheitsfaktor

Weitere Studien sollen in Zukunft überprüfen, ob der Zusammenhang zwischen der CCR5-Mutation und der Lebenserwartung auch für andere Bevölkerungsgruppen gilt. Klar ist den Wissenschaftlern zufolge aber schon jetzt: Sowohl die Risiken der Genschere als auch die Folgen der von ihr eingeführten Mutationen sind noch längst nicht gut genug erforscht.

Trotz möglicher Vorteile solcher gentechnischen Interventionen plädiert das Forscherteam daher zu Vorsicht: „Die CRISPR-Technologie ist aktuell noch viel zu gefährlich, um sie für Eingriffe in die Keimbahn zu verwenden“, warnt Wei. (Nature Medicine, 2019; doi: 10.1038/s41591-019-0459-6)

Quelle: Nature Press/ University of California Berkeley

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