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Covid-19: Parodontitis kann schweren Verlauf fördern

Zahnfleischschwund ist wahrscheinlich ebenfalls ein Risikofaktor für Covid-19

Parodontitis
Eine chronische Zahnfleischentzündung gefährdet nicht nur die Zähne, sie erhöht möglicherweise auch das Risiko für einen schwereren Covid-19-Verlauf. © Judita Jurkenaite/ iStock

Risikofaktor Zahnfleisch: Wer unter einer chronischen Zahnfleischentzündung leidet, könnte ein höheres Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf haben. Patienten mit Parodontitis müssen im Schnitt 3,5-mal häufiger auf der Intensivstation behandelt werden und 4,5-mal häufiger beatmet werden, wie eine Studie an gut 560 Patienten nahelegt. Ursache dafür könnten die von der Parodontitis erzeugten Entzündungsbotenstoffe, aber auch ein direkter Effekt der Mundbakterien sein.

Bei den meisten Menschen verläuft eine Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 glimpflich, aber rund 20 Prozent der Covid-19-Patienten erleiden einen schweren Verlauf: Sie müssen im Krankenhaus behandelt werden, bei einigen kommt es zu einer schweren, körperweiten Entzündungsreaktion, dem Cytokinsturm. Als klassische Risikofaktoren für einen solchen schweren Verlauf gelten Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes, Übergewicht, aber auch genetische Faktoren und der Immuntyp spielen eine Rolle.

Beeinflusst die Mundgesundheit den Covid-Verlauf?

Jetzt haben Forscher einen weiteren Risikofaktor identifiziert: Parodontitis. Diese chronische Zahnfleischentzündung wird von Bakterien verursacht und kann im Extremfall zum Ausfallen der Zähne führen. Rund die Hälfte aller Erwachsenen weltweit entwickeln eine leichte bis mittlere Parodontitis, rund zehn Prozent leiden unter einer schwereren Form. Schon länger ist bekannt, dass die unterschwellige Entzündung und die von ihr erzeugten Botenstoffe auch andere Krankheiten fördern können, darunter Herz-Kreislauferkrankungen, Alzheimer und sogar Krebs.

Deshalb haben sich Nadya Marouf von der Hamad Medical Corporation in Doha und ihre Kollegen die Rolle der Parodontitis auch bei Covid-19 näher angeschaut. Ausgangspunkt war, dass einige der bei schweren Verläufen beobachteten Botenstoffe auch bei der Zahnfleischentzündung freigesetzt werden: „Die Covid-19-Mortalität wird mit erhöhten Serumwerten von Interleukin-6, dem C-reaktivem Protein, D-Dimer und Ferritin in Verbindung gebracht“, erklären sie.

Für ihre Studie untersuchten die Forscher den Covid-19-Verlauf bei 568 Patienten, die zwischen Februar und Juli 2020 in Krankenhäuser in Katar eingeliefert wurden. Mithilfe von elektronischen Krankenakten konnten sie zudem nachvollziehen, ob und wie stark die Betroffenen unter Parodontitis litten.

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Mehr Beatmung, höhere Mortalität

Das Ergebnis: Von den 258 Covid-19-Patienten mit Parodontitis entwickelten 33 schwere Komplikationen und mussten intensivmedizinisch behandelt und beatmet werden. Unter den 310 Patienten mit keiner oder nur leichter Zahnfleischentzündung waren es nur sieben. Nähere Analysen ergaben, dass der schwere Verlauf auch dann überproportional häufiger bei Parodontitis-Patienten auftrat, wenn andere Risikofaktoren berücksichtigt wurden.

Insgesamt ergab sich für das Risiko: Covid-19-Patienten mit Parodontitis wurden 3,5-mal häufiger auf die Intensivstation eingewiesen, sie benötigten 4,5-mal häufiger ein Beatmungsgerät und starben fast neunmal häufiger als diejenigen ohne Zahnfleischerkrankungen. Ebenso waren mit Entzündungen verbundene Biomarker bei COVID-19-Patienten mit Parodontitis erhöht. Nach Ansicht der Forscher spricht dies stark dafür, dass die Parodontitis ähnlich wie andere Vorerkrankungen ein Risikofaktor für schwere Verläufe von Covid-19 ist.

Wirkung über Botenstoffe oder die Bakterien direkt

Warum und auch welche Weise die Zahnfleischentzündung den Verlauf von Covid-19 beeinflusst, ist noch unklar. Einer Hypothese nach begünstigen die im Mund freigesetzten Botenstoffe die systemischen Entzündungen und die Überreaktion des Immunsystems beim Cytokinsturm. Eine andere Vermutung wäre, dass die Parodontitis-Bakterien das Coronavirus oder die ACE2-Rezeptoren auf den Zellen beeinflussen.

Eine weitere Möglichkeit wäre eine sekundäre Infektion durch Parodontitis-Bakterien, die aus dem Mund in die Lunge gelangen und dort zusätzliche Entzündungen auslösen. „Dies kann zur Verschlechterung von Patienten mit Covid-19 beitragen und das Todesrisiko erhöhen“, erklärt Koautor Mariano Sanz von der Complutense-Universität Madrid. Er empfiehlt daher, bei Covid-19-Patienten mit Parodontitis den Mundraum vor der Beatmung zu desinfizieren.

Mundgesundheit gerade jetzt wichtig

Generell empfehlen die Mediziner, auch in Zeiten der Pandemie die Mundgesundheit nicht zu vernachlässigen: „Die Feststellung und Aufrechterhaltung der parodontalen Gesundheit kann ein wichtiger Bestandteil der Versorgung von Covid-19-Patienten werden. Mundpflege sollte Teil der Gesundheitsempfehlungen sein, um das Risiko für schwere Verläufe zu verringern“, kommentiert Bettina Dannewitz, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie die Studienergebnisse. (Journal of Clinical Periodontology, 2021; doi: 10.1111/jcpe.13435)

Quelle: Deutschen Gesellschaft für Parodontologie e.V.

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