Testrate und soziales Zusammenleben beeinflussen den Anteil der Todesfälle Coronavirus: Warum sind die Todesfallraten so verschieden? - scinexx | Das Wissensmagazin
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Coronavirus: Warum sind die Todesfallraten so verschieden?

Testrate und soziales Zusammenleben beeinflussen den Anteil der Todesfälle

SARS-CoV-2
Aus dem Gewebe eines Covid-Patienten isolierte Coronaviren beim Austritt aus menschlichen Zellen. © NIAID

Auffallende Unterschiede: In Italien erreicht die Todesrate bei Covid-19 fast zehn Prozent, in Deutschland liegt sie dagegen bei nur rund 0,5 Prozent. Aber warum? Dazu gibt es derzeit mehrere Hypothesen. Ein Grund könnte sein, dass in Deutschland mehr getestet wurde und daher auch jüngere Menschen mit milden Verläufen unter den offiziell Diagnostizierten sind. Ein weiterer Grund könnte aber auch die Sozialstruktur in den verschiedenen Ländern sein, wie nun Forscher berichten.

Todesfälle Covid-19
Todesfallraten verschiedener Länder im Vergleich (Stand Mitte März) © Moritz Kuhn

Im Hinblick auf die Schwere der Verläufe bei der Coronavirus-Pandemie gibt es auffallende Unterschiede: Ein Blick in die offiziellen Fallzahlen der WHO am 25. März morgens zeigt für Italien 69.176 mit dem Coronavirus Infizierte und 6.820 Tote – das entspricht einer Letalität von fast zehn Prozent. In Spanien kommen auf 42.058 an Covid-19 erkrankte Personen rund 2.991 Todesfälle – mehr als fünf Prozent. Für Deutschland dagegen listet das WHO-Dashboard 32.991 Covid-Fälle und 159 an der Viruserkrankung Gestorbene – das entspricht einer Todesrate von nur rund 0,5 Prozent.

Mangel an Tests verzerrt die Statistik

Woher kommen diese Unterschiede? Ein erster wichtiger Faktor ist die Unsicherheit in der Zahl der Covid-Fälle: Epidemiologen gehen davon aus, dass ein Großteil der Infektionen mit SARS-CoV-2 nicht erkannt wird, weil die Betroffenen keine oder kaum Symptome entwickeln. Da es bisher kaum ein Land gibt, in dem systematische Reihentestungen der Bevölkerung stattfinden, könnten sogar sechs von sieben Coronavirus-Infektionen unerkannt bleiben – die Dunkelziffer ist demnach hoch.

Dennoch gibt es zwischen den Ländern Unterschiede darin, wie hoch der Anteil der getesteten Verdachtsfälle ist. Während in Italien wegen der Überforderung des Gesundheitssystems und einem Mangel an Tests nur die schwersten Fälle erfasst wurden und werden, konnten in Deutschland – bisher – auch viele Patienten mit milden Verläufen getestet werden. Weil sich die Letalität aus der Zahl der Infizierten durch die Todesfälle ergibt, verzerrt dies die Statistik erheblich.

Coronavirus-Testset für den klassischen PCR-Virennachweis. © anyaivanova/ iStock

Erst flächendeckende Antikörpertests zeigen wahre Letalität

Allerdings: Inzwischen stoßen auch die deutschen Testlabore an ihre Kapazitätsgrenzen. „Wir sind da jetzt schon am Anschlag“, erklärte Christian Drosten, Chefvirologe an der Charité in Berlin vor einigen Tagen. Auch hierzulande werden nur noch schwerere Fälle getestet und alle möglicherweise mitinfizierten Angehörigen und Kontaktpersonen ungetestet in Quarantäne geschickt. Das könnte bedeuten, dass bei weiter steigenden Zahlen von Covid-Erkrankten sich das Verhältnis der Testrate zu Todesfällen ähnlich verschiebt wie in Italien oder Spanien.

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Wie tödlich das Coronavirus tatsächlich ist, wird man wahrscheinlich erst dann feststellen können, wenn man flächendeckende Antikörpertests durchführt. Sie zeigen nicht nur die akute Infektion an, sondern auch, wer Covid-19 unbemerkt überstanden hat. „Wir werden in wenigen Wochen in der Lage sein, diese Laborteste in so großer Menge von diesen Herstellern zu bekommen, dass wir dann solche Querschnitts-Untersuchungen an der Bevölkerung machen können“, berichtet Drosten.

Form des Zusammenlebens mitentscheidend

Doch in der Frage der Todesrate gibt es noch einen Faktor, der zumindest einen Teil der Länderunterschiede erklären könnte, wie Moritz Kuhn und Christian Bayer von der Universität Bonn herausgefunden haben. Ausgehend von der Tatsache, dass in Italien überproportional viele ältere Menschen an Covid-19 erkrankt und gestorben sind, haben sie untersucht, ob die Form des Zusammenlebens von Alt und Jung eine Rolle für die Ansteckungsrate und Sterblichkeit von Älteren spielt.

Generationsübergreifendes Wohnen
Anteil der im Haushalt der Eltern lebenden Erwachsenen mittleren Alters. © Moritz Kuhn

Und tatsächlich: Ein auffälliger Unterschied zwischen Italien und Deutschland ist den Forschern zufolge, dass es bei uns seltener Haushalte mit mehreren Generationen unter einem Dach gibt. In Italien – und auch Spanien – ist es dagegen weit üblicher, dass die Großeltern mit im Haus wohnen und beispielsweise die Enkel mitversorgen. Auch junge Paare, die sich noch keine eigene Wohnung leisten können, wohnen häufig noch zuhause bei den Eltern.

Höheres Risiko für Großeltern im Haushalt

Das Problem dabei: Durch dieses enge Zusammenleben gibt es viel alltäglichen Kontakt und Austausch zwischen den Generationen – und wenn sich jüngere anstecken, springt das Virus schnell auf die ältere Generation über. „In Ländern wie Italien, in denen Ältere oft mit der gesamten Familie unter einem Dach wohnen, steigt dann der Anteil der Krankheitsverläufe mit tödlichem Ausgang deutlich“, erklärt Kuhn. Je mehr Erwerbstätige mit ihren Eltern zusammenleben, desto höher ist der Anteil der Corona-Toten dadurch am Anfang der Epidemie, wie die Studie ergab.

Nach Ansicht der Forscher lässt sich durch diese Erkenntnis auch einschätzen, wie hoch das Risiko für andere, noch am Anfang der Infektionskurve stehende Länder ist. So ist das generationsübergreifende Zusammenleben auch in vielen osteuropäischen Ländern wie Polen, Kroatien oder Bulgarien verbreitet. Auf sie könnte eine ähnliche Situation wie in Italien zukommen, wenn sie die empfohlenen Maßnahmen, wie die Einhaltung einer „sozialen Distanz“, zum Schutz der älteren Bevölkerung zu spät umsetzen, warnen die Wissenschaftler.

Auch im asiatischen Raum sind die generationsübergreifenden Kontakte viel ausgeprägter als bei uns. Dass die Letalitätsquoten dennoch geringer ausfallen, liege an einer insgesamt jüngeren Bevölkerung, könne aber auch an anderen Formen der sozialen Interaktion – wie unterschiedlichen Begrüßungsritualen – liegen, erklären die Forscher.

Alle Informationen rund um die Coronavirus-Pandemie haben wir für Sie in unserem Themenspecial zusammengefasst.

Quelle: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Drosten: Coronavirus-Blog

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