Experten sehen keine Hinweise auf einen Ursprung von SARS-CoV-2 im Labor von Wuhan Coronavirus: Doch aus dem Virenlabor? - scinexx | Das Wissensmagazin
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Coronavirus: Doch aus dem Virenlabor?

Experten sehen keine Hinweise auf einen Ursprung von SARS-CoV-2 im Labor von Wuhan

SARS-CoV-2
Kommt SARS-CoV-2 doch aus einem Labor? In den USA ist diese Theorie populär, aber Virologen bezweifeln dies stark. © koto_feja/ iSTock

Schuldzuweisung oder realistische Annahme? US-Präsident Donald Trump schürt das Gerücht eines Labor-Ursprungs von SARS-CoV-2. Demnach soll das Coronavirus aus einem Forschungslabor in Wuhan freigesetzt worden sein. Aber was ist dran an diesem Szenario? Nachdem es schon vor einigen Wochen dazu erste genetische Erkenntnisse gab, haben sich nun auch weitere Forscher zu Wort gemeldet.

Seit das Coronavirus SARS-CoV-2 im Dezember in Wuhan aufgetaucht ist, wird weltweit über den Ursprung dieses Erregers gerätselt. Klar scheint, dass er von in Fledermäusen verbreiteten Coronaviren abstammt. Dann aber muss das Virus seine Bindungsstelle am krönchenartigen Spike-Protein durch Mutationen so angepasst haben, dass sie auch an dem ACE2-Rezeptor menschlicher Zellen andocken kann.

Die große Frage aber ist: Geschah dies auf natürlichen Wege, beispielsweise beim Aufenthalt in einem weiteren Wildtier? Oder wurden diese Anpassungen künstlich hervorgerufen – in einem Virenlabor? In diesem Fall fiele der Verdacht vor allem auf das Wuhan Institute of Virology (WIV) – ein Forschungsinstitut im Epizentrum der Pandemie, das unter anderem auch an tierischen Coronaviren forscht. Könnte SARS-CoV-2 aus diesem Virenlabor freigesetzt worden sein?

US-Geheimdienste wurden nicht fündig

Das Virenlabor steht auch im Zentrum der Anschuldigungen, die unter anderem US-Präsident Donald Trump erhoben hat. Wie er in seinen Pressekonferenzen und per Twitter erklärte, halte er es für durchaus wahrscheinlich, dass SARS-CoV-2 in diesem Labor erzeugt und dann absichtlich oder versehentlich freigesetzt wurde. China würde dies jedoch vertuschen, so der Vorwurf.

Allerdings haben selbst die US-Geheimdienste bislang keinerlei Belege für dieses Szenario gefunden. So sollen schon im Januar 2002 Experten der CIA damit beauftragt worden sein, nach Hinweisen auf einen Ursprung des Coronavirus in diesem Labor zu suchen. Doch wie die New York Times berichtet, fanden sie nichts. Ähnliches sagte der Vorsitzende der Joint Chiefs, US-General Mark Milley, gegenüber dem US-Magazin „Politico“: „Wir haben eine Menge Geheimdienstexperten das ganze gründlich prüfen lassen“, so Milley. „Bislang sind die Daten uneindeutig, der Großteil der Bewiese scheint aber auf einen natürlichen Ursprung hinzudeuten.“

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Keine genetische Übereinstimmung mit Laborviren

Doch auch von chinesischer Seite wurde dieses Szenario überprüft. Noch im Dezember 2019 ein Team um die chinesische Virologin Zhengli Shi genau das untersucht. Sie gehört zu den Wissenschaftlerinnen, die am WIV an Fledermaus-Coronaviren forschen. Nachdem sie vom Leiter des WIV alarmiert worden war, analysierten sie und ihr Team deshalb Proben von Covid-19-Patienten und sequenzierten bis zum 7. Januar als erstes Forscherteam weltweit das Genom des neuen Virus.

Der Vergleich dieses Genoms mit dem bekannter Coronaviren bestätigte: SARS-CoV-2 ist ein neues Virus und sein Genom ist zu 96 Prozent mit dem des RaTG13-Coronavirus identisch, das die Virologen erst kurze Zeit zuvor aus Hufeisennasen-Fledermäusen in der Provinz Yunnan in Südchina isoliert hatten. Gleichzeitig aber ergaben Vergleich mit den im WIV kultivierten Viren, dass SARS-CoV-2 mit keinem dieser Labor-Coronaviren übereinstimmte, wie Shi gegenüber dem Scientific American berichtete. „Das hat mir wirklich ein große Last vom Herzen genommen“, sagt sie. „Ich hatte deswegen tagelang nicht geschlafen.“

„50 Jahre auseinander“

Doch wie verlässlich ist die Aussage dieser Virologin, die ja immerhin keine Unbeteiligte ist? Nach Ansicht des Virologen Edward Holmes von der University of Sydney spricht einiges dafür, dass die Forscherin Recht hat – und dass das WIV nicht die Quelle von SARS-CoV-2 ist. „Das Ausmaß der genetischen Unterschiede zwischen SARS-CoV-2 und RaTG13 entspricht im Schnitt 50 Jahren der evolutionären Veränderung“, erklärt der Forscher. „SARS-CoV-2 ist daher nicht aus RaTG13 entwickelt worden.“

Rein theoretisch wäre es zwar möglich, ein Fledermaus-Virus gezielt Zucht in menschlichen Zellkulturen zu züchten und es so seine Anpassung an den neuen Wirt zu fördern. Aber um das RaTG13-Virus so stark zu verändern, hätte man den Erreger deutlich länger im Labor kultivieren müssen als es in Wuhan geschehen ist, sagt Holmes. „SARS-CoV-2 ist daher nicht aus RaTG13 entwickelt worden“, so der Virologe.

Keine Indizien für eine Manipulation

Weitere Argumente gegen einen künstlichen Ursprung von SARS-CoV-2 lieferte Mitte März 2020 eine Studie von Kristian Andersen vom Scripps Institute in La Jolla und seinem Team. Ihre Vergleichsanalysen ergaben, dass die Bindestelle des neuen Coronavirus zwar an den menschlichen ACE2-Rezeptor angepasst ist, aber nicht so optimal, wie man es von einem Laborvirus erwarten würde. Auch das Grundgerüst des Virus entspreche dem nicht. „Dies ist ein starkes Indiz dafür, dass SARS-CoV-2 nicht das Produkt einer gezielten Manipulation ist“, betonten sie.

Ähnlich sieht dies der Infektiologe Nigel McMillan von der Griffith University in Australien: „Alle bisherigen Belege sprechen dafür, dass Covid-19 natürlichen Ursprungs ist und nicht menschengemacht“, sagt der Forscher. „Die genetischen Veränderungen bei SARS-CoV-2 finden sich auch in zwei anderen Coronaviren aus Fledermäusen und Pangolinen. Das legt nahe, dass dies die ursprünglichen Wirte sind.“

Coronaviren fällt der Wirtswechsel leicht

Hinzu kommt, dass gerade Coronaviren dafür bekannt sind, besonders leicht von einer Wirtsart zu einer anderen überspringen zu können. Auch die SARS-Pandemie im Jahr 2003 und der MERS-CoV-Ausbruch wurden von Coronaviren verursacht, die sich ursprünglich in Fledermäusen entwickelt, dann aber an den Menschen angepasst hatten. Das aktuelle Coronavirus wiederum hat bereits bewiesen, dass es neben dem Menschen auch Frettchen und Katzen infizieren kann.

Auch die WIV-Virologin Zhengli Shi warnte bereits im Jahr 2017 in einem Fachartikel, dass einige von ihrem Team in Fledermäusen nachgewiesene Coronaviren schon die Voraussetzungen für einen Sprung auf den Menschen besitzen. Sie konnten schon den ACE2-Rezeptor menschlicher Zellen befallen, wie die Forscher feststellten. Auch das stärkt die Annahme, dass SARS-CoV-2 ohne menschliche Hilfe zum Auslöser der Corona-Pandemie geworden ist.

Quelle: Australian Media Center, Science, Nature News, Politico, Scientific American, Nature Medicine, doi: 10.1038/s41591-020-0820-9; PLoS Pathogens, doi: 10.1371/journal.ppat.1006698

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