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Corona: Mehr Kinder infiziert als bekannt

Antikörpertests in Bayern enthüllen sechsmal höhere Infektionsrate bei bis zu 18-Jährigen

Antikörper
Antikörpertests in Bayern enthüllen eine höhere Durchseuchung bei Kindern bis 18 Jahren als bislang angenommen.© koto_feja/ iStock

Versteckte Infektionen: In Bayern haben sich weit mehr Kinder mit dem Coronavirus infiziert als angenommen, wie Antikörpertests enthüllen. Demnach wiesen zwischen April und Juli 0,87 Prozent der 12.000 getesteten Kinder Antikörper gegen SARS-CoV-2 auf – sechsmal mehr als offiziell gemeldet. Knapp die Hälfte dieser Kinder hatte keinerlei Covid-19-Symptome. Das bestätigt die Annahme einer relativ hohen Dunkelziffer – gerade bei Kindern.

Neben den PCR-Tests, die die akute Präsenz des Coronavirus SARS-CoV-2 im Körper nachweisen, kann man eine Infektion auch im Nachhinein nachweisen – anhand von Antikörpern. Diese werden vom Immunsystem etwa ein bis vier Wochen nach der Ansteckung gebildet und bleiben meist mehrere Wochen lang nachweisbar. Dadurch lässt sich mit solchen Tests die Durchseuchung einer Population abschätzen – für frühe Corona-Hotspots wie Ischgl und Heinsberg wurde dies bereits gemacht.

12.000 Kinder und Jugendliche in Bayern getestet

Doch wie groß die Durchseuchung in der breiten Bevölkerung und unter Kindern ist, war bislang kaum bekannt. Jetzt gibt die bislang größte Studie dazu mehr Aufschluss. Dafür hatten Markus Hippich vom Helmholtz Zentrum München und sein Team Blutproben von 12.000 Kindern im Alter von 0 bis 18 Jahren in ganz Bayern auf Antikörper gegen SARS-CoV-2 untersucht. Die Blutproben stammten aus der Zeit von April bis Juli 2020 und waren ursprünglich zur Erkennung von Diabetes Typ 1 genommen worden.

Weil gängige Antikörpertests oft nicht zu 100 Prozent spezifisch sind und daher falschpositive Ergebnisse liefern können, testeten die Forscher alle Blutproben auf zwei unterschiedliche Antikörper: einen, der zur Bindungsstelle am Spike-Protein von SARS-CoV-2 passt, und einen, der an ein Nukleokapsid-Protein andockt – die innere Virenhülle. In Kombination erreichen diese beiden Tests eine Spezifität von 100 Prozent und eine Sensitivität von mehr als 95 Prozent, wie die Forscher erklären.

Diskrepanz zu gemeldeten Fallzahlen

Das Ergebnis: Zwischen April und Juli wiesen im Schnitt 0,87 Prozent der Kinder Antikörper gegen beide Virenproteine auf. Dies ist sechsmal mehr als offiziell bei den bayrischen Behörden als Corona-positive Fälle in dieser Altersgruppe registriert. Die Studienergebnisse und die geografische Verteilung der Fälle sind in einem Online-Dashboard verfügbar.

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Den offiziellen Zahlen nach lagen die kumulativen Fallzahlen Ende Juli für Kinder bis sechs Jahren bei 111 pro 100.000 Einwohner und bei 7 bis 18-Jährigen bei 182 pro 100.000 Einwohner. Die Antikörperdaten deuten dagegen auf 870 infizierte Kinder pro 100.000 Einwohner hin. „Unsere Studie liefert wichtige Ergebnisse, die die Diskrepanz zwischen gemeldeten Virusinfektionen und Antikörperaufkommen offenlegen“, sagt Hippich.

„Um verlässliche Daten über die Ausbreitung des Virus zu bekommen, reicht es also nicht aus, nur auf das Virus selbst zu testen.“ Denn diese Tests werden bislang meist nur bei konkreten Verdachtsfällen und Menschen mit Symptomen durchgeführt.

Knapp die Hälfte hatte keine Symptome

Interessant auch: Knapp die Hälfte der Kinder mit Antikörpern gegen das Coronavirus waren während der akuten Infektion komplett asymptomatisch, wie ergänzende Befragungen ergaben. „Das bestätigt, dass ein Testen nur von Kindern mit Covid-19-Symptomem nicht ausreicht, um viruspositive Kinder zu identifizieren“, sagen die Forscher. Rund die Hälfte der asymptomatischen Kinder in der Studie hatte jedoch ein infiziertes Familienmitglied.

Nach Ansicht von Hippich und seinem Team ist es daher sinnvoll, auch die Kinder zu testen, die Kontakt mit einer infizierten Person hatten – egal ob sie Symptome zeigen oder nicht. „Das könnte wahrscheinlich die Mehrheit der Fälle unter Kindern aufdecken, wenn auch nicht alle“, so die Wissenschaftler.

„Nationale Programme, die mit hoher Spezifität und Sensitivität auf Antikörper testen, könnten den Ländern zuverlässige Daten liefern, um sich auf die Zukunft vorzubereiten“, sagt Studienleiterin Anette-G. Ziegler. „Sie könnten ihnen dabei helfen, die Ausbreitung des Virus einzudämmen und die Auswirkungen regionaler und landesweiter COVID-19-Maßnahmen zu überprüfen.“ (Med, 2020; doi: 10.1016/j.medj.2020.10.003)

Quelle: Helmholtz Zentrum München – Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt

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