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Corona: Auch Ungeborene können sich anstecken

Erster eindeutiger Nachweis einer Coronavirus-Übertragung im Mutterleib

Fötus SARS-CoV-2
Kinder können sich schon im Mutterleib mit SARS-CoV-2 anstecken – aber das passiert offenbar nur selten. © Blackjack3D, koto_feja/ iStock

Infiziert schon im Mutterleib: Schwangere Frauen können das Coronavirus offenbar doch auf ihr ungeborenes Kind übertragen. Nachdem eine solche Ansteckung im Mutterleib lange strittig war, haben Forscher dies jetzt bei einem Fall eindeutig nachgewiesen. Plazenta, Fruchtwasser und der Fötus testeten positiv auf SARS-CoV-2. Beim neugeborenen Kind führte die Infektion zu vorübergehenden neurologischen Symptomen.

Eigentlich ist das ungeborene Kind im Mutterleib relativ gut gegen Außeneinflüsse geschützt. Die Plazenta wirkt wie ein Filter, der nur bestimmte Moleküle hindurchlässt, Bakterien und manche Viren werden dagegen abgefangen. Allerdings gibt es Viren, die die Plazentaschranke durchbrechen können. Dazu gehören unter anderem das Rötelnvirus, das Cytomegalie-Virus und auch Herpes simplex.

Kann SARS-CoV-2 im Mutterleib übertragen werden?

Ob auch das Coronavirus SARS-CoV-2 bis zum Fötus vordringen kann, war bislang unklar. „Zwar wurden einige Fälle von infizierten Neugeborenen berichtet, aber bei diesen war unklar, ob die Infektion schon über die Plazenta, erst während der Geburt im Gebärmutterhals oder aber durch nachgeburtliche Umwelteinflüsse zustande kam“, erklären Alexandre Vivanti vom Universitätsklinikum Paris Saclay und seine Kollegen. Denn meist fehlten entscheidende Untersuchungen.

Doch jetzt schildern die Forscher einen Fall, der kaum noch Zweifel an einer pränatalen Infektion lässt. Es handelte sich um eine 23-jährige Frau, die in der 35. Schwangerschaftswoche mit Fieber und Husten ins Krankenhaus kam. Ein PCR-Test auf SARS-CoV-2 war positiv – sie war demnach an Covid-19 erkrankt. Drei Tage nach ihrer Einweisung entwickelte das ungeborene Kind Auffälligkeiten im Herzrhythmus, so dass es per Kaiserschnitt auf die Welt geholt wurde.

Um den Infektionsstatus des Kindes zu überprüfen, entnahmen die Mediziner noch vor Öffnung der Fruchtblase Proben von Plazenta und Fruchtwasser und entnahmen dem Neugeborenen unmittelbare nach der Geburt Blutproben und sowie Abstriche vom Nasen-Rachenraum und dem Anus.

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Virennachweis in Plazenta, Fruchtwasser und dem Neugeborenem

Das Ergebnis: Alle Proben waren positiv und wiesen Coronaviren-RNA auf. „Eine im Mutterleib erfolgte Infektion gilt als bewiesen, wenn das Virus vor Öffnen der Membranen im Fruchtwasser detektiert wird oder in Blutproben direkt nach der Geburt“, sagen Vivanti und sein Team. „Unser Fall ist daher eindeutig als eine kongenital übertragenen SARS-CO-2-Infektion anzusehen.“ Die Präsenz des Virus in Plazenta und Fruchtwasser schließe eine nachträgliche Infektion weitgehend aus.

Aus dem Zeitpunkt der Covid-19-Erkrankung bei der Mutter schließen die Forscher, dass sich das Kind wahrscheinlich erst gegen Ende der Schwangerschaft, im dritten Trimester, mit dem Coronavirus angesteckt hat. Aus früheren Untersuchungen weiß man bereits, dass sowohl die Plazenta als auch die Gewebe des ungeborenen Kindes die Andockstelle für das Coronavirus ausbilden, den sogenannten ACE2-Rezeptor.

Dieser Rezeptor erreicht gegen Ende der Schwangerschaft seine höchste Dichte in den fötalen Geweben, wie die Wissenschaftler berichten. Zu diesem Zeitpunkt könnte demnach ein ungeborenes Kind am empfänglichsten für eine Infektion mit SARS-CoV-2 sein.

Neurologische Symptome beim Kind

Die pränatale Corona-Infektion hatte auch für das neugeborene Kind Folgen: Es hatte schon bei der Geburt Probleme bei der Atmung und einen unregelmäßigen Herzschlag, wie die Forscher berichten. Deshalb musste es intubiert und beatmet werden. Nach sechs Stunden hatten sich die Lebensfunktionen des Neugeborenen aber soweit normalisiert, dass es wieder selbst atmen konnte. Es schien zunächst weitgehend gesund.

Gehirn
Auffällige Veränderungen im Gehirn des Neugeborenen. © Vivantes et al./ Nature Communications, /CC-by-sa 4.0

Doch am dritten Lebenstag entwickelte der Säugling neurologische Auffälligkeiten: Es war reizbar, trank nicht, streckte sich krampfartig nach hinten durch und der Blutdruck war anomal niedrig, wie Vivantes und sein Team berichten. Im Nervenwasser des Neugeborenen fanden sie erhöhte Proteinwerte und mehr weiße Blutkörperchen als normal – beides sprach für eine Entzündung im zentralen Nervensystem.

„Neurologische Bildgebung zeigte Schäden an der weißen Hirnsubstanz, wie sie durch von SARS-CoV-2 verursachten Gefäßentzündungen im Gehirn auftreten können – ähnliche Aufnahmen wurden auch schon bei erwachsenen Covid-19-Patienten gemacht“, so die Forscher. Glücklicherweise gingen die neurologischen Symptome langsam von selbst zurück und nach 18 Tagen konnten Mutter und Kind aus dem Krankenhaus entlassen werden.

Infektion im Mutterleib möglich – aber eher selten

Zusammengenommen belegt dieser Fall, dass eine vorgeburtliche Ansteckung mit dem Coronavirus offenbar grundsätzlich möglich ist – auch wenn dies bisherigen Beobachtungen zufolge eher selten vorzukommen scheint. Erkrankt die Mutter gerade gegen Ende der Schwangerschaft an Covid-19, besteht demnach durchaus ein Risiko für ihr ungeborenes Kind.

Ähnlich sieht es auch Alexander Hein. Leitender Oberarzt an der Frauenklinik des Universitätsklinikum Erlangen: „Insgesamt mehren sich Berichte über die Möglichkeit der Infektion der Kinder über die Plazenta. Daher müssen wir diesen Übertragungsweg bei erkrankten Schwangeren nun umso mehr berücksichtigen und eine intensive Überwachung in Betracht ziehen“, kommentiert er die Studie. „Dennoch muss man festhalten, dass es sich nach aktueller Datenlage um ein sehr seltenes Ereignis handelt.“ (Nature Communications, 2020; doi: 10.1038/s41467-020-17436-6)

Quelle: Nature Communications, Science Media Center

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