Auch bei Kindern können Antibiotika häufig eine OP ersparen Blinddarm: Antibiotika statt Operation? - scinexx | Das Wissensmagazin
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Blinddarm: Antibiotika statt Operation?

Auch bei Kindern können Antibiotika häufig eine OP ersparen

Blinddarmentzündung
Blinddarmentzündung – und nun? Nicht immer muss es dann eine Operation sein. © Kittisak Jirasittichai/ iStock

Alternative zur OP: Nicht immer ist eine Operation nötig, wenn ein Kind oder ein Erwachsener unter einer Appendizitis leidet. Oft reicht auch eine Antibiotikabehandlung, wie nun eine US-Studie belegt. In ihr blieben fast 70 Prozent der nichtoperativ behandelten Kinder auch ein Jahr nach der Therapie beschwerdefrei. Zumindest bei einfachen Blinddarmentzündungen könnten Antibiotika demnach eine schmerzfreie und risikoärmere Alternative sein.

Der Wurmfortsatz, fachsprachlich Appendix, galt lange als unnützes „Anhängsel“ des Blinddarms. Inzwischen jedoch weiß man es besser. Denn diese säckchenförmige Ausstülpung des Darms spielt für die Darmflora und das Immunsystem eine wichtige Rolle und hilft so dabei, Entzündungen zu mildern und Infektionen abzuwehren. Wird der Appendix in jungen Jahren entfernt, kann dies sogar das Risiko für Herzinfarkte erhöhen, wie Forscher vor einigen Jahren herausfanden.

Es geht auch ohne OP

Bisher gilt bei einer Blinddarmentzündung die Operation als Methode der Wahl, weil sie das Risiko für einen Blinddarmdurchbruch und damit teilweise sogar tödliche Folgen beseitigt. Doch auch die OP kann bei bis zu 15 Prozent der Fälle zu Komplikationen führen, in bis zu sieben Prozent sogar zu schweren, wie Peter Minneci vom Nationwide Children’s Hospital der Ohio State University und sein Team berichten.

Schon länger wird deshalb eine nichtoperative Methode als Alternative diskutiert: die Behandlung der Blinddarmentzündung mit Antibiotika. Sie kommt infrage, wenn die Entzündung unkompliziert ist und keine Gefahr eines Blinddarmdurchbruchs besteht. Erste Studien zeigen, dass eine solche Antibiotikatherapie bei Erwachsenen in 65 bis 75 Prozent der Fälle eine Operation überflüssig macht – mindestens ein Jahr lang, meist länger.

Bei Kindern in 67 Prozent der Fälle erfolgreich

Ob das auch für Kinder gilt, haben nun Minneci und sein Team in zehn Krankenhäusern in den USA mit 1.068 jungen Blinddarm-Patienten zwischen sieben und 17 Jahren untersucht. Alle Kinder litten an einer unkomplizierten Appendizitis, bei der der Wurmfortsatz nur mäßig angeschwollen war und es keine Anzeichen für Abzesse oder Eiter gab. 370 Familien wählten die nichtoperative Alternative für ihr Kind. Dieses erhielt daraufhin 24 Stunden lang ein Antibiotikum per Infusion, danach setzte es die Therapie sechs Tage lang zuhause mit Tabletten fort.

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Das Ergebnis: Die nichtoperative Therapie reichte bei 67,1 Prozent der damit behandelten Kinder aus, um die Blinddarmentzündung zu kurieren und eine Operation auch im Verlauf des gesamten folgenden Jahres überflüssig zu machen. Bei der operierten Gruppe gab es dagegen 7,5 Prozent unnötige Operationen, wie sich im Nachhinein herausstellte. Unterschiede gab es auch bei der Erholung der Kinder: Die nichtoperierten Kinder waren im Schnitt nach sechs Tagen wieder fit, während ihre operierten Altersgenossen rund elf Tage im Krankenhaus blieben mussten.

„Gerade für Kinder ist es wichtig, wie lange sie im Bett oder Krankenhaus bleiben müssen, weil sie in dieser Zeit viele Aktivitäten in ihrem Leben verpassen – in der Schule, beim Sport oder in den Ferien“, sagt Minneci.

Sinnvolle Alternative zur Standard-OP

Nach Ansicht der Wissenschaftler zeigten diese Ergebnisse, dass es bei einer Blinddarmentzündung nicht immer gleich eine Operation sein muss. „Chirurgen neigen dazu, Operationen zu befürworten, und die Blinddarm-OP ist eine etablierte und vertraute Prozedur“, sagt Minneci. „Aber einige Patienten wollen eine OP gern vermeiden und unsere Resultate sprechen dafür, dass in diesen Fällen auch eine nichtoperative Behandlung effektiv sein kann.“

Es sei an der Zeit, so der Forscher, bei der Blinddarmentzündung nicht mehr alle Patienten über einen Kamm zu scheren und von einer für alle gleichen Standardbehandlung wegzukommen. Die Antibiotikatherapie könnte bei unkomplizierten Fällen und gerade bei Kindern eine Alternative mit weniger Schmerzen und Komplikationen darstellen. (JAMA, 2020; doi: 10.1001/jama.2020.10888)

Quelle: Nationwide Children’s Hospital

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