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Bakterien: Neuartige Resistenz auch in Deutschland

Neueste Waffe gegen multiresistente Keime ist stumpf, noch bevor sie eingesetzt wird

Enterobakterien
Bei Enterobakterien wie Escherichia coli haben Forscher eine Resistenz selbst gegen ein gerade erst entwickeltes Notfall-Antibiotikum gefunden. © Scharvik/ Getty images

Alarmierend: In Deutschland haben Forscher Bakterien nachgewiesen, die gegen eine gerade erst entwickelte Antibiotika-Kombination resistent sind. Das Mittel Aztreonam-Avibactam sollte als letzte Waffe gegen hochgradig multiresistente Erreger dienen und wird zurzeit in klinischen Studien getestet. Doch wie nun Genomanalysen belegen, sind bei uns schon Erreger präsent, gegen die auch dieser Hoffnungsträger der Medizin nicht mehr wirkt. Damit ist diese Waffe gegen Bakterien bereits stumpf, noch bevor sie breit eingesetzt wurde.

Die wichtigsten Waffen der Medizin werden stumpf: Immer häufiger bleiben Antibiotika wirkungslos, weil Bakterien gegen sie immun geworden sind. Allein in Europa sterben jährlich mehr als 33.000 Menschen an solchen multiresistenten Erregern. Unter den Bakterien, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als höchste Gefahr einstuft, sind auch Erreger, die gegen die Notfall-Antibiotika aus der Klasse der Carbapeneme resistent sind. Diese Mittel gelten als letzte noch wirksame Waffe gegen viele resistente Bakterien.

Neue Waffe gegen multiresistente Erreger

Inzwischen jedoch erweisen sich auch die Carbapeneme immer häufiger als wirkungslos. Die Bakterien umgehen die für sie tödliche Wirkung, indem sie ein Enzym bilden, das die Wirkstoffe abbaut. „Bisher sind Infektionen mit solchen Carbapenem-resistenten Erregern oft nur sehr schwer zu behandeln, da die Therapieoptionen mit vorhandenen Antibiotika stark eingeschränkt oder sogar gar nicht mehr gegeben sind“, erklärt Koautor Can Imirzalioglu vom Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) in Gießen.

Neue Waffen gegen solche Erreger sollte eigentlich eine erst vor kurzem entwickelte Kombination aus zwei antimikrobiellen Substanzen liefern. „Aztreonam-Avibactam ist eine Kombination aus einem älteren Antibiotikum – Aztreonam – mit einem neueren Hemmstoff – Avibactam –, der die Wirksamkeit der Resistenz gegen Carbapeneme aufheben kann und so die Bakterien wieder angreifbar macht“, erklärt Imirzalioglu. Noch wird diese Kombination nur in klinischen Studien getestet und ist noch nicht frei verfügbar.

Mittel ist noch im Test, Resistenzen sind schon da

Das Alarmierende jedoch: Obwohl diese neue Waffe noch gar nicht breit im Einsatz ist, gibt es schon Bakterien, die gegen sie resistent sind – auch in Deutschland, wie das Team um Erstautor Patrice Nordmann von der Universität Fribourg in der Schweiz nun mittels Genomanalysen festgestellt hat. Im Rahmen einer Surveillance-Studie wiesen sie Bakterien der Allerweltsart Escherichia coli in den deutschen Proben nach, die Resistenzen gegen Aztreonam-Avibactam aufweisen.

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„Alarmierend ist hierbei auch die Tatsache, dass diese Resistenz auch bei Bakterien gefunden wurde, die in Deutschland sehr häufig vorkommende Carbapenemasen tragen“, erklärt Koautor Trinad Chakraborty von der Universität Gießen. Das könnte bedeuten, dass sich die neuen Resistenzen gegen das Kombinationsmittel sehr schnell unter den Erregern ausbreiten können – und das noch bevor es überhaupt bei uns eingesetzt wird.

Nach Ansicht des Forschungsteams könnte dies bedeuten, dass selbst die neue Wirkstoffkombination in vielen Fällen nicht mehr wirken wird. „Die Erwartung als Hoffnungsträger-Kombination bei Infektionen mit Carbapenem-resistenten Erregern kann möglicherweise nicht erfüllt werden“, so Chakraborty.

Wettlauf verloren

Diese Ergebnisse unterstreichen, dass der Wettlauf der Medizin mit resistenten Erregern in vollem Gange ist – und dass die Medizin droht, ihn zu verlieren. Längst finden sich Resistenzgene überall in der Umwelt – in Böden, Gewässern, der Luft, dem Hausstaub und in unserem Darm. Meist sind zwar harmlose Bakterie die Träger dieser Gene, sie können diese aber mittels horizontalem Gentransfer auch an krankmachende Erreger weitergeben.

Angesichts der realen Gefahr, dass viele bakterielle Infektionen bald nicht mehr mit Antibiotika bekämpft werden können, hat die WHO schon vor einigen Jahren zur verstärkten Suche nach neuen antibakteriellen Wirkstoffen aufgerufen. (Antimicrobial Agents and Chemotherapy, 2021; doi: 10.1128/AAC.01090-21)

Quelle: Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

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