Auch Tiere praktizieren Social Distancing - Krebse, Mandrills und Bienen verändern bei Infektionen ihr Sozialverhalten - scinexx.de
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Auch Tiere praktizieren Social Distancing

Krebse, Mandrills und Bienen verändern bei Infektionen ihr Sozialverhalten

Krähe
Krähen haben wenig Angst vor toten oder kranken Artgenossen. Andere Tierarten aber praktizieren im Seuchenfall durchaus Formen des Social Distancing. © Kaeli Swift

Tierischer Infektionsschutz: Der Mensch ist nicht das einzige Wesen, das bei einer Seuche social Distancing praktiziert. Es gibt auch viele Tierarten, die ihr Sozialverhalten ändern, um sich oder ihre Artgenossen vor Ansteckung zu schützen. So verlassen infizierte Ameisen und Bienen oft das Nest, karibische Krebse ihre gemeinsamen Wohnhöhlen. Einige Primaten meiden von Parasiten befallene Artgenossen. Es gibt aber auch Gegenbeispiele.

Quarantäne, Abstandhalten und eine Eingrenzung der Sozialkontakte sollen dabei helfen, die Ausbreitung der Corona-Pandemie zu bremsen. Dieses Social Distancing trägt dazu bei, das Ansteckungsrisiko zu verringern. Die Isolierung Infizierter, das Vermeiden von zu großer Nähe und eine verstärkte Hygiene wurden auch schon bei anderen, historischen Seuchen praktiziert – von der Lepra bis zur Pest.

Wie reagieren Tiere auf Seuchen?

Doch der Mensch ist nicht der einzige: Auch einige Tierarten verändern ihr Verhalten, wenn ihre Population von einer ansteckenden Krankheit oder Parasiten betroffen ist. Welche Maßnahmen die Tiere dann ergreifen, haben Forscher um Andrea Townsend vom Hamilton College in New York zusammengetragen. „Ich wollte wissen, wie soziale Tiere auf solche Krankheiten reagieren – praktizieren sie ähnlich wie wir jetzt bei Covid-19 das Social Distancing?“

Es zeigte sich: Wie Tiere auf eine Epidemie reagieren, ist je nach Art, Krankheit und den Umweltbedingungen sehr unterschiedlich. Denn gerade für sehr soziale Tiere hat die Isolation von der Gruppe einen hohen Preis: Ohne den Schutz und die Fürsorge der Gruppe sind die Einzelnen fast immer dem Tod geweiht. „Das solche Distanzierungsverhalten dennoch häufiger vorkommen, zeigt aber, dass ihre Vorteile die Nachteile manchmal übertreffen“, so die Forscher.

Bienen und Langusten isolieren sich

Ein Beispiel dafür sind Honigbienen. Wenn Arbeiterinnen von dem parasitischen Pilz Nosema befallen sind, kehren sie seltener in den Stock zurück. Sie selbst sterben dadurch zwar, aber dafür verringern sie das Ansteckungsrisiko für ihre Nestgenossinnen. Biologisch macht dieses selbstaufopfernde Verhalten Sinn, weil alle Bienen eines Stocks Schwestern sind – ihre Gene werden daher auch in ihrer Abwesenheit weitergegeben.

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Karibik-Languste
Die Karibik-Languste verlässt die gemeinsame Wohnhöhle, wenn eine Infektion droht. © Becky A. Dayhuff / NOAA

Eine Form des Abstandhaltens praktiziert auch die Karibik-Languste (Panulirus argus). Normalerweise leben diese Krebse zu mehreren gemeinsam in einer Wohnhöhle. Doch wenn einer der Krebse mit dem Virus PaV1 infiziert ist, riechen dies seine Artgenossen an seinem Urin – und meiden ihn und die von ihm okkupierte Höhle. Auf ähnliche Weise riechen Mandrills am Kot ihrer Mitaffen, ob diese von Parasiten befallen sind, und meiden dann die kontaminierte Gegend, wie Townsend und ihr Team berichten.

Mehr Misstrauen gegen „Fremde“

Und auch eine weitere „typisch menschliche“ Reaktion auf Seuchen haben die Forscher im Tierreich ausgemacht: das zunehmende Misstrauen gegenüber Angehörigen anderer Gruppen. Wird ein Ameisennest beispielsweise mit einem Pilzerreger infiziert, sinkt der soziale Austausch zwischen verschiedenen Ameisengruppen innerhalb des Nests und zwischen Nestteilen. Das Sozialverhalten der Ameisen wird „modularer“, wie die Biologen erklären.

Bei Menschenaffen gehen Biologen davon aus, dass sich der enge Zusammenhalt innerhalb der Gruppen und die oft aggressive Reaktion auf fremde Artgenossen auch als Reaktion auf Parasitenbefall entwickelt hat. Denn ein verringerter Kontakt zu anderen, potenziell infizierten Gruppen senkt auch das Risiko, dass ein Parasit oder Erreger in die eigenen Gruppe eingeschleppt wird.

Der Rückzug auf die Familie ist ebenfalls ein Phänomen, das einige Tierarten mit uns teilen. „Mandrills groomen enge Verwandte selbst dann, wenn diese mit krankheitsübertagenden Protozoen infiziert sind. Andere, nicht verwandte Artgenossen mit der gleichen Infektion meiden sie dagegen“, berichten Townsend und ihr Team.

Schutz in der Gruppe

Es gibt aber auch Fälle, in denen eine soziale Distanzierung den Tieren mehr Nachteile als Vorteile bringt oder sie sogar in der Gruppe besser vor Ansteckung geschützt sind. Ein Beispiel für Letzteres sind Infektionen, die von Stechmücken und anderen Vektoren übertragen werden. Amerikanische Wanderdrosseln beispielsweise erkranken seltener am West-Nil-Virus, wenn sie in Schwärmen zusammenbleiben. Denn dann sinkt das Risiko für die einzelnen Vögel, von Mücken gestochen und infiziert zu werden.

Ein weiterer Fall sind ansteckende, aber nicht tödliche Krankheiten wie die Milben-Räude bei Wölfen: Ist ein Tier im Rudel befallen, wird es nicht ausgestoßen, sondern von seinen Artgenossen mitversorgt. Das geschwächte Tier hat so eine deutlich höhere Chance zu überleben. „Die Mortalität eines infizierten Wolfs, der von fünf Rudelgenossen umgeben ist, entspricht dadurch dem eines nicht infizierten Wolfs“, berichten die Wissenschaftler.

Lieber krank als keine Nachkommen

Bei anderen Tierarten findet keine soziale Distanzierung statt, weil die Nachteile bei der Fortpflanzung zu groß wären: Der Tasmanische Teufel steckt zwar bei seinen Rivalenkämpfen immer wieder Artgenossen mit dem ansteckenden Gesichtskrebs an, findet aber kein Weibchen, wenn er nicht kämpft.

Bei Amphibien hat der Laich größere Überlebenschancen, wenn er in großen gemeinsamen Gelegen in einem guten Tümpel abgelegt wird – auch wenn dies das Ansteckungsrisiko mit dem tödlichen Amphibienpilz erhöht. Wer sich hier isoliert und seine Eier getrennt ablegt, riskiert, dass sie alle gefressen werden. (Proceedings of the Royal Society B, 2020; doi: 10.1098/rspb.2020.1039)

Quelle: Hamilton College

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