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AstraZeneca: Hintergrund zum Impfstopp

Was ist eine Sinusvenenthrombose und wo ist der Zusammenhang mit dem Vakzin?

Corona-Impfstoff
Die Impfungen mit dem Corona-Impfstoff von AstraZeneca wurden in mehreren Ländern vorübergehend gestoppt. © digicomphoto/ Getty images

Gestern hat das Paul-Ehrlich-Institut alle Impfungen mit dem Corona-Vakzin von AstraZeneca in Deutschland ausgesetzt – als Vorsichtsmaßnahme. Denn nach der Impfung sind sieben Fälle eines speziellen Blutgerinnsels im Gehirn aufgetreten, der sogenannten Sinusvenenthrombose. Weil diese Thrombose sehr selten ist, soll nun geklärt werden, ob es möglicherweise einen ursächlichen Zusammenhang zum Impfstoff gibt. Unter Experten ist die Meinung dazu allerdings geteilt.

Der AstraZeneca-Impfstoff gegen Covid-19 scheint nicht aus den Negativschlagzeilen herauszukommen: Schon während der klinischen Phase-3-Studie gab es Unklarheiten wegen einer Dosisverwechselung und unterschiedlichen Angaben zur Wirksamkeit. Dann folgte der anhaltende Streit mit AstraZeneca wegen ungenügender Liefermengen an die EU. Und jetzt steht das Vakzin im Verdacht einer schweren, wenn auch seltenen Nebenwirkung. Doch was ist dran am Thromboseverdacht? Und worum geht es konkret?

Was ist eine Sinusvenenthrombose?

Anlass für den vorübergehenden Impfstopp sind sieben Fälle eines seltenes Blutgerinnsels im Gehirn, die in Deutschland nach der Corona-Impfung auftraten und dem Paul-Ehrlich-Institut gemeldet wurden. Bei der Thrombose handelt es sich um eine sogenannte Sinusvenenthrombose – ein Blutgerinnsel, das sich an einem der Zusammenflüsse der Venen in der harten Hirnhaut gebildet hat. Die Verstopfung dieser venösen Blutleiter kann Schlaganfälle auslösen.

Durch die Sinusvenenthrombose steigt der Druck im Adersystem des Gehirns und es kann zu Blutungen kommen. Symptome der Erkrankung können zunächst Sehstörungen und Druckgefühl im Augenwinkel sein, dann zunehmend schwere Kopfschmerzen. Später können epileptische Anfälle, Fieber, Lähmungen und Bewusstseinstrübungen folgen. Im Extremfall führt die Sinusvenenthrombose unbehandelt zum Tod.

Wie häufig kommt diese Thromboseform vor?

Typischerweise tritt eine Sinusvenenthrombose bei Neugeborenen sowie bei Erwachsenen im Alter zwischen 30 und 40 Jahren am häufigsten auf. Auslöser können eitrige Infektionen im Gesichtsbereich, aber auch eine Hirnhautentzündung oder angeborene Störungen der Blutgerinnung sein. Auch Dehydrierung, chronische Entzündungskrankheiten, Nierenprobleme oder eine Schwangerschaft können das Risiko erhöhen. Ähnliches gilt für einige Medikamente sowie hormonelle Verhütungsmittel und Hormon-Dysbalancen. Frauen sind daher rund dreimal häufiger betroffen als Männer.

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Insgesamt gilt die Sinusvenenthrombose als sehr selten: Mediziner rechnen mit zwei bis fünf Fällen pro einer Million Menschen – auch wenn die genaue Häufigkeit wegen einer möglichen Dunkelziffer unklar ist. „Eine Studie in Australien stellte 15,7 Fälle pro einer Million und Jahr fest, eine weitere in den Niederlanden 13,2 Fälle pro Million Menschen und Jahr“, berichtet Paul Hunter von der University of East Anglia.

Warum wurden die Impfungen in Deutschland gestoppt?

Die aktuell in Deutschland festgestellten sieben Fälle auf 1,6 Millionen mit AstraZeneca geimpfte Personen entsprechen einer Häufigkeit von 4,5 pro einer Million. Das liegt am oberen Rand der allgemein angenommenen Häufigkeit für diese Thromboseform. Von den betroffenen Personen sind laut Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts drei gestorben. Alle sieben Fälle traten mehrere Tage nach der Impfung mit dem AstraZeneca-Impfstoff auf und wurden daher routinemäßig als mögliche Nebenwirkung erfasst und gemeldet. Näheres zu Alter und Geschlecht der Erkrankten wurden jedoch nicht veröffentlicht.

Ob es sich tatsächlich um eine Nebenwirkung der Impfung handelt oder nur um ein zufälliges zeitliches Zusammentreffen ist bislang unklar. Genau dies sollen nun nähere Analysen der Erkrankungsumstände klären. Deshalb haben sich einige Länder wie Deutschland, Frankreich, Dänemark und Italien dazu entschlossen, die Impfungen mit AstraZeneca auszusetzen, bis es mehr Informationen gibt.

Wie wahrscheinlich ist ein Zusammenhang?

„Einen ursächlichen Zusammenhang zwischen einem Symptom und einer Impfung herzustellen oder zu belegen, ist immer ganz, ganz schwierig“, erklärt Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. „Eine auffällige Häufung von bestimmten Symptomen in zeitlichem Zusammenhang mit einer Impfung heißt erst einmal nicht, dass wirklich ein Kausalzusammenhang besteht. Dasselbe Symptom hätte auch auftreten können ohne die Impfung. Die kausale Verknüpfung ist hier völlig offen.“

Bekannt ist allerdings, dass Patienten mit Covid-19 ein erhöhtes Risiko für Thrombosen und auch für eine Sinusvenenthrombose haben. „Soweit man das bislang sagen kann, ist es so, dass es im Rahmen der Covid-19-Erkrankung zu einer massiven Hochregulation des Immunsystems kommt, einem sogenannten Cytokinsturm. Und im Rahmen dessen kann eine erhöhte Gerinnungsneigung des Blutes und damit eine erhöhte Thromboseneigung auftreten“, erklärt Berlit. „Und so kommt es zu Thrombosen nicht nur in den peripheren Venen und in den Lungen, sondern selten auch in den Hirnvenen.“

Ob aber auch die Impfung eine solche Reaktion auslösen kann, ist völlig offen. Die Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) analysiert die in Europa aufgetreten Fälle zurzeit. Am Donnerstag, den 18. März, sollen dazu erste Ergebnisse besprochen und gegebenenfalls veröffentlicht werden.

Und was ist mit Großbritannien?

Merkwürdig ist allerdings, dass es in Großbritannien, dem Land mit bisher am Abstand den meisten AstraZeneca-Geimpften, bisher keinerlei Hinweise auf eine Häufung von Thrombosen oder Sinusvenenthrombosen gibt. „Mehr als elf Millionen Dosen des AstraZeneca-Vakzins sind in Großbritannien verabreicht worden und die Zahl der Blutgerinnsel nach der Impfung ist nicht höher als das, was auch natürlicherweise in der geimpften Bevölkerung auftreten würde“, kommentiert Phil Bryan, Leiter der Impfstoff-Sicherheitsabteilung der britischen Arzneimittelbehörde MHRA.

Konkret hat es in Großbritannien bisher drei gemeldete Fälle einer Sinusvenenthrombose nach Impfung mit AstraZeneca gegeben. Bei elf Millionen Dosen entspricht dies einer Inzidenz, die weit unter der allgemein angenommenen liegt. „Im Fall von Großbritannien kann man ganz sicher sagen, dass dort keine besondere Häufung besteht. Die Frage ist: Ist in Deutschland eine ungewöhnliche Häufung aufgetreten? Auch hier lässt sich das derzeit nicht sicher beantworten“, sagt Berlit.

Fatales Signal für die Impfkampagnen

Sowohl die Weltgesundheitsorganisation WHO als auch die britische Arzneimittelbehörde und die Internationale Gesellschaft für Thrombose haben bislang für eine Weiterführung der Impfungen mit AstraZeneca plädiert. Denn jeder Impfstopp bremst den Kampf gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 und löst Verunsicherung aus. Dennoch sind sich die Experten einig, dass das Auftreten der Sinusvenenthrombosen nach den Impfungen genau untersucht werden muss.

„Die mögliche Assoziation der Impfung mit dieser Thrombose muss gründlich untersucht werden“, sagt auch Paul Hunter. „Wir müssen aber die wahre Gefahr durch diese Verzögerungen der Impfkampagnen im Blick behalten, wenn wir darüber entscheiden, ob wir in einer Zeit steigender Inzidenzen von Covid-19 in vielen europäischen Ländern die Impfungen stoppen.“

Quelle: Paul-Ehrlich-Institut, EMA, Science Media Centre

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