Unbekannte Demenzform führt zu ähnlichen Symptomen – hat aber andere Ursachen Alzheimer ist nicht immer Alzheimer - scinexx | Das Wissensmagazin
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Alzheimer ist nicht immer Alzheimer

Unbekannte Demenzform führt zu ähnlichen Symptomen – hat aber andere Ursachen

Demenz
Nicht immer sind Erinnerungslücken und andere für Alzheimer typische Symptome wirklich auf diese Demenzform zurückzuführen. © tampastra/ istock

Doch kein Alzheimer? Viele vermeintliche Alzheimer-Patienten könnten unerkannt an einer anderen Form der Demenz leiden. Denn wie Forscher nun berichten, ist insbesondere unter sehr alten Menschen eine Art Pseudo-Alzheimer verbreitet. Diese Erkrankung zeigt sich zwar durch ähnliche Symptome, geht aber mit anderen Veränderungen im Gehirn einher – und muss womöglich auch anders behandelt werden.

Alzheimer ist eine der häufigsten Demenzerkrankungen im Alter – aber nicht die einzige. Zwar wird das Leiden im Sprachgebrauch häufig mit dem Begriff „Demenz“ gleichgesetzt. Zunehmend zeigt sich jedoch, dass viele vermeintliche Fälle von Alzheimer eigentlich auf eine andere Ursache zurückzuführen sind.

„Die Wissenschaft hat in den vergangenen Jahren festgestellt, dass einer großen Zahl von Patienten mit Alzheimer-typischen Symptomen die für die Erkrankung charakteristischen Beta-Amyloid-Plaques und fehlgefalteten Tau-Proteine im Gehirn fehlen“, berichten Nina Silverberg vom US-amerikanischen National Institute on Aging und ihre Kollegen.

Fehlgefaltete TDP-43-Proteine

Stattdessen scheinen bei diesen Menschen fehlgefaltete TDP-43-Proteine für die kognitiven Defizite mitverantwortlich zu sein – Stoffe, die normalerweise die Expression von Genen im Gehirn und anderen Geweben regulieren und bisher vor allem für ihre Rolle bei der seltenen Nervenkrankheit ALS bekannt waren. Um diese Demenzform zu verstehen und in Zukunft besser vom echten Alzheimer abgrenzen zu können, haben sich die Forscher der Erkrankung nun näher gewidmet.

Wie sie berichten, scheint das Pseudo-Alzheimer vor allem hoch betagte Menschen zu treffen. Im frühen Stadium zeigen sich die fehlgefalteten TDP-43-Proteine dabei zunächst in der Amygdala, später sind auch der für Lernen und Gedächtnis wichtige Hippocampus und weitere Hirnbereiche betroffen. Die TDP-43-Pathologie geht dem Team zufolge oft mit einem deutlichen Schrumpfen der Hippocampus-Region einher, wie es auch für Alzheimer typisch ist.

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So verbreitet wie Alzheimer

Die von den Wissenschaftlern mit der Abkürzung „LATE“ bezeichnete Demenzform scheint das tägliche Leben der Betroffenen ähnlich zu beeinträchtigen wie Alzheimer. Es gibt allerdings Anzeichen dafür, dass die Erkrankung etwas langsamer voranschreitet als ihr gut bekanntes Pendant.

Silverberg und ihre Kollegen gehen davon aus, dass LATE in alten Bevölkerungsgruppen ähnlich häufig ist wie Alzheimer: „Die Forschung deutet daraufhin, dass ungefähr 25 Prozent aller Individuen über 85 genug fehlgefaltetes TDP-43 in ihrem Gehirn haben, um Erinnerungsvermögen und Denkfähigkeiten merklich zu beeinflussen“, erklären sie. Zudem sei auch eine Kombination von Alzheimer und LATE nicht selten.

„Falsche“ Probanden?

Die Forscher plädieren dafür, das Pseudo-Alzheimer künftig intensiver zu erforschen und unter anderem Biomarker für die Diagnose zu entwickeln. Davon könnte schlussendlich auch die Alzheimer-Forschung profitieren: „Viele Patienten, die in der Vergangenheit an klinischen Studien für die Erforschung von Alzheimer-Mitteln teilgenommen haben, hatten wahrscheinlich gar kein Alzheimer“, sagt Silverberg.

„Dies könnte mithelfen zu erklären, warum viele entwickelte Medikamente in den klinischen Studien gescheitert sind“, ergänzt Mitautor Peter Nelson von der University of Kentucky in Lexington. „Denn LATE spricht wahrscheinlich auf andere Therapien an als die Alzheimer-Erkrankung.“

„Die Definition von LATE und die Empfehlungen in dem nun veröffentlichten Report sind ein wichtiger Schritt, um das Bewusstsein für diese Demenzform zu stärken und ihre Erforschung sowie die Erforschung von Alzheimer weiter voranzubringen“, schließt der Direktor des National Institute on Aging, Richard Hodes. (Brain, 2019; doi: 10.1093/brain/awz099)

Quelle: University of Kentucky/ NIH/ National Institute on Aging

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