Eisenwert im Gehirn könnte sich als Biomarker für die Aufmerksamkeits-Störung eignen ADHS: Hirnscan gegen Fehldiagnose - scinexx | Das Wissensmagazin
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ADHS: Hirnscan gegen Fehldiagnose

Eisenwert im Gehirn könnte sich als Biomarker für die Aufmerksamkeits-Störung eignen

Ritalin und Co: Zwei Drittel der mit ADHS diagnostizierten Kinder werden mit Methylpenidat behandelt. © gemeinfrei

Ist es ADHS oder einfach nur Unreife? Diese Frage ist bisher schwer zu beantworten, denn objektive Biomarker fehlen. Als Folge erhalten viele Kinder unnötigerweise Ritalin und andere Psychopharmaka – mit entsprechenden Folgen. Doch künftig könnte ein einfacher Hirnscan Klarheit schaffen und Fehldiagnosen vermeiden. Denn bei ADHS ist der Eisengehalt im Gehirn ungewöhnlich niedrig – und das lässt sich per Scan nachweisen, wie Forscher im Fachmagazin „Radiology“ berichten.

Die Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung ADHS kommt heute bei Kindern und Jugendlichen, aber auch bei jungen Erwachsenen immer häufiger vor. Die Betroffenen haben Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, handeln extrem impulsiv und sind oft hyperaktiv. Nach einigen Schätzungen gelten bereits drei bis sieben Prozent der Schulkinder als ADHS-Fälle. Behandelt wird die Störung oft mit Methylphenidat (Ritalin) und anderen Medikamenten, die den Stoffwechsel der Hirnbotenstoffe verändern.

Das Problem dabei: Ritalin und Co können, besonders wenn sie im Kindesalter verabreicht werden, bleibende Folgen haben. Sie hemmen die Plastizität des Gehirns und damit langfristig die Lernfähigkeit und Flexibilität des Verhaltens, wie Versuche mit Ratten zeigten. Gleichzeitig mehren sich die Hinweise darauf, dass unzählige Kinder irrtümlich mit ADHS diagnostiziert werden, dies betrifft besonders oft früh eingeschulte Kinder. Bisher beruhen Diagnosen nur auf psychiatrischen Untersuchungen, Biomarker gibt es nicht.

MRT-Bilder: ADHS-Kinder haben in einigen Hirnbereichen weniger Eisen. Dies ist erkennbar an den fehlenden gelben Bereichen in der oberen Reihe. © Radiological Society of North America

Weniger Eisen im Gehirn

Genau hier setzt die Studie von Vitria Adisetiyo von der University of South Carolina in Charleston und ihren Kollegen an. Sie haben untersucht, ob sich ein relativ leicht zu messender Parameter, der Eisengehalt im Gehirn, als Biomarker für ADHS eignet. Dafür unterzogen sie zwölf Kinder und Jugendliche mit unbehandelter ADHS, zehn ADHS-Patienten, die Ritalin erhielten und 22 gesunde Kontrollpersonen Hirnscans mittels Magnetresonanz-Tomografie (MRT). Parallel dazu wurden auch Blutproben der Kinder auf ihren Eisengehalt hin untersucht.

Tatsächlich zeigte sich ein deutlicher Unterschied: Das Gehirn der Kinder mit unbehandelter ADHS enthielt deutlich weniger Eisen als das der behandelten und gesunden Kinder, wie die Forscher berichten. „Unsere Studie deutet darauf hin, dass die Eisenaufnahme des Gehirns bei ADHS anormal sein könnte – und dies selbst dann, wenn die Eisenwerte im Blut völlig normal sind“, sagt Adisetiyo. Denn bei den Blutproben konnten die Forscher keinerlei Auffälligkeiten feststellen.

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Hilfe gegen Fehldiagnosen

Nach Ansicht der Forscher könnte diese Erkenntnis dabei helfen, künftig Fehldiagnosen von ADHS zu vermeiden. Gerade bei Fällen, in denen sich ein Arzt nicht sicher ist, könnte eine MRT-Untersuchung klären, ob das Kind tatsächlich unter der Aufmerksamkeits-Störung leidet oder ob es vielleicht einfach nur unreifer und verhaltensauffälliger ist als seine Mitschüler.

Angesichts der Tatsache, dass rund zwei Drittel aller mit ADHS diagnostizierten Kinder Ritalin oder andere Psychopharmaka bekommen, sei es besonders wichtig, irrtümliche Diagnosen zu verhindern, betonen die Forscher. Denn diese Medikamente beeinflussen den Hirnstoffwechsel langfristig und nachhaltig, beinträchtigen das Lernen und können sogar die Anfälligkeit für Süchte erhöhen. Ein Biomarker wie das Eisen könnte daher vielen Kindern und Jugendlichen dies ersparen. (Radiology)

Zurzeit überprüfen die Wissenschaftler ihre Ergebnisse in einer umfangreicheren Studie mit noch mehr Kindern. „In jedem Fall gibt es einen Fortschritte darin, nichtinvasiv erkennbare Biomarker für ADHS zu finden, um so Fehldiagnosen zu vermeiden“, sagt Adisetiyo.

(Radiological Society of North America, 17.06.2014 – NPO)

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