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Galileo Galileis Pseudonym enthüllt

Galilei als Autor einer Astronomie-Abhandlung aus dem Jahr 1606 entlarvt

Galilei
Titelblatt der Astronomie-Abhandlung "Considerazioni Astronomiche" von Alimberto Mauri aus dem Jahr 1606 – und ihr wahrer Autor Galileo Galilei. © historisch

Unter fremdem Namen: Der berühmte Gelehrte Galileo Galilei ist der wahre Autor einer 1606 unter dem Pseudonym Alimberto Mauro veröffentlichten Astronomie-Abhandlung. Dies enthüllen jetzt Nachforschungen eines italienischen Historikers. Demnach gibt es nicht nur auffällige inhaltliche und stilistische Übereinstimmungen mit Galileis sonstigem Werk, der Gelehrte bezog sich auch in seinen Notizen direkt auf Kritik an diesem Werk – und nahm diese offenbar sehr persönlich.

Galileo Galilei gilt als Wegbereiter der modernen Naturwissenschaft und als Revolutionär der Astronomie: Als Mathematiker und Physiker stellte er die Fallgesetze auf, die später von Isaac Newton aufgegriffen und weiterentwickelt wurden. Als Astronom entdeckte er die Monde des Jupiter und den Phasenwechsel der Venus und lieferte Belege für das heliozentrische Weltbild. Doch dadurch kam der Universalgelehrte in Konflikt mit der Kirche – trotz seiner Versuche, sich durch Selbstzensur und Pseudonyme zu schützen.

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In den „Considerazioni Astronomiche“ wird unter anderem ein „neuer Stern“ beschrieben – eine 1604 am Himmel sichtbarer Supernova. © historisch

Astronomie-Abhandlung mit unbekanntem Autor

Jetzt zeigt sich, dass Galileo Galilei wohl auch Autor der 1606 veröffentlichten Astronomie-Abhandlung „Considerazioni Astronomiche“ war. In diesem Werk wird unter anderem darüber spekuliert, ob es Berge auf dem Mond geben könnte, welche physikalischen Gesetzmäßigkeiten die scheinbar unregelmäßigen Bahnen einiger Himmelskörper lenken könnten und es werden einige aktuelle Himmelsbeobachtungen beschrieben. Als offizieller Autor dieses Werks ist Alimberto Mauri angegeben, ein Name, der schon länger als Pseudonym gilt.

Galilei stand schon zu seinen Lebzeiten im Verdacht, der wahre Autor dieses Astronomie-Textes zu sein. So beschrieb Galileos Kollege an der Universität Padua den vorgeblichen Autor Alimberto Mauri als jemanden, der nur vorgab ein Astronom zu sein, aber eigentlich eher ein professioneller Mathematiker sei – wie zu dieser Zeit Galilei. Ein vor einigen Jahren entdeckter, vermeintlich zeitgenössischer Brief mit einem Hinweis auf die Autorenschaft Galileis schien dies zu erhärten, hat sich aber seither als Fälschung herausgestellt.

Streit um einen „neuen Stern“

Um mehr Klarheit zu schaffen, hat der Historiker Matteo Cosci von der Ca’ Foscari Universität Venedig zahlreiche, teils noch unveröffentlichte historische Dokumente ausgewertet, die in der zentralen Nationalbibliothek in Florenz aufbewahrt wurden. Darunter waren zahlreiche Aufzeichnungen und Notizen von Galilei, in denen dieser unter anderem Beobachtungen und Gedanken zu einem 1604 entdeckten „neuen Stern“ festhielt – einer mit bloßem Auge am Himmel sichtbaren Supernova.

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Dieser „neue Stern“ sorgte damals unter Gelehrten für heftige Debatten darüber, um was es sich handeln könnte. Denn nach gängiger, kirchenkonformer Lehre galt das Firmament zu dieser Zeit als weitgehend unveränderliche „Schale“ um das geozentrische Universum. Galilei jedoch sah dies schon damals anders und stritt darüber vor allem mit dem florentinischen Philosophen Lodovico Delle Colombe. In Galileis jetzt von Cosci ausgewerteten Notizen finden sich zahlreiche Kommentare und Entgegnungen auf Delle Colombe.

Verräterische Bezüge

Das Spannende jedoch: Unter diesen Notizen finden sich auch einige, in denen Galilei auf Kritik an den Considerazioni Astronomiche eingeht – und von sich als Autor spricht. Unter anderem listet er Stellen auf „in denen Lodovico Delle Colombe von mir mit Verachtung spricht“. Wie Cosci herausgefunden hat, beziehen sich diese Stellen jedoch auf Textpassagen von Delle Colombe, in denen dieser nicht Galilei angreift, sondern Alimberto Mauri – den vermeintlichen Autor der Considerazioni Astronomiche.

Warum also fühlte sich Galilei von dieser Kritik persönlich angegriffen? Nach Ansicht des Historikers Cosci lässt dies nur einen Schluss zu: Galileo Galilei war der wahre Autor der Astronomie-Abhandlung und Alimberto Mauri sein Pseudonym. Gestützt wird dies durch auffallende inhaltliche und stilistische Parallelen zwischen der Abhandlung von Mauri und den Texten Galileis, wie Cosci nach umfangreicher Neuanalyse der Texte berichtet.

Galileo Galilei ist „Mauri“

Und noch einen Hinweis gibt es: Lodovico Delle Colombe adressiert Galilei in seinen Entgegnungen („Riposte“) mehrfach als „Herrn Maske“, „eine Maske mit Namen Mauri“ und „Cecco“ – letzteres war ein damals schon enttarntes Pseudonym, das Galilei für einige astronomische Texte nutzte. In den Archiven gibt es zudem eine Ausgabe der „Riposte“, in denen ein Student neben diese Bezüge den Namen Galilei geschrieben hatte. Verdächtig auch: Die Druckfreigabe – Imprimatur – des Astronomie-Werks stammt von einem Galilei nahestehenden Sekretär des Großherzogs von Venedig.

All dies spricht nach Angaben von Cosci dafür, dass sich hinter dem Pseudonym Alimberto Mauri in Wirklichkeit Galileo Galilei verbarg. Offenbar hatte der Gelehrte diese Astronomie-Abhandlung unter fremdem Namen veröffentlicht, weil er seine Förderer in der Republik Venedig nicht verärgern wollte. Denn die Considerazioni Astronomiche waren dem Schatzmeister des Papstes in Rom gewidmet und damit einem Mitglied der römischen Kurie, mit der Venedig zu jener Zeit verfeindet war.

Sollte sich die Autorenschaft von Galilei bestätigen, dann erweitern die Considerazioni Astronomiche unsere Sicht auf die frühen astronomischen Forschungen des berühmten Gelehrten. „Sein späteres Werk Sidereus Nuncius sagt uns, wann, wie und was Galilei mit seinen Teleskopen beobachtete“, kommentiert Peter Barker von der University of Oklahoma. „Aber die Perspektive der Considerazioni Astronomiche zeigt uns, warum er diese Beobachtungen unternahm.“

Quelle: Ca‘ Foscari University of Venice

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