Handelsstopp könnte Verschwinden der Nordmänner aus Grönland erklären Wikinger hatten Monopol auf Elfenbein - scinexx | Das Wissensmagazin
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Handelsstopp könnte Verschwinden der Nordmänner aus Grönland erklären

Wikinger hatten Monopol auf Elfenbein

Wikinger-Schiff vor der grönländischen Küste - ab 985 siedelten die Nordmänner auf Grönland. © Historisch/ Jens Erik Carl Rasmussen

Lukrative Einnahmequelle: Die Wikinger in Grönland handelten mit Walross-Stoßzähnen – und nahmen in diesem Geschäft offenbar lange Zeit eine Monopolstellung ein. Analysen von Elfenbeinfunden belegen, dass Handwerker in ganz Europa den Rohstoff mehr als 200 Jahre lang fast ausschließlich von den Nordmännern bezogen haben müssen. Dann jedoch kam der Handel jäh zum Erliegen – eine mögliche Erklärung für das Verschwinden der Wikinger aus Grönland?

Die Wikinger waren meisterhafte Seefahrer. In ihren Booten überquerten sie dank einfacher Navigationshilfen schon vor mehr als tausend Jahren den Atlantik und drangen sogar bis Grönland vor. Dort gründeten die Nordmänner angeführt von Erik dem Roten Siedlungen, in denen im Laufe der Zeit mehrere tausend Wikinger lebten, Vieh hielten – und Walrösser jagten. Doch Ende des 15. Jahrhunderts endete diese Ära plötzlich: Die Wikinger gaben ihre Dörfer auf und verschwanden für immer aus Grönland.

Über die Gründe für dieses rätselhafte Verschwinden wird immer wieder spekuliert. Demnach könnte unter anderem ein Klimaumbruch die Nordmänner vertrieben haben. Denkbar ist aber auch, dass sie zunehmend Probleme bekamen, Walross-Stoßzähne mit Gewinn loszuwerden. Denn der Handel mit diesem Rohstoff könnte für die Wikinger in Grönland eine überlebenswichtige Einnahmequelle gewesen sein.

Die Wikinger handelten mit Walross-Stoßzähnen. © Musées du Mans

Beliebter Rohstoff mit unklarem Ursprung

Tatsächlich belegen Funde, dass Walross-Elfenbein damals in ganz Europa beliebt war und Handwerker aus diesem Material Objekte wie Kruzifixe oder Schachfiguren fertigten. Doch stammte das Elfenbein dafür wirklich aus Grönland? Um dies herauszufinden, haben Wissenschaftler um Bastiaan Star von der Universität Oslo nun Funde aus ehemaligen Elfenbein-Werkstätten untersucht – darunter Material aus Bergen, Oslo, Dublin, London und Schleswig.

DNA-Analysen der Proben aus der Zeit zwischen 900 und 1400 zeigten: Von dem damals im großen Stil gejagten Atlantischen Walross (Odobenus rosmarus rosmarus) gibt es zwei genetisch unterschiedliche Populationen, die sich vermutlich während der letzten Eiszeit entwickelten. Während das sogenannte östliche Walross in weiten Teilen der Arktis vorkommt, ist das westliche Walross ausschließlich in den Wassern zwischen Kanada und Grönland zuhause – es war demzufolge nur von den Wikingern zu erreichen.

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Blütezeit dank florierendem Handel

Der Auswertung zufolge wurden in den frühen Jahren des Elfenbeinhandels vor allem Knochen der östlichen Genlinie genutzt. Dann jedoch wendete sich das Blatt: Ab dem 12. Jahrhundert stammte das in Europa gehandelte Elfenbein nahezu ausschließlich von Tieren der westlichen Population. „Die Ergebnisse legen nahe, dass Grönland ab den 1100er Jahren der Hauptlieferant von Walross-Elfenbein war“, berichtet Mitautor James Barrett von der University of Cambridge.

Demnach hatten die Nordmänner zu diesem Zeitpunkt eine regelrechte Monopolstellung inne. „Dieser Umbruch im Elfenbeinhandel fällt mit der Blütezeit der grönländischen Wikinger-Siedlungen zusammen. Die Bevölkerung wuchs und es wurden sogar aufwändige Gebäude wie Kirchen errichtet“, sagt Barrett. Wahrscheinlich nutzten die Wikinger das Elfenbein auch, um Abgaben an den Klerus zu entrichten.

Geschäft kam zum Erliegen

Mehr als 200 Jahre lang profitierten die Nordmänner augenscheinlich von dem demographischen und wirtschaftlichen Boom in Europa: „Die steigende Nachfrage nach Luxusgütern half den abgeschiedenen Wikinger-Gemeinschaften dabei, gut zu leben“, konstatiert Barrett. Doch warum endete all dies?

Das geben auch die aktuellen Analysen nicht preis. Klar ist nun aber, dass der Handel mit Walross-Stoßzähnen ein lukratives Geschäft für die Nordmänner in Grönland war – und ein Einbruch dieser wichtigen Einnahmequelle große Probleme verursacht haben könnte. Ein möglicher Grund für einen schwächelnden Handel könnte den Forschern zufolge die zunehmende Bevorzugung von Elefanten-Elfenbein gewesen sein, die ab circa 1400 zu beobachten ist.

Überjagung als Erklärung?

Neben einem neuen Kunstgeschmack ist aber auch die damals in Europa grassierende Pest als möglicher limitierender Faktor denkbar. Zudem könnte der Jagddruck die Walrosse dazu verleitet haben, sich immer weiter von der grönländischen Küste zu entfernen, wo sie schwieriger zu fangen waren.

„Was immer es war, das den Handel mit Walross-Elfenbein zum Erliegen brachte: Es muss eine bedeutende Rolle für das Ende der Wikinger in Grönland gespielt haben. Das, was der Bevölkerung anfangs zu Stärke verhalf, könnte auch den Keim ihrer späteren Anfälligkeit enthalten haben“, schließt Barrett. (Proceedings of the Royal Society B, 2018; doi: 10.1098/rspb.2018.0978)

(University of Cambridge, 08.08.2018 – DAL)

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