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Wie Großkonzerne Emissionen auslagern

Ein Fünftel der globalen CO2-Emissionen gehen auf die Lieferketten multinationaler Konzerne zurück

Hafen von Hongkong
´Die Verlagerung der Produktion ins Ausland verschleiert den großen Anteil der multinationalen Lieferketten an den globalen CO2-Emissionen. Hier zu sehen sind die Verladekais des Hafens von Hongkong © tampatra/ iStock

Ausgelagerte Klimaschuld: Ein Fünftel der globalen Treibhausgas-Emissionen gehen auf die Lieferketten multinationaler Konzerne zurück, wie nun eine Studie enthüllt. Die von diesen Konzernen ins Ausland verlagerten Produktionsstätten treiben die CO2-Bilanz von Ländern wie China, Indien und Südostasien in die Höhe, ohne dass die Verursacher dafür die Zeche zahlen müssten, so die Forscher im Fachmagazin „Nature Climate Change“.

Die Globalisierung führt dazu, dass Handelswege und Lieferketten immer internationaler werden. Dabei sind es vor allem die reichen Industrieländer, die die Produktion ihrer Konsumgüter und Lebensmittel zunehmend in ärmere Ländern verlagern, weil dort Lohn- und Materialkosten geringer sind. Gleichzeitig werden damit auch die Umweltfolgen ausgelagert – von der Gefährdung der Biodiversität über die Wasserknappheit bis zur Emission von Treibhausgasen.

EU hat größten „Auslands-Fußabdruck“

Welche Rolle dafür die Lieferketten und Investitionen multinationaler Konzerne spielen, haben nun Zengkai Zhang von der Tianjin Universität in China und seine Kollegen untersucht. „Ein Land kann seine CO2-Emissionen nicht nur durch Handel, sondern auch durch direkte Investitionen in andere Länder auslagern“, erklären sie. Sie haben ermittelt, in welchem Maße Großkonzerne und Länder Produktionsstätten im Ausland finanzieren und welchen Anteil dies an ihrem CO2-Fußabdruck hat.

Das Ergebnis: Im Jahr 2016 machte dieser „Auslands-Fußabdruck“ von multinationalen Konzernen 18,7 Prozent des globalen CO2-Ausstoßes aus – das entspricht knapp einem Fünftel. Der größte Urheber solcher ausgelagerten Emissionen war 2016 die Europäische Union mit 2.151 Megatonnen CO2, gefolgt von den USA mit 1.259 Megatonnen und Hongkong mit 1.074 Megatonen CO2.

Der größte Empfänger solcher Investitionen ist bislang China, denn die in Europa und den USA ansässigen Großkonzerne lassen vorwiegend dort produzieren. Diese Auslagerung findet aber auch innerhalb Europas statt und zwischen Europa und den USA, wie die Forscher berichten.

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Vermehrt Verlagerung in Entwicklungsländer

Allerdings beginnt sich die Verteilung zu verschieben: Während die Auslagerung von Emissionen durch Auslandsinvestitionen bei Europa und den USA abnahm, gewinnt Chinas Transfer von Geldern und Produktionsstätten ins Ausland an Gewicht. So haben die durch solche Investitionen aus China nach Südostasien verlagerten CO2-Emissionen von 2001 bis 2016 um gut das Zehnfache zugenommen: von 0,7 Millionen auf 8,2 Millionen Tonnen.

„Multinationale Konzerne transferieren ihre Investitionen zunehmend von den entwickelten in die Entwicklungsländer“, sagt Zhang. „Das erlegt den ärmeren Ländern eine größere Emissionslast auf.“ Gleichzeitig jedoch führt dies zu einem Anstieg des globalen CO2-Ausstoßes , weil durch diese Investitionen die Produktion in Regionen mit niedrigeren Umweltstandards und einer CO2-intensiveren Wirtschaft stattfindet.

Coca-Cola, BP und BASF sind vorn mit dabei

Welche Konzerne den größten Anteil am Auslands-CO2-Abdruck ihrer Branchen haben, zeigte sich ebenfalls. Demnach ist der in den USA ansässige Großkonzern Coca-Cola weltweit für so viele CO2-Emissionen verantwortlich wie alle vom Ausland finanzierten Unternehmen in China zusammen. Bei den Ölkonzernen übertreffen die CO2-Emissionen der Auslandstöchter von Total und BP den Gesamtausstoß der meisten ihrer Gastgeberländer. Der in Deutschland ansässige Chemiekonzern BASF gehört ebenfalls zu den multinationalen Unternehmen mit einem beträchtlichen Auslands-Fußabdruck.

Immerhin haben einige Unternehmen bereits gegengesteuert: „Im Jahr 2017 hat Coca-Cola seinen CO2-Fußabdruck gegenüber 2010 um 19 Prozent verkleinert“, berichten Zhang und sein Team. Auch einige große Elektronikhersteller wie Apple und globale Handelsketten wie Walmart haben schon damit begonnen. ihre Lieferketten klimafreundlicher zu gestalten.

„Transformativer Effekt“

„Multinationale Konzerne haben einen enormen Einfluss, der sich über Ländergrenzen hinaus erstreckt“, sagt Koautor Dabo Guan vom University College London. „Wenn diese Konzerne die Führung im Klimaschutz übernähmen, beispielsweise indem sie ihre Lieferketten energieeffizienter machen, dann könnten sie einen transformativen Effekt auf die globale Bemühungen zur Emissionsreduktion haben.“

Weil aber bisher die CO2-Emissionen nicht nach Verursachern, sondern nur nach Ländern betrachtet werden, werden Großkonzerne bislang meist nicht zur Verantwortung gezogen. „Würde man künftig die Emissionen dem Investor-Land zuordnen, wären auch die Unternehmen stärker in der Pflicht“, sagt Guan. (Nature Climate Change, 2020; doi: 10.1038/s41558-020-0895-9)

Quelle: University College London

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