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Wer schrieb die Schriftrollen vom Toten Meer?

Künstliche Intelligenz hilft beim Identifizieren der antiken Schreiber

Jesaja-Schriftrolle
Ausschnitt aus der Großen-Jesaja-Schriftrolle von Qumran. Subtile Schriftmerkmale verraten nun, dass der alttestamentarische Bibeltext von zwei verschiedenen Schreibern niedergeschrieben wurde. © historisch/ Shrine of the Book

Spurensuche im Manuskript: Bisher ist unbekannt, wer die Schreiber der Qumran-Schriftrollen waren und ob einer oder mehrere einen Text niederschrieben. Doch jetzt hilft ein lernfähiges Programm dabei, individuelle Signaturen in den Manuskripten aufzuspüren. So enthüllen subtile Unterschiede in der Handschrift beispielsweise, dass die berühmte Jesaja-Rolle nicht von einem, sondern von zwei verschiedenen Schreibern stammt.

Die Schriftrollen vom Toten Meer umfassen die ältesten handschriftlichen Texte des Alten Testaments der Bibel sowie zahlreiche jüdische und frühchristliche Schriften aus dem vierten vorchristlichen bis zweiten nachchristlichen Jahrhundert. Sie geben damit wertvolle Einblicke in die Wurzeln der jüdisch-christlichen Kultur. Moderne Technik ermöglicht es heute, selbst stark verblasste Fragmente lesbar zu machen oder Fälschungen zu identifizieren.

Anonyme Schreiber

Doch eine Frage blieb bisher offen: Wer waren die Schreiber der Qumran-Schriftrollen? „Mit Ausnahme von einer Handvoll namentlich gekennzeichneter, eher dokumentarischer Texte sind die Schreiber der Schriftrollen anonym“, erklären Mladen Popovic und seine Kollegen von der Universität Groningen. Für die meisten Textteile ist nicht einmal klar, ob sie von nur einer Person niedergeschrieben wurden oder von einem Schreiberkollektiv.

Kohonen-Karte
Diese sogenannten Kohonen-Karten zeigen die in den Qumran-Schriftrollen vorkommenden Formvarianten der Buchstaben Aleph und Bet. © Maruf A. Dhali/ University of Groningen

Das Problem: Zwar haben Menschen normalerweise individuelle Handschriften, die sich durch subtile Abweichungen beispielsweise der Buchstabenform, der Neigung der Linien oder auch des Schwungs unterscheiden. Aber gerade beim Kopieren wertvoller Texte achteten die antiken Schreiber bewusst darauf, möglichst einheitlich und formalisiert zu schreiben. Hinzu kommt, dass auch die Handschrift eines Schreibers je nach Tagesform und Umständen variieren kann.

Große-Jesaja-Schriftrolle als Testobjekt

„Die große Frage ist daher, ob beobachtete Abweichungen signifikant und das Indiz für zwei verschiedenen Schreiber sind oder ob sie nur die normalen Schreibvariationen einer Person widerspiegeln“, erklären die Forscher. Bisher kamen Wissenschaftler bei vielen Schriftrollen zu uneindeutigen oder widersprüchlichen Ergebnissen – auch wegen der schieren Menge des auszuwertenden Textes.

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So ist allein die Große-Jesaja-Schriftrolle fast 7,50 Meter lang und umfasst 54 Abschnitte mit hebräischem Text. „Diese Schriftrolle enthält mindestens 5.000-mal den Buchstaben Aleph. Sie alle per Auge zu vergleichen, ist schier unmöglich“, so Popovics Kollege Lambert Schomaker. Das Team entschied sich daher, eine künstliche Intelligenz zu Hilfe zu nehmen. Das lernfähige Programm wurde darauf trainiert, typische Handschriftenmerkmale zu erkennen und dabei individuelle Variationen von signifikanten Unterschieden zu trennen.

Vom Linienwinkel bis zur Buchstabenform

Die Analyse der Großen-Jesaja-Schriftrolle erfolgte in mehreren Schritten. Im ersten Schritt verglich das KI-System subtile Merkmale in der Linienführung der Zeichen – beispielsweise wie scharf die Wendungen und Kurven der Buchstaben sind, wie dick die Linien ausfallen oder welche Neigung sie haben. „Dies ist wichtig, weil solche Spuren direkt auf die Muskelbewegungen einer Person zurückgehen und daher spezifisch sind“, erklärt Schomaker.

Im nächsten Schritt verglichen die Forscher die Form der Buchstaben als Ganzes. Dafür ließen sie ihr Programm zunächst alle im Manuskript vorkommenden Varianten beispielsweise des Buchstaben „Aleph“ auflisten. Auf Basis dieser Liste erzeugten sie für verschiedenen Abschnitte des Textes Durchschnittswerte. Das ermöglichte es, wiederkehrende Abweichungen beispielsweise zwischen der ersten und zweiten Hälfte des Textes sichtbar zu machen.

„Diese umfangreiche Merkmals-Extraktion auf der Makro- und Mikroebene enthüllt sowohl die kulturellen wie biomechanischen Eigenheiten eines Schreibers“, sagen die Wissenschaftler.

Merkmale von zwei verschiedenen Schreibern

Tatsächlich entdeckte das Team mithilfe ihrer computergestützten Analyse einige Auffälligkeiten. „Wir haben Belege für zwei separate Merkmals-Cluster gefunden, die das Manuskript mehr oder weniger in der Mitte teilen“, berichten Popovic und seine Kollegen. Sowohl in der Linienführung wie der Buchstabenform zeigen sich subtile Unterschiede zwischen den Abschnitten 1 bis 27 und 28 bis 54. „Trotz der ansonsten fast gleichen Handschrift verrät dies die Schreibstile von zwei verschiedenen Kopisten“, so die Wissenschaftler.

Die Große-Jesaja-Schriftrolle wurde demnach nicht von nur einer Person niedergeschrieben, wie bisher meist angenommen. „Stattdessen ist es sehr wahrscheinlich, dass hier zwei Schreiber eng zusammenarbeiteten und versuchten, den gleichen Stil zu halten“, erklären die Forscher. Möglicherweise lernten sie ihr Handwerk gemeinsam in einer Schule oder sie stammten aus einer Familie, waren beispielsweise Vater und Sohn. „Aber ihre Handschrift-Merkmale verraten trotzdem noch ihre Individualität.“

Neue Einblicke in das antike Qumran

Nach Ansicht des Forscherteams bietet diese KI-gestützte Methode der Handschriftenanalyse damit neue Chancen, mehr über die antiken Texte und ihre Schreiber herauszufinden. „Diese Methode kann uns beispielsweise mehr über die Verbindungen zwischen den Schreibern verraten, die die Schriftrollen vom Toten Meer produzierten“, sagt Popovic. „Vielleicht finden wir Hinweise auf andere Herkünfte oder eine abweichende Ausbildung der Schreiber verschiedener Schriftrollen.“

Das Team plant bereits, weitere Qumran-Texte ihrer Analyse zu unterziehen. „Wir werden vermutlich nie die Namen dieser Schreiber erfahren. Aber 70 Jahren nach der Entdeckung dieser Schriftrollen fühlt sich dies an, als könnten wir ihnen durch ihre Handschrift zumindest näherkommen und ihnen gewissermaßen die Hand reichen“, sagt Popovic. (PLOS ONE, 2021; doi: 10.1371/journal.pone.0249769)

Quelle: University of Groningen

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