Anpassung an schnell steigende Temperaturen nicht möglich Vögel und Schmetterlinge „flattern“ dem Klimawandel hinterher - scinexx | Das Wissensmagazin
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Anpassung an schnell steigende Temperaturen nicht möglich

Vögel und Schmetterlinge „flattern“ dem Klimawandel hinterher

Der Segelfalter (Iphiclides podalirius) ist ein Schmetterling, der nach dem was bislang bekannt ist, den klimatischen Verschiebungen besser folgen kann als viele andere Arten. © Chris van Swaay / Butterfly Climate Risk Atlas 2008

Vögel und Schmetterlinge können offenbar mit dem Klimawandel nicht mithalten. Dies berichten Wissenschaftler jetzt im Fachmagazin „Nature Climate Change“. Laut der neuen Studie haben sich die Temperaturen in den letzten beiden Jahrzehnten in Europa schneller erhöht als beide Tiergruppen sich anpassen konnten.

Sie sind nach den Ergebnissen der Forscher langsamer nach Norden gewandert als es ihre klimatischen Erfordernisse für nötig erscheinen lassen. Im statistischen Mittel lägen demnach Schmetterlinge 125 und Vögel sogar 212 Kilometer gegenüber der Temperaturerhöhung und der Verschiebung ihrer Lebensräume nordwärts zurück.

Den Wissenschaftlern zufolge ist dies der erste Beleg für einen ganzen Kontinent, dass der Klimawandel zu einer deutlichen Verschiebung der Lebensräume führt und Lebensgemeinschaften aus verschiedenen Tiergruppen auseinander reißen kann.

Daten von ehrenamtlichen Beobachtungsnetzwerken ausgewertet

Für die Studie wurden Daten von ehrenamtlichen Beobachtungsnetzwerken ausgewertet. Die Wissenschaftler hatten eine einfache Methode entwickelt, um abzubilden und zu analysieren, ob, wie und wo bestimmte Tier- und Pflanzengruppen vom Klimawandel beeinflusst werden. Dazu erstellten sie einen Index für die Durchschnittstemperatur, unter der Arten vorkommen. Für Vögel und Tagfalter wurde dieser aus über 9.000 bzw. über 2.000 Beobachtungsorten in Europa berechnet. Für jede Art lässt sich daraus ein sogenannter „Species Temperature Index“ (STI) berechnen.

Nimmt man dann alle Arten an einem Standort zusammen, so bildet dann der Durchschnittswert der STIs aller Arten den „Community Temperature Index“ (CTI). Wird nun dieser CTI nach einer gewissen Zeit wieder erhoben, lassen sich klimabedingte Veränderungen in den Artenzusammensetzungen relativ leicht messen.

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Das Moor-Wiesenvögelchen (Coenonympha tullia) ist ein Tagfalter, der auf Moorgebiete angewiesen ist und der allein schon aufgrund des Mangels an solchen Lebensräumen den klimatischen Verschiebungen nicht folgen kann. © Chris van Swaay / Butterfly Climate Risk Atlas 2008

Lebensraum der Tagfalter und Vögel verschiebt sich

In der neuen Studie zeigten sich im Beobachtungszeitraum von 1990 bis 2008 nach Angaben der Forscher deutliche Verschiebungen. „Die Veränderungen im Community Temperature Index (CTI) sagen zwar nichts darüber aus, wie einzelne Arten vom Klimawandel beeinflusst werden, aber sie zeigen sehr gut das Gesamtbild des tatsächlichen Rückganges der kälteliebenden Arten, der Zunahme von wärmeliebenden Arten und der Summe aus beiden“, erläutert Vincent Devictor vom französischen Zentrum für wissenschaftliche Forschung (CNRS).

In den letzten beiden Jahrzehnten hat sich der Lebensraum der Tagfalter in Europa im Mittel um 239 Kilometer nach Norden verschoben. Die Schmetterlinge sind dagegen statistisch gesehen nur 114 Kilometer nordwärts gewandert, so die Wissenschaftler. Noch größer ist die Kluft bei den Vögeln Europas: Hier steht einer Temperaturveränderung von 249 Kilometern lediglich eine Wanderung von 37 Kilometern gegenüber.

Klimawandel schneller als Tierwanderung

„Unsere Ergebnisse weisen nicht nur darauf hin, dass Vögel und Schmetterlinge nicht schnell genug dem Klimawandel hinterher ziehen können. Sie zeigen auch, dass die Lücke zwischen beiden Gruppen größer wird“, betont Chris van Swaay von der Niederländischen Schmetterlingsstiftung.

Für die einzelnen Länder sind die Ergebnisse recht unterschiedlich: So hat sich die Durchschnittstemperatur der Lebensräume von Vogelarten in Tschechien kaum, in Schweden dagegen stark erhöht. Bei Schmetterlingen gab es in Großbritannien nur geringe, in den Niederlanden dagegen starke Veränderungen.

Alarmierende Ergebnisse

Gerade bei Vögeln sind die Ergebnisse den Forschern zufolge überraschend. Kaum eine Tiergruppe ist so mobil und legt so weite Wege zurück. Die Erklärung dafür ist dennoch einfach: „ Dass Schmetterlinge im Schnitt auf europäischer Ebene schneller auf den Klimawandel reagieren als Vögel, könnte daran liegen, dass sie relativ kurze Lebenszyklen haben und sehr temperatursensibel sind, was ihnen ermöglicht, Temperaturveränderungen besser zu verfolgen, als Vögel es können“, vermutet Oliver Schweiger vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ.

Trotzdem sind die Resultate aus Sicht der Wissenschaftler alarmierend, denn Vögel und Schmetterlinge zählen zu den am meisten verbreiteten und mobilsten Tiergruppen. Die Verzögerung bei der Klimadrift könnte verschiedenste Lebensgemeinschaften auseinanderreißen, fürchtet UFZ-Forscher Josef Settele: „Zum Beispiel sind viele Vogelarten bei ihrer Ernährung auf Raupen bestimmter Schmetterlingsarten angewiesen und könnten daher unter den Veränderungen leiden. Je spezialisierter eine Art ist, umso gefährdeter wird diese durch solche Verschiebungen sein.“

Fraßpflanzen nicht mobil genug

Die Raupen des Natterwurz-Perlmutterfalters sind beispielsweise auf den Wiesenknöterich als Fraßpflanze angewiesen. Auch wenn es diese Schmetterlingsart vielleicht gerade noch schaffen würde, mit den Temperaturen mitzuziehen – die Pflanze, von der sie abhängig sei, sei dagegen bei weitem nicht so mobil, so der Wissenschaftler.

Daneben zeigt die Studie den Forschern zufolge vor allem, wie wichtig die von ehrenamtlichen Beobachtern zusammengetragenen Daten zu den Veränderungen in der Natur sind und dass Vorhersagen für die Auswirkungen des Klimawandels auf Ökosysteme nur möglich sind, wenn die komplexen Veränderungen in den Strukturen und der Zusammensetzung der Lebensgemeinschaften über die ganze Nahrungskette hinweg erfasst werden. (Nature Climate Change, 2012; doi:10.1038/NCLIMATE1347)

(Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ, 09.01.2012 – DLO)

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