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Verlorenes Königreich entdeckt

Stelentext aus Anatolien enthüllt royalen Gegner von König Midas

Steinstele
Die Inschrift auf dieser rund 2.800 Jahre alten Steinstele berichtet von einem Herrscher, der König Midas besiegte – und liefert damit den entscheidenden Hinweis auf ein zuvor unbekanntes Königreich in Anatolien. © James Osborne

Spannender Fund: Im Zentrum Anatoliens haben Archäologen Spuren eines verlorenen Königreichs entdeckt. Sein Herrscher hat vor knapp 3.000 Jahren den legendären König Midas besiegt, wie eine nahe dem Stadthügel Türkmen-Karahöyük entdeckte Steleninschrift verrät. Der Fund enthüllt nicht nur ein neues Reich im eisenzeitlichen Kleinasien, er klärt auch, wer der rätselhafte König Hartapu war, der anderswo erwähnt wurde.

Anatolien gehört zu den frühesten Zentren menschlicher Zivilisation. Schon vor rund 11.000 Jahren errichteten dort Steinzeitjäger die Steinkreise von Göbekli Tepe, wenig später entstand in dieser Region mit Catalhöyuk die älteste Großsiedlung der Welt. Sogar die indoeuropäische Sprache könnte einer Theorie zufolge in diesem Gebiet ihren Ursprung haben. Während der Bronze- und Eisenzeit lag Anatolien am Schnittpunkt wichtiger Fernhandelswege und brachte mehrere große Königreiche hervor.

Hügel von Türkmen-Karahöyuk
Blick auf den Stadthügel von Türkmen-Karahöyük. In ihm könnten sich die Relikte der Hauptstadt des neuentdeckten Königreichs verbergen.© James Osborne/ KRASP

Vergrabene Relikte einer riesigen Stadt

Auf ein zuvor unbekanntes Königreich in dieser Region sind nun Archäologen um James Osborne von der University of Chicago gestoßen. Gemeinsam mit britischen und türkischen Kollegen führen sie Ausgrabungen des Stadthügels von Türkmen-Karahöyük durch. Schon 2017 deuteten erste Funde und Kartierungen darauf hin, dass sich im Inneren des Hügels die Überreste einer großen, etwa seit 4500 vor Christus bestehenden Siedlung verbergen müssen.

Inzwischen haben weitere Ausgrabungen tausende von Keramikscherben und Gebäuderesten zutage gefördert. „Während der späten Bronzezeit, vor allem im 13. bis 14. Jahrhundert, wuchs Türkmen-Karahöyük auf die erstaunliche Größe von mehr als 125 Hektar heran“, berichten die Forscher. „Dies macht es zu einem der größten prähellenistischen Orte in ganz Anatolien.“ Bis etwa 600 vor Christus behielt die Stadt offenbar ihre Größe und Bedeutung bei.

Eine Stele mit luwischen Hieroglyphen

Doch wer waren die Menschen, die in dieser Metropole der Bronze- und Eisenzeit lebten? Und wer regierte hier? Den entscheidenden Hinweis darauf haben Osborne und sein Team im Sommer 2019 entdeckt – in einem Graben rund 600 Meter vom Stadthügel entfernt. Ein Bauer hatte den Archäologen erzählt, dass er darin einen großen Stein mit merkwürdigen Schriftzeichen darauf gesehen habe.

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„Mein Kollege Michael Massa und ich liefen sofort dorthin und tatsächlich konnten wir den Stein aus dem Wasser ragen sehen“, berichtet Osborne. „Es war uns sofort klar, dass dieser Stein alt sein musste und wir erkannten auch die Zeichen, aus denen die Inschrift bestand: Sie war in Luwisch geschrieben, der Sprache, die in der Bronze- und Eisenzeit in dieser Region gesprochen wurde.“ Als Schriftzeichen für das Luwische gab es sowohl Keilschrift-ähnliche Zeichen als auch Hieroglyphen.

Sieg über König Midas

Nachdem die Archäologen die Steinstele aus dem Graben geborgen und in ein nahes Museum gebracht hatten, begann die Entzifferung der Hieroglyphen-Inschrift – und enthüllte eine Sensation. Denn die Ende des achten Jahrhunderts eingeritzte Inschrift berichtet vom Sieg eines Königs Hartapu über das nahegelegene Königreich Phrygien – die Heimat des legendären Königs Midas. Dessen Reich erstreckte sich zur damaligen Zeit über weite Teile Anatoliens. Auf der Stele ist zu lesen: „Die Sturmgötter lieferten seiner Majestät die Könige aus.“

Das aber bedeutet: Türkmen-Karahöyük muss damals Teil eines zuvor unbekannten Königreichs unter König Hartapu gewesen sein – und es konnte sich offenbar selbst gegen das mächtige Phrygien behaupten. „Wir hatten keine Idee, dass es dieses Königreich gab“, sagt Osborne. „Plötzlich haben wir eine ganz neue Sicht des eisenzeitlichen Kleinasiens.“

„Eines der drei großen Reiche“

Wie dieses verlorene Königreich hieß und wie weit es reichte, ist noch unbekannt. Doch sein König Hartapu ist kein Unbekannter: Schon vor einigen Jahren hatten Archäologen an der Felswand eines rund 15 Kilometer entfernten Vulkanes eine Hieroglyphen-Inschrift gefunden, die einen König Hartapu erwähnte. Bislang aber wusste niemand, wer dieser Herrscher war oder wo sein Königreich lag. Jetzt könnten die Archäologen seine Hauptstadt gefunden haben – Türkmen-Karahöyük.

„Hartapu und sein Vater Mursili herrschten wahrscheinlich über ein Gebiet, das die heutigen Provinzen Konya und Karaman umfasste“, berichten die Archäologen des Konya Regional Archaeological Survey Project. „Ihr Königreich war eines der drei großen Reiche im südlichen Zentralanatolien während des achten Jahrhunderts vor Christus.“

Die Forscher vermuten, dass sich unter dem Hügel von Türkmen-Karahöyük Relikte der einstigen Pracht dieses Königreichs finden lassen. Sie werden ihre Ausgrabungen in Türkmen-Karahöyük in diesem Jahr fortsetzen. „Im Inneren des Hügels wird es Paläste, Monumente und Häuser geben“, sagt Osborne. „Diese Stele war ein wunderbarer, unglaublich glücklicher Fund – aber sie ist erst der Anfang.“ (Anatolian Studies, in press)

Quelle: University of Chicago, Konya Regional Archaeological Survey Project

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