Anzeige

Unser Plastik driftet über den Nordpol

Arktische Drift-Routen von Mikroplastik aus europäischen Flüssen enthüllt

Plastik-Drift
Das Mikroplastik aus europäischen Flüssen driftet mit den Meeresströmungen einmal durch die gesamte Arktis.© Huserbråten et al./ Scientific Reports, CC-by 4.0

Über den Nordpol bis nach Grönland und Kanada: Plastik aus dem Rhein und anderen europäischen Flüssen driftet durch das gesamte Nordpolarmeer – und trägt so entscheidend zu Verschmutzung der Arktis bei. Die Partikel folgen dabei zwei Drift-Routen, die sie im Verlauf von rund zehn Jahren entlang der Küsten Norwegens und Sibiriens in einem großen Bogen über den Nordpol bis nach Grönland und Kanada führen, wie Forschende im Fachmagazin „Scientific Reports“ berichten.

Mikroplastik findet sich längst überall – im Boden, der Luft, den Flüssen und den Ozeanen. Selbst in unserem eigenen Körper reichern sich die Plastikpartikel an. Der größte Teil des Plastikmülls gelangt dabei über Abwasser und die Flüsse ins Meer – bis zu vier Millionen Tonnen sind es Schätzungen zufolge jährlich. Doch wo das beispielsweise von uns Europäern freigesetzt Mikroplastik von den Flussmündungen aus hindriftet, ist bislang erst in Teilen geklärt.

Wohin driftet Mikroplastik aus Rhein und Co?

Dem Weg unseres Plastiks gefolgt ist nun ein Team um Mats Huserbråten vom Institut für Meeresforschung im norwegischen Bergen. Für ihre Studie haben sie rekonstruiert, auf welchen Routen sich Mikroplastik aus 21 Flüssen Europas und der Arktis ausbreitet. Dazu kombinierten sie Modelle der Meeresströmungen in Nordsee, Nordatlantik und Arktischem Meer mit Simulationen des Driftverhaltens verschiedener Mikroplastik-Partikel.

Das Forschungsteam erfasste auch, wie viel Plastik aus den verschiedenen Flüssen in den Ozean eingetragen wird. Demnach schwemmen der russische Fluss Ob und der Rhein das meiste Mikroplastik in den Ozean, wie Huserbråten und seine Kollegen berichten. Der Anteil dieser Flüsse am Plastikeinstrom in Nordatlantik und Nordpolarmeer ist um ein Mehrfaches höher der als anderer Flüsse wie Flüsse wie Oder, Elbe, Themse oder Seine.

Vom Rhein bis nach Sibirien

Einmal im Meer angelangt, folgen all diese Plastikpartikel zwei großen Routen, wie die Simulationen enthüllten. Das Plastik vereint sich dabei zunächst zu einem großem Strom, der ostwärts entlang der Küste Norwegens führt. Im Schnitt dauert es dabei rund ein bis zwei Jahre, bis ein Plastikpartikel von den Flussmündungen in der Nordsee bis nach Nordnorwegen gedriftet ist, wie die Forschenden ermittelten.

Anzeige

Dann kommt es zu einer Teilung des Plastikstroms: Der größte Teil des Plastiks folgt den Meeresströmungen weiter nach Osten bis in die Laptev-See vor der Küste Sibiriens. „Dieses Meeresgebiet scheint das primäre Sammelgebiet für Mikroplastik aus Eurasischen Flüssen zu sein“, berichtet das Team. Dies bestätigten auch Wasserproben aus diesem Meeresgebiet. Im Schnitt benötigt das Mikroplastik rund vier Jahre vom Rhein bis in die Laptev-See.

Anreicherung
Anreicherungszonen (gelb) des europäischen Mikroplastiks.© Huserbråten et al./ Scientific Reports, CC-by 4.0

Über den Nordpol bis nach Kanada

Von der Küste Sibiriens aus biegt der Hauptstrom des europäischen Mikroplastiks dann nach Nordwesten ab und beginnt eine transpolare Rundreise. Diese führt das Plastik in einem weiten Bogen über den Nordpol hinweg bis an die Nordostküste Grönlands. Von dort aus folgt der Strom der Kunststoffpartikel dann den Strömungen an der grönländischen Küste entlang nach Süden, umrundet die Südspitze der Insel und driftet in einem weiteren Bogen bis an die Küste Kanadas.

„Unsere Simulationen deuten darauf hin, dass mindestens 65 Prozent aller Plastikpartikel aus Nordeuropa dieser hufeisenförmigen Reise durch das Arktische Meeresbecken folgt“, berichten Huserbråten und sein Team. Die Laptev-See spielt für diese Transpolar-Drift eine doppelte Rolle: Von ihr gehen die treibenden Meeresströmungen aus, gleichzeitig ist sie die „Geburtsregion“ von rund zehn Prozent des jährlich in Eurasien neugebildeten Meereises.

Ein Teil des Mikroplastiks dürfte demnach auch mit dem Meereis über den Nordpol driften, wie die Wissenschaftler erklären. Dafür sprechen auch Nachweise von Mikroplastik in Eisbohrkernen aus der zentralen Arktis.

Abkürzung durch den Nordatlantik

Doch es gibt noch eine zweite, verkürzte Route des europäischen Plastiks: Rund ein Drittel des Mikroplastiks aus Europas Flüssen biegt schon vor der Küste Nordnorwegens nach Westen ab. Von dort driftet es mit den Meeresströmungen quer über den Nordatlantik direkt bis vor die Ostküste von Grönland. Dort vereinen sich diese Driftpartikel wieder mit dem Hauptplastikstrom und fließen weiter bis nach Kanada.

„Die von uns identifizierten Drift-Routen verbinden demnach das gesamte arktische Meeresbecken“, berichten die Forschenden. Im Schnitt benötigt ein Mikroplastik-Teilchen aus Europa rund zehn Jahre für die gesamte Reise. Auf diesem Weg sammelt sich das Plastik in vier Meeresgebieten in besonders hoher Dichte an: dem europäischen Nordmeer und der Barentssee, der Laptev-See und der Baffin Bay zwischen Grönland und Kanada, wie das Team ermittelte.

Europas Plastik verschmutzt die Arktis

Damit zeigen diese Ergebnisse zweierlei: Zum einen tragen sie dazu bei zu klären, woher die teils hohen Mikroplastik-Konzentrationen in arktischen Gefilden kommen. Denn bisher war die Herkunft dieses Plastik unklar. Zum anderen jedoch unterstreichen die neuen Erkenntnisse zur Mikroplastik-Drift, dass gerade Europa in hohem Maße zur Verschmutzung der Arktis beiträgt.

„Unsere Ergebnisse sollten das allgemeine Bewusstsein dafür stärken, welches enorme Verbreitungspotenzial Mikroplastik aus unseren Flüssen hat, nachdem es einmal in die marinen Ökosysteme gelangt ist“, schreiben Huserbråten und seine Kollegen. Denn gerade die Zirkulation des Mikroplastiks durch arktische Ökosysteme könnte erhebliche Folgen für den Zustand und die Gesundheit dieser sensiblen Systeme haben. (Scientific Reports, 2022; doi: 10.1038/s41598-022-07080-z)

Quelle: Scientific Reports

Anzeige

In den Schlagzeilen

Diaschauen zum Thema

Dossiers zum Thema

News des Tages

Bücher zum Thema

Plastic Planet - Die dunkle Seite der Kunststoffe von Gerhard Pretting und Werner Boote

Plastisch, elastisch, fantastisch - Ohne Kunststoffe geht es nicht Von Georg Schwedt

Top-Clicks der Woche