100.000 Jahre alte Schädel zeigen einzigartiges Mosaik moderner und archäischer Merkmale Unbekannte Frühmenschenart entdeckt - scinexx | Das Wissensmagazin
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100.000 Jahre alte Schädel zeigen einzigartiges Mosaik moderner und archäischer Merkmale

Unbekannte Frühmenschenart entdeckt

Rekonstruktionen der beiden Frühmenscen-Schädel aus Xuchang vor ihrem Fundort © Xiujie Wu

Rätselhafte Fossilien: In China haben Forscher Schädel einer bisher unbekannten Frühmenschenart entdeckt. Die Fossilien sind gut 100.000 Jahre alt und weisen ein einzigartiges Mosaik von Merkmalen archaischer und moderner Menschen auf, wie Forscher im Fachmagazin „Science“ berichten. Ob sie Verwandte der Neandertaler waren oder vielleicht sogar zu den rätselhaften Denisova-Menschen gehören, ist bisher unbekannt.

Als der Homo sapiens von Afrika aus die gesamte Welt besiedelte, traf er keineswegs auf menschenleere Landschaften: Zumindest in Europa und Asien waren andere Frühmenschen schon lange vor ihm da. In Europa und Zentralasien lebten der Neandertaler und sein rätselhafter Vetter, der Denisova-Mensch.

Rätsel um Menschenvorgänger in Asien

Weniger eindeutig ist die Lage allerdings in Fernost: Fossilien zeugen zwar davon, dass der Homo erectus schon vor gut einer Million Jahren dort vorkam, was aber in der langen Zeit bis zur Ankunft des Homo sapiens vor rund 40.000 Jahren geschah, ist bisher rätselhaft.

Für Verwirrung sorgen unter anderem ein Frühmenschen-Fossil aus Taiwan, das sich keiner der bekannten Menschenarten zuordnen lässt. Auf Sulawesi haben Forscher mehr als 100.000 Jahre alte Steinwerkzeuge entdeckt, deren Urheber ebenfalls rätselhaft sind. Und wie die „Hobbitmenschen“ von der Insel Flores ins Bild passen, ist ebenso unklar wie umstritten.

Fragmente von zwei Schädeln

Jetzt haben Forscher in China zwei weitere Frühmenschen-Fossilien entdeckt – und auch diese scheinen einer ganz eigenen Menschenform zu gehören. Die in Xuchang in der Henan-Provinz gefundenen Fragmente zweier Schädel sind Datierungen zufolge zwischen 105.000 und 125.000 Jahre alt. Sie stammen damit aus der Zeit lange vor Ankunft des Homo sapiens in Asien.

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Zhan-Yang Li von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften und seinen Kollegen gelang es, die Fragmente virtuell zusammenzusetzen und so die Anatomie der beiden Schädel zu rekonstruieren. Dabei jedoch trat Erstaunliches zutage: Die beiden Schädel ähnelten weder den bisher aus Ostasien bekannten Frühmenschenformen, noch überhaupt einer bekannten Art.

Großes Gehirn, aber flacher Kopf

Stattdessen zeigen die beiden Schädel aus Xuchang ein komplexes Mosaik aus archaischen und modernen Merkmalen. So besaßen diese Frühmenschen bereits eher zarte Schädelknochen und ein relativ großes Gehirn: „Das Schädelvolumen von Xuchang 1 beträgt 1.800 Kubikzentimeter und liegt damit an der oberen Grenze der Spannbreite des Neandertalers und des frühen modernen Menschen“, berichten Li und seine Kollegen.

Gleichzeitig jedoch war der Schädel dieser Frühmenschen insgesamt eher flach und hatte seine breiteste Stelle auf Höhe der Ohren – ein eher primitives Merkmal, wie die Forscher erklären. Um das Puzzle komplett zu machen, entdeckten sie zudem zwei Merkmale, die eigentlich nur für Neandertaler typisch sind.

„Einzigartiges Mosaik“

Diese Kombination von Merkmalen ergibt ein Mosaik, wie es so noch von keinem anderen Frühmenschen aus dieser Zeit bekannt war, so die Forscher. Vor allem die Präsenz der Neandertaler-Merkmale könnte ihrer Ansicht nach darauf hindeuten, dass die Frühmenschen Asiens damals weitaus stärker mit anderen Menschentypen in Kontakt standen als bisher angenommen.

„Die Merkmale dieser Fossilien bestätigen eine Kontinuität der Populationen im östlichen Eurasien“, sagt Seniorautor Erik Trinkaus von der Washington University in St. Louis. „Sie bestätigen die Einheit und dynamische Natur der menschlichen Evolution, die zum Homo sapiens führte.“ Selbst die weit von Europa und dem Nahen Osten entfernten Frühmenschen könnten damals mit Neandertalern oder deren Verwandten zusammengetroffen sein und sich mit ihnen gekreuzt haben.

Fossilien von Denisova-Menschen?

Einige nicht an der Entdeckung beteiligte Paläoanthropologen spekulieren nun sogar darüber, ob diese Schädel vielleicht von zwei Denisova-Menschen stammen. Von dieser Frühmenschenart ist bisher nicht mehr erhalten als ein in Südsibirien entdeckter Fingerknochen und die daraus rekonstruierte DNA-Sequenz.

„Diese chinesischen Fossilien sind am rechten Ort, stammen aus der richtigen Zeit und haben die richtigen Merkmale“, meint Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Doch Trinkaus und seine Kollegen sind eher skeptisch: „Weder ich noch irgendjemand anderer haben eine Idee, wie ein Denisova-Mensch aussah – es ist bisher nicht viel mehr als eine DNA-Sequenz“, sagt Trinkaus.

Ob die Schädel wirklich zu dieser rätselhaften Menschenart gehören, könnte nur ein DNA-Test der neuentdeckten Fossilien zeigen. Das aber setzt voraus, dass noch DNA erhalten ist. In jedem Fall aber enthüllen die neue Fossilien einen neuen Aspekt der noch immer weitgehend rätselhaften Vorgeschichte Asiens – und werfen viele neue Fragen auf. (Science, 2017; doi: 10.1126/science.aal2482)

(Washington University/ Science, 06.03.2017 – NPO)

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