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Starb Dschingis Khan an der Pest?

Historische Quellen liefern Hinweise auf die Beulenpest als Todesursache des Mongolenherrschers

Dschingis Khan
Wie der Mongolenherrscher Dschingis Khan zu Tode kam, ist bis heute ungeklärt. © Goddard_Photography/ iStock

Mysteriöser Tod: Niemand weiß, woran der berühmte Mongolenherrscher Dschingis Khan starb. Doch nun gibt es eine neue Spur: Forscher haben in historischen Quellen Hinweise darauf gefunden, dass sich der Khan bei einer Belagerung mit der Pest ansteckte und daran starb. Aus machtpolitischen Gründen hielt sein Umfeld dies jedoch geheim – der Tod durch eine Seuche galt vermutlich als zu wenig ruhmreich für einen so berühmten Herrscher.

Dschingis Khan ist einer der berühmtesten Eroberer aller Zeiten. Unter seiner Herrschaft vereinten sich die mongolischen Reiternomaden und bildeten eine Streitmacht, die in schneller Folge die Völker Zentralasiens unterwarf. Begünstigt durch das Klima, aber auch sein taktisches Geschick, begründete Dschingis Khan so eines der größten Imperien der Geschichte. Es reichte vom chinesischen Meer bis an den Kaukasus. Und auch er selbst hinterließ Spuren: Seine Gene sind in Millionen heutiger Männer nachweisbar.

Rätsel um den Tod des Khan

Doch so berühmt die Errungenschaften von Dschingis Khan sind, so geheimnisvoll ist sein Tod. Bis heute ist unbekannt, wie der Mongolenfürst im Jahr 1227 starb und auch sein Grab wurde nie gefunden. Einer der Gründe dafür: Angehörige und enge Vertraute hielten den Tod geheim, weil Dschingis Khan mitten im langjährigen Feldzug gegen das Reich der Westlichen Xia-Dynastie starb. Die Todesnachricht sollte die Siegchancen der Mongolen nicht gefährden. Zudem war es damals aus religiösen Gründen Brauch, verstorbene Herrscher an entlegenen, geheimen Orten zu bestatten.

Als Folge kursierten schon wenig später reichlich Mythen und Spekulationen. „Freunde und Feinde der Mongolen schufen eine Vielzahl an faszinierenden, aber sich widersprechenden Legenden über das Ende des berühmten Königs“, erklären Wenpeng You von der University of Adelaide und seine Kollegen. So soll Dschingis Khan wahlweise vom Pferd gestürzt, in der Schlacht gefallen oder an einer Pfeilwunde gestorben sein. Einer anderen Legende nach erstach ihn eine von den Mongolen gefangene tibetische Prinzessin.

Acht Tage Fieber, dann der Tod

Es könnte aber noch eine andere, weit prosaischere Erklärung für den Tod des Mongolenherrschers geben: Möglicherweise starb Dschingis Khan an einer Infektion. Erste Hinweise darauf liefert die „Geschichte von Yuan“, einem von der Ming-Dynastie in Auftrag gegebenen Werk. In diesen Aufzeichnungen steht, dass Dschingis Khan vom 18. bis 25. August 1227 an einem Fieber erkrankte. Nach acht Tagen auf dem Krankenbett starb der Herrscher daran, so der historische Text.

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Einige Wissenschaftler vermuteten aufgrund dieser Beschreibung, dass es sich dabei um Typhus gehandelt haben könnte. „Aber angesichts der Tatsache, dass typische Symptome wie Bauchschmerzen und Erbrechen nicht erwähnt werden, ist dies nicht die einzige denkbare Möglichkeit“, konstatieren You und sein Team.

Pestausbruch im Mongolenheer

Ihr Verdacht: Möglicherweise war eine Seuche schuld, die damals in Zentralasien umging – die Pest. Von ihrem Erreger, dem Bakterium Yersinia pestis, ist bekannt, dass es schon vor mehr als 4.000 Jahren Menschen in dieser Region befiel. Und auch der „Schwarze Tod“ des Mittelalters wurde kurz nach der Zeit des Dschingis Khan aus Asien nach Europa eingeschleppt.

Belagerung
Mongolenheer bei der Belagerung ( © Bill Taroli/ Tech Museum San Jose, CC-by-sa 2.0

Und nicht nur das: Wie You und sein Team berichten, gibt es historische Zeugnisse dafür, dass die Pest auch im Mongolenheer des Dschingis Khan grassierte. Sie finden sich chinesischen Aufzeichnungen über einen großen Konfuzius-Gelehrten und Heilkundigen jener Zeit, Yelü Chukai. Von ihm wird berichtet, dass der im Jahr 1226 tausende an der Pest erkrankte Soldaten des Dschingis Khan mit einem pflanzlichen Heilmittel behandelte und ihnen so das Leben rettete.

Nur ein Jahr später belagerten der Mongolenherrscher und seine Truppen Yinchun, die Hauptstadt des Westlichen-Xia-Reiches. Die Belagerung zog sich über Monate hin. „Dieser lange Feldzug muss den berühmten Krieger physisch und psychisch erschöpft haben, denn er war damals schon 65 Jahre alt“, sagen You und sein Team. Tatsächlich kam es bei dieser Belagerung zum Tod des Dschingis Khan, wie man heute weiß.

Wenig ruhmvoller Tod

Nach Ansicht der Wissenschaftler spricht einiges dafür, dass sich Dschingis Khan damals mit der Pest ansteckte und daran starb: Der Zeitpunkt passt zum Auftreten der Seuche in dieser Gegend und im Heer des Mongolenherrschers. Zudem stimmen die in der „Geschichte von Yuan“ geschilderten Symptome mit den Merkmalen der Beulenpest überein, wie die Forscher erklären. Bei dieser Pestform entwickeln die Erkrankten starkes Fieber, Schwäche und Kopf- und Gliederschmerzen sowie geschwollene Lymphknoten.

Plausibel auch: Sollte Dschingis Khan tatsächlich an der Pest gestorben sein, dann könnte dies seinen Angehörigen und Beratern zusätzliche Motivation für eine Vertuschung geliefert haben. Denn anders als der heldenhafte Tod auf dem Schlachtfeld oder durch ein Attentat war eine tödliche Seuche weit weniger ruhmesträchtig – und würde die Moral der Soldaten noch mehr untergraben als ohnehin schon.

Ungewissheit bleibt

Allerdings: Ob Dschingis Khan tatsächlich an der Pest starb, lässt sich allein auf Basis der spärlichen historischen Zeugnisse nicht eindeutig belegen, wie auch You und seine Kollegen einräumen. Dennoch halten sie einen Pesttod des Mongolenherrschers für wahrscheinlicher als viele der gängigen Legenden.

„Statt von exotischen, spektakulären Todesursachen auszugehen, müssen wir auch bei historischen Persönlichkeiten anfangen, an pandemische Krankheiten als Todesursachen zu denken“, betonen die Forscher. (International Journal of Infectious Diseases, 2021; doi: 10.1016/j.ijid.2020.12.089 1201-9712)

Quelle: International Journal of Infectious Diseases

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