64.000 Jahre alte Felsmalereien in spanischen Höhlen belegen Kunstsinn der Neandertaler Schon Neandertaler schufen Höhlenkunst - scinexx | Das Wissensmagazin
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64.000 Jahre alte Felsmalereien in spanischen Höhlen belegen Kunstsinn der Neandertaler

Schon Neandertaler schufen Höhlenkunst

Diese Handabdrücke in der Höhle von Maltravieso in Spanien sind schon mehr als 64.000 Jahre alt. © H. Collado

Von wegen primitiv: Die ältesten Höhlenmalereien stammen nicht von unseren Vorfahren, sondern von Neandertalern. Belege dafür liefert nun eine Datierung von Felsbildern in drei spanischen Höhlen. Demnach sind die Handabdrücke, roten Farbmuster und Linien schon mindestens 64.000 Jahre alt – sie entstanden damit 20.000 Jahre vor Ankunft des Homo sapiens in Europa. Schon die Neandertaler besaßen demnach einen Sinn für Kunst und Symbolik, wie die Forscher im Fachmagazin Science“ berichten.

Die Fähigkeit zur Abstraktion und zu symbolischen Handlungen galt bisher als Domäne des Homo sapiens. Archäologische Funde zeigen, dass unsere Vorfahren bereits in Afrika Pigmente nutzten und Schmuck herstellten. Nachdem sie dann vor rund 40.000 Jahren Europa besiedelten, schufen sie hier spektakuläre Höhlenmalereien, Musikinstrumente und andere Kunstwerke.

Dem Neandertaler dagegen traute man solche Kunst lange nicht zu. Doch in jüngster Zeit haben Archäologen mehrere Funde gemacht, die nicht in dieses Bild passen. So entdeckten sie 130.000 Jahre alten Schmuck aus Vogelkrallen und eine 39.000 Jahre Ritzzeichnung in einer Höhle auf Gibraltar. Einige Handabdrücke in der El-Castillo-Höhle in Spanien sind ebenfalls schon 40.800 Jahre alt – sie stammen damit aus einer Zeit, in der es in dieser Gegend noch Neandertaler gab.

Felsmalereien neu datiert

Neue Belege für Kunst von Neandertalern haben nun Dirk Hoffmann vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und seine Kollegen entdeckt. Sie nutzten die Uran-Thorium-Datierung, um Felskunst in drei spanischen Höhlen zu datieren. „Höhlenkunst genau und präzise zu datieren, ohne sie dabei zu zerstören, war bisher kaum möglich“, sagt Hoffmann.

Diese Kalkkruste ist über einem Felsbild gewachsen - das ermöglicht die Bestimmung von dessen Mindestalter. © J. Zilhao

Doch dank neuer Technologien lässt sich das Alter solcher Malereien nun indirekt ermitteln – über die auf ihnen gewachsenen Kalkkrusten. Das Verhältnis der radioaktiven Elemente in ihnen verrät, wie alt diese Kalkkrusten sind und liefert damit ein Mindestalter für die Felskunstwerke. Für ihre Studie entnahmen die Forscher 53 Proben von Kalkkrusten über Handabdrücken, roten Punkten und geometrischen Zeichen in den Höhlen La Pasiega, Maltravieso und Ardales.

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Älteste Höhlenbilder der Welt

Das überraschende Ergebnis: In allen drei Höhen ist die Felskunst deutlich älter als bisher angenommen. Die Datierungen ergaben ein Mindestalter von 64.000 Jahren. „Das ist eine unglaublich spannende Entdeckung“, sagt Koautor Christ Standish von der University of Southampton. „Die Felsbilder, die wir datiert haben, sind damit mit Abstand die ältesten bekannten Höhlenmalereien der Welt.“

Noch wichtiger aber: Diese Höhlenmalereien entstanden mindestens 20.000 Jahre bevor der Homo sapiens nach Europa kam. „Zu dieser Zeit war die Iberische Halbinsel ausschließlich von Neandertalern besiedelt, wie archäologische Funde belegen“, so die Forscher. „Die Schöpfer dieser Felskunst müssen daher Neandertaler gewesen sein.“

Beleg für symbolisches Denken und Handeln

Nach Ansicht der Wissenschaftler belegt dies, dass auch die Neandertaler schon symbolisches Handeln und abstraktes Denken beherrschten. „Die Entstehung der symbolisch-materiellen Kultur ist eine fundamentale Schwelle im Laufe der menschlichen Evolution. Sie ist eine der tragenden Säulen dessen, was uns zum Menschen macht“, sagt Hoffmann. Doch wie sich nun zeigt, besaß auch unser eiszeitlicher Vetter schon diese zutiefst menschliche Fähigkeit.

Mit roter Farbe ausgeführtes Felsbild in der La Pasiega-Höhle. Rechts eine zeichnerische Übertragung des Motivs. © C. Standish, A. Pike und D. Hoffmann

Auf Basis der neuen Erkenntnisse vermuten die Wissenschaftler, dass auch andere Felsbilder in europäischen Höhlen von den Neandertalern stammen könnten. Denn Höhlenmalereien in ähnlichem Stil wie die jetzt datierten finden sich auch in Frankreich und anderswo in Spanien. „Dies ist sicher nur der Anfang eines neuen Kapitels in der Erforschung der eiszeitlichen Wandkunst“, betont Koautor Gerd-Christian Weniger von der Stiftung Neanderthal Museum Mettmann.

Ursprung beim gemeinsamen Vorfahren?

Bestätigt wird dies von weiteren Funden der Forscher, die sie in einer zweiten Studie vorstellen. Dabei handelt es sich um durchbohrte Muscheln, rote und gelbe Farbpigmente sowie Behälter mit komplexen Pigmentmischungen, die in einer Küstenhöhle im Südosten Spaniens entdeckt wurden. Die Uran-Thorium-Datierung ergab für diese Fundstücke ein Alter von mindestens 115.000 Jahren. Demnach müssen auch sie von Neandertalern stammen.

Die Wurzeln der symbolisch-materiellen Kultur des Menschen könnten damit sehr viel weiter zurückreichen als bisher angenommen. Denn wenn sowohl Neandertaler als auch Homo sapiens diese Fähigkeiten besaßen, könnte der Ursprung dieser kognitiven Errungenschaft bereits bei ihrem gemeinsamen Vorfahren liegen. „Auf der Suche nach den Ursprüngen von Sprache und entwickeltem menschlichen Wahrnehmungs- und Denkvermögen müssen wir deshalb viel weiter in unsere Vergangenheit zurückblicken: mehr als eine halbe Million Jahre“, sagt Koautor João Zilhão von der Universität Barcelona. (Science, 2018; doi: 10.1126/science.aap7778; Science Advances, 2018; doi: 10.1126/sciadv.aar5255)

(University of Southampton, Max-Planck-Gesellschaft, 23.02.2018 – NPO)

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