Nachweis von Wachsresten schon in 9.000 Jahre alten Gefäßscherben Schon die ersten Steinzeit-Bauern nutzten Bienenwachs - scinexx | Das Wissensmagazin
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Nachweis von Wachsresten schon in 9.000 Jahre alten Gefäßscherben

Schon die ersten Steinzeit-Bauern nutzten Bienenwachs

Blick in einen Bienenstock - das Wachs und den Honig dieser Insekten nutzten unsere Vorfahren schon vor 9.000 Jahren. © OK Photography / thinkstock

Frühe Kooperation: Unsere Vorfahren haben schon vor mehr als 9.000 Jahren Bienenwachs und Honig gesammelt und genutzt – sehr viel früher als bisher gedacht. Das belegen Analysen von Wachsresten in mehr als 6.000 Gefäßscherben aus ganz Europa. Die enge Assoziation der Steinzeit-Menschen mit den Bienen breitete sich dabei mit den ersten Bauern von Anatolien über den Balkan bis nach Mitteleuropa aus, wie die Forscher im Fachmagazin „Nature“ berichten.

Unsere Vorfahren haben Honigbienen schon vor Jahrtausenden als Lieferanten für Honig und Wachs genutzt: „Der Bienenhonig war für die prähistorischen Menschen eine rare Quelle für Süßes“, erklärt Erstautorin Mélanie Roffet-Salque von der University of Bristol. „Aber auch das Bienenwachs wurde für verschiedene technische, rituelle, kosmetisch und medizinische Zwecke genutzt, beispielweise um poröse Tongefäße wasserdicht zu machen.“

6.400 Tonscherben aus der Steinzeit

Wann aber unsere Vorfahren begannen, sich gezielt diese Bienenprodukte zu nutz zu machen, war bisher unklar. Zwar tauchen die nützlichen Insekten schon 2400 vor Christus in Abbildungen aus dem alten Ägypten auf und sogar Höhlenmalereien aus der Steinzeit zeigen Menschen beim Gewinnen von Honig. „Aber der Mangel an fossilen Funden macht die Honigbienen in den letzten 10.000 Jahren nahezu ökologisch unsichtbar“, so die Forscher.

Um festzustellen, wann und in welcher Verbreitung die Steinzeitmenschen begannen, Honig und Wachs zu nutzen, haben Mélanie Roffet-Salque und ihre Kollegen organische Rückstände an rund 6.400 Gefäßscherben aus mehr als 150 verschiedenen Fundorten in ganz Europa chemisch analysiert. Der charakteristische chemische „Fingerabdruck“ der im Bienenwachs enthaltenen Fette verriet ihnen, welche Scherben mit Wachs in Kontakt gekommen waren.

Waben von wilden Honigbienen in einem hohlen Stamm in Frankreich. © Eric Tourneret

Gezielte Wachsverwertung schon vor 9.000 Jahren

Das überraschende Ergebnis: Die Nutzung von Bienenwachs und anderen Bienenprodukten war schon viel früher verbreitet als bisher angenommen. Selbst an den ältesten Gefäßscherben Europas und Kleinasiens, gefunden in den ostanatolischen Stätten Catalhöyük und Cayönü Tepesi , finden sich schon Spuren von Bienenwachs. „Dies ist unsers Wissens nach der älteste eindeutige Nachweis einer Nutzung von Honigbienen durch jungsteinzeitlichen Siedler“, sagen die Forscher.

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Von Anatolien aus lässt sich anhand der Scherben nachverfolgen, wie die regelmäßige Verwendung von Bienenwachs sich weiter über Europa verbreitete: Im Westen der Türkei finden sich Wachsreste in rund 7.500 Jahre alten Scherben, auf dem Balkan einige Jahrhunderte später, wie die Forscher feststellten. In Griechenland datieren die ältesten Wachsreste auf die Zeit vor rund 7.800 bis 5.000 Jahren.

Bauern und Bienen im Team

„Damit scheinen sich die Nutzung des Bienenwachses zusammen mit den Anfängen der Landwirtschaft über Europa verbreitet zu haben“, berichtet Roffet-Salque. In Mitteleuropa konnten sie und ihre Kollegen Wachsspuren an gut 7.000 Jahre alten Scherben der Linearband-Kultur nachweisen. Diese Kultur gilt in unserer Region als die der ersten sesshaften Bauern.

„Diese Funde verschieben das Datum der ersten gezielten Gewinnung von Honigbienen-Produkten in Mitteleuropa um 1.500 Jahre in die Vergangenheit“, so die Forscher. Selbst im Süden Englands und in Dänemark verwendeten steinzeitliche Bauern vor rund 5.000 Jahren schon Bienenwachs. Dann allerdings, ab dem 57. nördlichen Breitengrad, bricht dies abrupt ab. Nördlich dieser Grenze fehlt jede Spur von Wachsresten, wie die Wissenschaftler berichten. Offenbar lag hier in der Jungsteinzeit die nördliche Verbreitungsgrenze der Honigbienen.

Nur gesammelt oder gezielt gezüchtet?

„Unsere Studie ist die erste, die auf der Basis chemischer ‚Fingerabdrücke‘ eindeutige Belege für die frühe Verbreitung dieses wirtschaftlich und kulturell wichtigen Tieres liefert“, sagt Koautor Richard Evershed von der University of Bristol.

Ob unsere Vorfahren allerdings Opportunisten waren, die einfach nur das Wachs wildlebender Bienen sammelten, oder ob sie die Honigbienen schon gezielt kultivierten und in Bienenstöcken hielten, ist noch nicht bekannt. Klar ist nur, dass es zumindest im alten Ägypten vor rund 5.000 Jahren schon eine gezielte Bienenzucht gab – Wandgemälde von Bienenstöcken und Imkern belegen dies. (Nature, 2015; doi: 10.1038/nature15757)

(University of Bristol, 12.11.2015 – NPO)

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