Fossilfund widerlegt klassische Koevolution von Nektarsaugern und Blütenpflanzen Schmetterlinge gab es schon vor den Blüten - scinexx | Das Wissensmagazin
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Fossilfund widerlegt klassische Koevolution von Nektarsaugern und Blütenpflanzen

Schmetterlinge gab es schon vor den Blüten

So ähnlich könnten die ältesten Motten mit einem Saugrüssel ausgesehen haben. Wie sich jetzt zeigt, entstanden sie viel früher als gedacht. © Hossein Rajaei

„Verkehrte“ Abfolge: Die ersten saugenden Schmetterlinge gab es offenbar schon lange vor den Blütenpflanzen. Überraschenderweise haben sich diese Insekten damit vor ihrer Hauptnahrungsquelle entwickelt. Belegt wird dies durch 200 Millionen Jahre alte Flügelschuppen von frühen Motten, die Forscher in der Nähe von Braunschweig entdeckt haben. Damit sind die Saugrüssel tragenden Schmetterlinge rund 70 Millionen Jahre älter als angenommen.

Bisher schien die Reihenfolge klar: Mit dem Beginn der Kreidezeit vor rund 145 Millionen Jahren breiteten sich die Blütenpflanzen über die Welt aus – und boten Insekten damit eine ganz neue Nahrungsquelle. Um an den Nektar in den Blüten heranzukommen, wandelten einige Insektengruppen, darunter auch die Schmetterlinge, ihre zuvor beißenden Mundwerkzeuge in einen Saugrüssel um. So weit die gängige Theorie.

Fund im Urzeit-Tümpel

Doch wann die ersten Motten und Schmetterlinge mit Saugrüssel – die sogenannten Glossata – tatsächlich entstanden, blieb unklar. Weil die zarten Insekten nur selten als Fossil erhalten geblieben sind, fehlte es bisher schlicht an fossilen Belegen. Die ältesten Funde von glossaten Schmetterlingen waren knapp 130 Millionen Jahre alt, was den Ursprung dieser Gruppe erst nach Ausbreitung der Angiospermen zu stützen schien.

Jetzt jedoch haben Timo van Eldijk von der Universität Utrecht und seine Kollegen erstmals sehr viel ältere Schmetterlings-Fossilien entdeckt – durch einen glücklichen Zufall. Denn als die Forscher Proben aus einem in der Nähe von Braunschweig gewonnenen Sedimentbohrkern untersuchten, fiel ihnen Seltsames auf: In den 200 Millionen Jahre alten Überresten eines Urzeit-Tümpels lagen nicht nur Pollen, Sporen, Pflanzenteile und Insektenbeine herum, dazwischen fanden sich auch zarte, schuppenähnliche Gebilde.

200 Millionen Jahre alte Flügelschuppen früher Glossata - Motten, die schonn einen Saugrüssel besaßen. © Bas van de Schootbrugge

Saugende Motten schon vor 200 Millionen Jahren

Nähere Untersuchungen enthüllten: Es handelte sich um die Flügelschuppen von urzeitlichen Motten. „Diese außerordentlich gut erhaltenen Exemplare stammten aus einer Schicht unmittelbar über der Grenze zwischen Trias und Jura“, berichten die Forscher. Das Spannende daran: Einige dieser Flügelschuppen besaßen Merkmale, die sie klar den Glossata zuordneten – den Motten und Schmetterlingen mit Saugrüssel.

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Das aber bedeutet: Entgegen gängiger Annahme existierten die saugenden Schmetterlinge schon vor rund 200 Millionen Jahren. Sie sind damit rund 70 Millionen Jahre älter als bisher angenommen – und entwickelten sich demnach lange vor den Blütenpflanzen. „Dass es Schmetterlinge schon vor den Blumen gab, ist merkwürdig, um es mal vorsichtig auszudrücken“, sagt Koautor Paul Strother vom Boston College.

„Umgekehrte“ Evolution

Die Entdeckung dieser erstaunlich alten Vertreter der Glossata wirft ein ganz neues Licht auf das bisherige Konzept der Koevolution von Schmetterlingen und Blüten. „Es widerspricht der gängigen Annahme, dass die Ausbreitung der saugrüsseltragenden Schmetterlinge und Motten in Anpassung an die Evolution der Blütenpflanzen geschah“, konstatieren die Wissenschaftler.

Doch wenn es noch gar keine nektarreichen Blüten gab – warum haben diese frühen Schmetterlinge dann einen Saugrüssel entwickelt? Nach Ansicht der Forscher könnte der Rüssel zuerst als Trinkwerkzeug entstanden sein: Weil es zu jener Zeit sehr trocken war, mussten die Urzeit-Motten jede Chance nutzen, an Wasser zu kommen. Eine Möglichkeit dafür war das Trinken von Pflanzensafttropfen, die aus verletzten Blättern ausgetreten waren. Aber auch die Pollentropfen, die viele Urzeit-Nadelbäume absonderten, könnten den Urzeit-Motten als kombinierte Futter und Wasserquelle gedient haben.

Erst später, als sich dann die Blütenpflanzen ausbreiteten, begannen die Schmetterlinge ihre Saugrüssel als Werkzeug zum Nektarschlürfen einzusetzen – eine Ernährungsweise, die sich bis heute erhalten hat. Das alte Bild der klassischen Koevolution von Blüten und Nektarsaugern scheint damit zumindest für die Motten und Schmetterlinge so nicht mehr zu stimmen. (Science Advances, 2018; doi: 10.1126/sciadv.1701568)

(American Association for the Advancement of Science, 11.01.2018 – NPO)

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