Ehemalige Wasserleitung liefert Hinweise auf historische Erdstöße im Rheinland Römer-Aquädukt verrät Erdbeben - scinexx | Das Wissensmagazin
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Römer-Aquädukt verrät Erdbeben

Ehemalige Wasserleitung liefert Hinweise auf historische Erdstöße im Rheinland

Aquädukt-Brücke
Für ihre Wasserleitung bauten die Römer unter anderem eine lange Brücke über die Swist - diese Simulation zeigt, wie sie ausgesehen haben könnte. © gemeinfrei

Aquädukt als Hinweisgeber: Vor rund 1.900 Jahren bebte im Rheinland offenbar heftig die Erde. Wie Forscher berichten, kam es damals zu einem oder mehreren stärkeren Erdstößen in der Region. Darauf deuten zumindest Schäden am Eifel-Aquädukt hin – einer von den Römern erbauten Wasserleitung. Die Identifizierung dieses historischen Bebens soll dem Team zufolge zu einer besseren Risikoabschätzung für künftige Erdbeben beitragen.

Die Römer sind bekannt für ihr fortgeschrittenes Wassersystem: Frisches Trinkwasser leiteten sie in großen Aquädukten über weite Entfernungen bis in ihre Städte. Auch das im ersten Jahrhundert erbaute Eifel-Aquädukt ist ein Relikt aus der Römerzeit. Es gilt als längstes Aquädukt nördlich der Alpen und war etwa 190 Jahre lang in Betrieb.

Die Römer leiteten durch das Eifel-Aquädukt kalkhaltiges Wasser aus der Nähe von Nettersheim über eine Strecke von rund 95 Kilometer nach Köln. „Kalkhaltiges Wasser war begehrt, weil in den römischen Villen Rohre aus Blei verlegt waren“, erklärt Gösta Hoffmann von der Universität Bonn. „Das Blei war toxisch, der Kalk kleidete die Rohre wie eine Schutzschicht aus.“

Die Forscher von der Universität Bonn vollziehen anhand von archäologischen Publikationen den Verlauf des Eifel-Aquädukts nach. © Eva Heumann-Lange

Leitung als „Wasserwaage“

Auf ihrem Weg nach Köln durchquert die ehemalige Wasserleitung mehrere geologische Verwerfungen. Dabei handelt es sich um Zerreiß- oder Bruchstellen im Gestein, an denen sich Teile der Erdkruste aneinander vorbeibewegen, wenn sie unter Spannung stehen – und dabei Erdbeben auslösen. Hoffmann und seine Kollegen haben das Eifel-Aquädukt daher nun als eine Art Wasserwaage für diese Störungszonen genutzt. Ihre Idee: Sollte es seit der Errichtung der Leitung zu einem größeren Erdstoß gekommen sein, dann müssten die Schäden an der Leitung erkennbar sein.

Da heute nur noch Reste der Wasserleitung erhalten sind, mussten sich die Wissenschaftler für ihr Vorhaben zusätzlicher Informationen bedienen. Unter anderem nutzten sie lasergestützte Messdaten des Landes Nordrhein-Westfalen und erstellten daraus ein dreidimensionales Geländemodell. Darin fügten sie den in früheren Publikationen festgehaltenen Verlauf der römischen Wasserleitung ein.

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Planungsfehler oder Erdstoß als Ursache?

Tatsächlich zeigten sich bei der Auswertung Auffälligkeiten, die das Forscherteam vor Ort näher untersuchte: Im Wald von Mechernich sind archäologisch dokumentierte Reparaturmaßnahmen zu erkennen. Über eine Strecke von vier Kilometer wurde die Leitung doppelt geführt, dort weist eine der beiden Leitungsstränge an einer Stelle eine Stufe von 35 Zentimeter Höhe auf.

Archäologen gingen bislang davon aus, dass die Römer zwei unterschiedliche Abschnitte der Wasserleitung aufeinander zu gebaut und dann bemerkten hatten, dass der Anschluss nicht passte. Daraufhin sei die temporäre Umleitung gebaut worden. Hoffmann und seine Kollegen halten aufgrund ihrer Untersuchungen jedoch eine andere Ursache für plausibler: ein Erdbeben. Denn wie sie berichten, verläuft genau an der fraglichen Stelle eine geologische Verwerfung.

„Ein oder mehrere Beben“

„Es muss sich um ein oder mehrere stärkere Erdbeben gehandelt haben, weil nur dann solche Schäden an der Leitung auftreten können“, sagt Hoffmann. Einen zusätzlichen Hinweis auf einen solchen Zusammenhang liefert den Forschern zufolge auch die Kakushöhle bei Eiserfey. Dort stürzten im gleichen Zeitraum vom ersten bis zweiten Jahrhundert Blöcke von der Decke in römische Schichten der Höhle.

Die von den Wissenschaftlern untersuchte Region gilt als anfällig für Erdbeben, da die Erdkruste dort unter Spannung steht. Zuletzt kam es mit dem Beben von Roermond im Jahr 1992 zu einer stärkeren Erdbewegung in diesem Gebiet. Historisch überliefert sind zudem ein Erdstoß in Düren im Jahr 1756 sowie in Verviers im Jahr 1692.

Das nun von Hoffmann und seinen Kollegen nachgewiesene Erdbeben vor und 1.900 Jahren reiht sich in diese Liste der bekannten historischen Erdbeben ein – und könnte damit wertvolle Informationen für die Zukunft liefern. „Mit jedem weiteren dokumentierten Ereignis können wir das Risiko eines erneuten Bebens in der Region besser abschätzen“, schließt Hoffmann. (International Journal of Earth Sciences, 2019; doi: 10.1007/s00531-019-01766-y)

Quelle: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

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