Vulkane könnten das Verschwinden des Mondes bei einer mittelalterlichen Mondfinsternis erklären Rätsel des "schwarzen Mondes" gelöst? - scinexx | Das Wissensmagazin
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Rätsel des „schwarzen Mondes“ gelöst?

Vulkane könnten das Verschwinden des Mondes bei einer mittelalterlichen Mondfinsternis erklären

Vollmond
Am 5. Mai 1110 verdunkelte sich der Vollmond vollständig und war nicht mehr sichtbar – es gab eine "schwarze Eklipse". © Merrillia/ iStock

Mysteriöses Verschwinden: In einer sternklaren Nacht des Jahres 1110 verschwand plötzlich der Vollmond – er färbte sich nicht rot, wie sonst bei einer Mondfinsternis, sondern wurde komplett dunkel. Die Ursache für diese „schwarze Eklipse“ könnten Forscher nun ermittelt haben. Demnach sorgten damals gleich mehrere Vulkanausbrüche für einen globalen Dunstschleier, der den Mond verdunkelte und auch das Klima veränderte, wie sie im Fachmagazin „Scientific Reports“ berichten.

Dass sich der helle Vollmond durch eine Mondfinsternis verdunkeln kann, wussten die Menschen schon vor Jahrtausenden. Aber genauso bekannt war ihnen auch, dass es dabei typischerweise zu einem „Blutmond“ kommt: Die helle Scheibe des Erdtrabanten färbt sich rötlich. Das liegt daran, dass das von der Erdatmosphäre gestreute Restlicht vorwiegend langwelligere rötliche Lichtanteile enthält.

Mond verschwindet bei sternklarem Himmel

Umso erschreckender aber war eine Beobachtung, die die Menschen am 5. Mai 1110 machten: Der Vollmond färbte sich bei dieser Finsternis nicht rot, sondern verschwand komplett – es gab eine „schwarze Eklipse“. „Er war so vollständig ausgelöscht, dass weder sein Licht, noch sein Rund noch irgendetwas zu sehen war“, berichtet ein zeitgenössischer Chronist im angelsächsischen „Peterborough Chronicle“.

Das Merkwürdige daran: Der Mond verschwand nicht etwa wegen einer Wolkendecke oder anderen ungünstigen Wetterbedingungen: „Die ganze Nacht war das Firmament sehr klar und die Sterne überall am Himmel leuchteten sehr hell“, heißt es in der Chronik. Dieses ungewöhnliche Phänomen gab nicht nur im Mittelalter Rätsel auf, sondern beschäftigte auch noch Jahrhunderte später die Astronomen: „Es ist offensichtlich, dass es sich bei dieser Finsternis um den Fall einer ’schwarzen‘ Eklipse handelte“, schrieb George Chambers Ende des 19. Jahrhunderts. Doch die Ursache konnte auch er nicht ermitteln.

Vulkanausbrüche im Verdacht

Jetzt haben sich Sébastien Guillet von der Universität Genf und seine Kollegen dieses Rätsels angenommen. Sie vermuteten, dass der Grund für die schwarze Eklipse sehr irdisch und eigentlich sogar unterirdisch war. Denn schon länger ist bekannt, dass starke Vulkanausbrüche durch ihre Eruptionswolken die Atmosphäre verschleiern können. Das wiederum beeinflusst auch eine Vielzahl atmosphärischer Leuchtphänomene.

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Die Spanne der vulkanischen Effekte reicht dabei von intensiver gefärbten Sonnenauf- und -untergängen über ein Abdimmen des Sonnenlichts bis hin zur Bildung von Lichtringen um Sonne und Mond. Besonders heftige Eruptionen können zudem das regionale und globale Klima messbar abkühlen – wie beispielsweise nach dem Ausbruch des Tambora im Jahr 1815. Die Ursache für all diese Phänomene sind feine Aerosole, die von einer Eruption bis in die Stratosphäre geschleudert werden können. Ein solcher vulkanischer Aerosolschleier könnte daher auch im Jahr 1110 den Blutmond verdunkelt haben.

Deutliche Anomalien ab 1108

Aber gab es damals entsprechend starke Vulkanausbrüche? Um das herauszufinden, haben Guillet und sein Team die für diese Zeit verfügbaren Daten von Eisbohrkernen und Jahresringen von Bäumen ausgewertet. Die Eisbohrkerne konservieren unter anderem den Gehalt von Schwefelaerosolen in der Luft, die Baumringe erlauben einen Rückschluss auf das Klima der Zeit um 1110. Beide zusammen können daher verraten, ob es damals einen auffälligen Kühlungseffekt durch vulkanische Aerosole gegeben hat.

Eisbohrkern-Daten
In Eisbohrkernen konservierte Konzentrationen von Schwefelaerosolen und Timing von dunklen Mondfinsternissen. © Guillet et al. / Scientific Reports, CC-by-sa 4.0

Das Ergebnis: „Die Rekonstruktion (auf Basis von Baumringdaten) identifiziert im Jahr 1109 eine der extremsten Sommerabkühlungen der Nordhalbkugel in den letzten 1500 Jahren“, berichten die Forscher. Die sommerlichen Mitteltemperaturen lagen damals um 1,3 Grad unter dem langjährigen Mittel. „Dieser Wert wird nur von einer Handvoll von Fällen übertroffen, die alle mit starkem, explosivem Vulkanismus verknüpft sind“, so Guillet und seine Kollegen.

Die Eisbohrkern-Daten ergaben sogar einen zweiteiligen Anstieg der Schwefelaerosole: Der erste ereignete sich Mitte des Jahres 1108 und erreichte seinen Höhepunkt am Jahresende, wie die Forscher berichten. Dann gab es eine leichte Erholung, bis dann ab Mitte 1110 eine weitere substanzielle Zunahme der Schwefelaerosole auftrat.

Mehrere aufeinanderfolgende Eruptionen

Nach Ansicht der Forscher belegen diese Ergebnisse nicht nur, dass es ab 1108 einen deutlichen Kälteeinbruch auf der Nordhalbkugel gab. Die Daten sprechen auch dafür, dass es einen vulkanisch bedingten Aerosolschleier in der Atmosphäre gab, der die ’schwarze‘ Eklipse im Mai 1110 erklären könnte. „Die einzigartige Beobachtung einer völlig dunklen Mondfinsternis im Mittelalter ist mit einem Dunstschleier über Europa im Mai 1110 verknüpft“, so Guillet und sein Team.

Welcher Vulkan allerdings für diesen weitreichenden Effekt verantwortlich war, ist bislang unklar: „Die sorgfältige Auswertung der Eisbohrkern-Daten deutet auf mehrere eng aufeinanderfolgende Eruptionen in der Zeit zwischen 1108 und 1110 hin“, erklären die Forscher. „Die Quellen dieser Eruptionen bleiben aber unbekannt.“

Mount Asama
Ein Ausbruch des Mount Asama in Japan könnte zur ’schwarzen‘ Eklipse beigetragen haben.© Ski Mania/ gemeinfrei

Vulkan Asama im Verdacht

Einen Verdächtigen gibt es jedoch schon: den japanischen Vulkan Asama. Historische Aufzeichnungen berichten von einem Ausbruch dieses Feuerbergs, der im August 1108 begann und bis zum Oktober dieses Jahres anhielt. So heißt es in einer Chronik: „Am 29. August gab es ein Feuer am Gipfel des Vulkans, eine dicke Ascheschicht bedeckte den Garten des Gouverneurs und machte auch die Bestellung der Felder unmöglich. So etwas haben wir in diesem Land noch nie gesehen – es ist ein sehr merkwürdiges und seltenes Ereignis.“

Nach heutigen Erkenntnissen war dieser Ausbruch des Mount Asama der stärkste seit Ende der letzten Eiszeit, wie Guillet und sein Team erklären. Sie halten es daher für sehr wahrscheinlich, dass diese Eruption zumindest mitverantwortlich für die damalige Verschleierung des Himmels war. „Künftige Gesteinsanalysen könnten dabei helfen, den Sulfatausstoß des Asama im Jahr 1108 zu bestimmen“, so die Forscher. (Scientific Reports, 2020; doi: 10.1038/s41598-020-63339-3)

Quelle: Scientific Reports

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