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Pandemiefolgen: Stärkster CO2-Rückgang der Geschichte

Weltweite Treibhausgas-Emissionen sanken im ersten Halbjahr 2020 auf historischen Tiefstand

Emissionen
Im ersten Halbjahr 2020 sind wegen der Corona-Pandemie die CO2-Emissionen der Kraftwerke und Industrie, vor allem aber des Verkehrs weltweit stark zurückgegangen. © hansenn/ iStck

Die Corona-Pandemie hat die weltweiten CO2-Emissionen so stark beeinflusst wie kein anderes historisches Ereignis. Global lag der Treibhausgas-Ausstoß im ersten Halbjahr 2020 um 8,8 Prozent unter denen des Vorjahreszeitraums. Dieser Rückgang ist stärker als bei der Finanzkrise von 2008, der Ölkrise von 1979 und sogar dem Zweiten Weltkrieg. Allerdings: Inzwischen sind die Emissionen wieder fast auf Normalmaß, China emittiert sogar mehr CO2 als vor den Covid-19-Lockdowns.

Die Corona-Pandemie hat nicht nur gesundheitliche Folgen, sie trifft auch die Wirtschaft hart. Vor allem während der Lockdowns kam der weltweite Flugverkehr fast zum Erliegen, Fabriken fuhren ihre Produktion herunter, Geschäfte schlossen und viele Menschen blieben im Homeoffice. Dadurch wurde die Erde messbar stiller und auch die Emissionen von Treibhausgasen und Luftschadstoffen sind gesunken. Ersten Schätzungen zufolge sank die Kohlendioxid-Ausstoß allein im April 2020 um 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Vergleich zu Vorjahren
Abfall der CO2-Emissionen 2020 im Vergleich zu den Reduktionen bei anderen historischen Ereignissen. © Liu et al./ Nature Communications,CC-by-sa 4.0

Daten weltweit und fast in Echtzeit

Jetzt verrät die erste umfassende Bilanz, wie stark sich die CO2-Emissionen insgesamt durch die Pandemie verändert haben und in welchen Bereichen. Für ihre Studie werte das Team um Zhu Liu von der Tsinghua-Universität in Peking nahezu tagesaktuelle Daten zur Stromproduktion, dem Vekehrsaufkommen und Kraftstoffverbrauch, dem Flugverkehr sowie dem CO2-Ausstoß von Industrie und Haushalten in einem Großteil der Länder weltweit aus.

„Was unsere Studie einzigartig macht, sind die akribisch, nahezu in Echtzeit gemessenen Daten“, erklärt Liu. „Durch die Berücksichtigung täglicher Zahlen, die die Forschungsinitiative Carbon Monitor gesammelt hat, konnten wir uns einen viel schnelleren und präziseren Überblick verschaffen – einschließlich Zeitreihen, die zeigen, wie der Emissionsrückgang mit den Lockdowns in den einzelnen Ländern korrespondiert hat.“ Zudem verraten die Daten auch, welche Wirtschaftsbereiche besonders stark eingebrochen sind und wo.

Größter je gemessener Emissions-Rückgang

Das Ergebnis: Weltweit wurden im ersten Halbjahr 2020 insgesamt 1.551 Millionen Tonnen CO2 weniger freigesetzt als im gleichen Zeitraum des Vorjahres – das entspricht einem Rückgang um 8,8 Prozent. Der durchschnittliche Tagesausstoß von CO2 lag zwischen Januar und Juni 2020 sogar um zehn Prozent unter den Vorjahreswerten. Besonders ausgeprägt war der Einbruch in den Emissionswerten im April 2020, als ein Großteil der Länder Lockdowns verhängt hatten. In diesem Monat sank der CO2-Ausstoß weltweit um 16,9 Prozent unter den Vorjahreswert.

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Insgesamt hat die Corona-Pandemie damit eine beispiellose Signatur in der globalen Wirtschaft und den Emissionen hinterlassen. „Das ist der größte jemals gemessene Rückgang von Emissionen in einem Halbjahr“, sagen die Forscher. Bei keiner anderen Wirtschaftskrise zuvor sei der Treibhausgas-Ausstoß weltweit so stark abgesunken – weder in der Finanzkrise von 2008/2009, noch während der Ölkrise in den 1970er Jahren und auch nicht im Zweiten Weltkrieg.

Größte Rückgänge bei Luftfahrt und Verkehr

Die Daten enthüllen auch, in welchen Wirtschaftsbereichen sich der Corona-Effekt am stärksten zeigt. Den größten Anteil an den CO2-Emissionssenkungen hat demnach der Verkehr: Die CO2-Emissionen durch Autos, LKW und auch Züge gingen im ersten Halbjahr 2020 um 613,3 Millionen Tonnen zurück – das sind gut 18 Prozent weniger als im Vorjahr. Im Flugverkehr gab es einen noch drastischeren Einbruch um mehr als 43 Prozent gegenüber 2019. Der CO2-Ausstoß der Industrie und der Stromproduktion lagen im ersten Halbjahr 2020 um rund fünf Prozent unter denen des Vorjahres.

„Überraschenderweise verzeichnete sogar der Wohnsektor einen kleinen Emissionsrückgang um drei Prozent.“, berichtet Koautor Daniel Kammen von der University of California in Berkeley. „Das lag daran, dass aufgrund eines ungewöhnlich warmen Winters und Frühjahrs auf der Nordhalbkugel der Heizverbrauch zurückging, obwohl die meisten Menschen während des Lockdowns viel mehr zu Hause waren.“

Rückgänge 2020
CO2-Emissionen verschiedener Regionen nach Sektoren von 1. Januar bis 31. August 2020 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. © carbonmonbitor.org

Emissionsmuster folgt dem Pandemie-Verlauf

Auch regional lassen sich Unterschiede feststellen: Die Zeitpunkte, an denen die CO2-Emissionen in den verschiedenen Ländern und Regionen absinken, zeichnet den Verlauf der Pandemie nach. „Der plötzliche und frühe Abfall der chinesischen Emissionen entspricht dem ersten Ausbruch von Covid.-19 und den strikten Lockdown-Maßnahmen dieses Landes“, berichten Liu und sein Team. Ab Mitte März zeigen sich auch in Europa, den USA, Brasilien und Indien deutliche Einbrüche im CO2-Ausstoß.

Wie die Forscher erklären, spiegelt dies auch die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Wirtschaften wider. So gab es in den USA zwar kaum strikte Lockdowns oder landesweite Maßnahmen, trotzdem ist der Treibhausgas-Ausstoß dort bezogen auf das ganze erste Halbjahr 2020 am stärksten zurückgegangen – und bleibt bis heute weiterhin deutlich unter dem Normalniveau. Dies führen Liu und seine Kollegen auf die bis heute anhaltend hohen Infektionszahlen und die damit verbundenen wirtschaftlichen Einbußen zurück.

„Rebound“-Effekt in fast allen Ländern

Dem Weltklima nutzen all diese Emissionsreduktionen aber eher wenig. Denn sie sind nur vorübergehender Natur, wie auch die Daten von Liu und seinen Kollegen bestätigen. So führte der strikte Lockdown in China zwar im frühen Frühjahr 2020 zu einem abrupten Abfall der CO2-Emissionen um 3,7 Prozent. Aber schon im April lag der Treibhausgas-Ausstoß wieder auf Normalniveau und im Mai emittierte China sogar 5,4 Prozent mehr als im Mai des Vorjahres.

Auch in Europa und den meisten anderen Regionen haben die CO2-Emissionen im Verlauf des Sommers wieder nahezu normale Werte erreicht. Nur der Verkehrs-Ausstoß ist fast überall noch unter Normalniveau. „Insgesamt zeigen unsere Daten bis Ende Juni in den meisten Ländern eine schnelle Erholung“, berichten die Forscher. „Die Ausnahme sind die USA, Brasilien und Indien, wo die Covid-19-Fallzahlen hoch geblieben sind.“

Am Klimawandel ändert das wenig

Doch gemessen am gesamten CO2-Gehalt der Atmosphäre machen die coronabedingten Emissionsminderungen nur wenig aus. Denn Atmosphäre und Klima reagieren nur träge auf die Veränderungen im Treibhausgas-Ausstoß und die bisher schon in der Atmosphäre gespeicherten anthropogenen Emissionen sind im Verhältnis zu den aktuellen Emissionen riesig. Das verdeutlichte auch ein neuer CO2-Rekordwert von 416,21 parts per million (ppm), den Wissenschaftler im April 2020 auf Hawaii gemessen haben.

Nach Ansicht der Wissenschaftler ist die einzig effektive Strategie zur Stabilisierung des Klimas eine Transformation des Industrie- und Handelssektors. „Dieser CO2-Rückgang ist zwar beispiellos, doch ein Rückgang menschlicher Aktivitäten kann nicht die Antwort sein“, sagt Koautor Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. „Stattdessen brauchen wir umfassende strukturelle Veränderungen in unseren Energieproduktions- und -verbrauchssystemen. Individuelles Verhalten ist sicherlich wichtig, aber worauf wir uns wirklich konzentrieren müssen, ist die Verringerung der CO2-Intensität unserer globalen Wirtschaft.“ (Nature Communications, 2020; doi: 10.1038/s41467-020-18922-7)

Quelle: Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

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