Kumulative Auswirkung aller anthropogenen Stressfaktoren übertrifft Prognosen bei weitem Ozeane: Beispielloses Massenaussterben droht - scinexx | Das Wissensmagazin
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Kumulative Auswirkung aller anthropogenen Stressfaktoren übertrifft Prognosen bei weitem

Ozeane: Beispielloses Massenaussterben droht

Die Meeresbewohner sind bedroht © Mila Zinkova/ CC-by-sa 3.0

Die Meere der Welt sind dabei, in eine Phase des Massenaussterbens mariner Arten einzutreten, die in der menschlichen Geschichte beispiellos ist. Davor warnt jetzt ein internationales Gremium führender Meeresforscher in einem Bericht. Für diesen werteten sie erstmals die sich addierenden Auswirkungen von Stressfaktoren wie Verschmutzung, Versauerung, Erwärmung, Überfischung und Sauerstoffzehrung in ihrer Gesamtheit aus. Demnach verschlechtern sich die ozeanischen Bedingungen mit einer Geschwindigkeit und Dramatik, die sämtliche Prognosen weit übertreffen.

Der Zustand der Weltmeere und ihre mögliche Entwicklung ist Gegenstand ständiger Forschung. Allerdings: Betrachtet und analysiert wird dabei meist nur ein Aspekt – die Biologie, die physikalischen Veränderungen, eine Bestimmte Region oder sogar nur eine bestimmte Tier- oder Algenart. Jetzt jedoch haben sich Meereswissenschaftler aus Forschungseinrichtungen und Universitäten weltweit zu einem interdisziplinären Workshop an der Universität von Oxford in England getroffen, um dort erstmals den aktuellen Stand der Forschung in Bezug auf die Gesamtheit der menschlichen Einflüsse auf die Ozeane der Erde zu erfassen und auszuwerten.

„Die Ergebnisse sind schockierend“, erklärt Alex Rogers, wissenschaftlicher Direktor des International Programme on the State of the Ocean (IPSO). „Als wir die kumulativen Effekte der menschlichen Einflüsse betrachteten, war deren Bedeutung weitaus schlimmer als wir es bei den Einzelanalysen gedacht hätten. Dies ist eine sehr ernste Situation, die ungeteiltes Handeln auf allen Ebenen verlangt. Wir blicken hier auf Konsequenzen, die unsere Lebenszeit und – viele schlimmer – die unserer Kinder und der folgenden Generationen – betreffen werden.“

Schon jetzt Bedingungen wie beim letzten Massenaussterben

Die Kombinationen von Stressfaktoren, so zeigen die Auswertungen, beginnen bereits jetzt Bedingungen zu erzeugen, wie sie typisch waren für alle bisher bekannten Massenaussterben der Erdgeschichte. Dazu gehören neben zunehmender Sauerstoffarmut die Erwärmung des Meerwassers sowie die immer stärkere Versauerung des Ozeans. Die Geschwindigkeit und Dramatik der Degeneration der ozeanischen Bedingungen ist dabei deutlich gravierender als jemals vorhergesagt, viele der bereits bekannten negativen Einflüsse übertreffen sogar die schlimmsten Prognosen.

Huhn © IMSI MasterClips

Nach Ansicht des Forschergremiums ist ein neues Massenaussterben unausweichlich, wenn sich der bisherige Kurs der Entwicklung fortsetzt. So sei bereits jetzt die Rate des Kohlenstoffs, den der Ozean aus der Atmosphäre aufnimmt deutlich größer als bei der letzten großen Extinktion mariner Arten vor 55 Millionen Jahren. Damals starben bis zu 50 Prozent einiger Tiefseearten aus. 1998 führte eine einzige ausgedehnte Korallenbleiche dazu, dass 16 Prozent der tropischen Korallenriffe weltweit zugrunde gingen. Überfischung habe einige Fischarten schon um 90 Prozent ihres Bestands reduziert. Verschärfend wirken sich auch chemische Schadstoffe aus Weichmachern, Flammschutzmitteln und anderen menschengemachten Verbindungen aus, die inzwischen selbst im Wasser der Polarmeere nachzuweisen sind und die marine Tierwelt vergiften.

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Sofortiges und gemeinsames Handeln nötig

Wenn sich alle diese einzelnen Faktoren und Bedrohungen addieren, wie jetzt der Fall, könnte dies für die Ökosysteme des Meeres einen Mehrfachschlag bedeuten, von dem sie sich nicht mehr erholen können, so die Experten. In ihrem Bericht schlagen sie eine Reihe von Maßnahmen vor und geben Empfehlungen, wie Staaten, die Vereinten Nationen und auch regionale Gremien die Meeresökosysteme besser schützen und vor einem endgültigen Abgleiten in eine Massenextinktion bewahren können. Sie appellieren vor allem für eine bessere Protektion der bisher weitestgehend ungeschützten, weil außerhalb der nationalen Hoheitsgewässer befindlichen Hochseegebiete, die einen Großteil der Weltmeere ausmachen.

„Die führenden Experten sind überrascht über die Rate und das Ausmaß der Veränderungen, die wir sehen“, erklärt Dan Laffoley, Leiter der Meeressparte der International Union for Conservation of Nature (IUCN). „Die Herausforderungen für die Zukunft des Ozeans sind gewaltig, aber im Gegensatz zu vorhergehenden Generationen wissen wir nun, was getan werden muss. Die Zeit, das blaue Herz unseres Planeten zu bewahren ist jetzt, heute und sofort.“

Eine Zusammenfassung des Berichts, sowie Fallstudien und die Hauptergebnisse sind auf der Website des International Programme on the State of the Ocean abrufbar.

(International Programme on the State of the Ocean, 22.06.2011 – NPO)

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