Erbgut der Gletschermumie gibt Details zu Aussehen, Abstammung und Krankheiten preis Ötzi vertrug keine Milch - scinexx | Das Wissensmagazin
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Erbgut der Gletschermumie gibt Details zu Aussehen, Abstammung und Krankheiten preis

Ötzi vertrug keine Milch

Neue Rekonstruktion des vor 5.300 Jahren in den Ötztaler Alpen gestorbenen und als Gletschermumie gefundenen "Ötzi", zu sehen im Südtiroler Archäologiemuseum. © Südtiroler Archäologiemuseum, Foto Ochsenreiter

Ötzi hatte braune Augen, Blutgruppe 0 und vertrug keinen Milchzucker. Das geht aus dem Erbgut der Gletschermumie aus den Ötztaler Alpen hervor, das ein internationales Forscherteam erstmals komplett entschlüsselt hat. Der vor etwa 5.300 Jahren lebende Mann habe zudem ein erhöhtes erbliches Risiko für eine Erkrankung der Herzkranzgefäße besessen, berichten die Forscher im Fachmagazin „Nature Communications“. Außerdem verrate das Genom eine Verwandtschaft zwischen Ötzi und den heute lebenden Bewohnern Sardiniens.

Für ihre Studie hatten die Forscher ein Zehntel Gramm Knochenmaterial aus dem Hüftbein der Gletschermumie entnommen. Aus dieser winzigen Probe isolierten sie das Erbgut und entschlüsselten es vollständig. Aus den Daten konnten sie unter anderem auf Ötzis Augenfarbe, Blutgruppe, ethnische Abstammung und Vorbelastung auf etliche Krankheiten schließen.

„Sein Erbbild zeigt ein um bis zu 40 Prozent erhöhtes Risiko, eine klinisch manifeste koronare Herzkrankheit zu entwickeln – unabhängig von den klassischen Risikofaktoren“, schreiben Andreas Keller von der Universität des Saarlandes und seine Kollegen. Auch für einen Schlaganfall, plötzlichen Herztod und Arteriosklerose sei Ötzi erblich vorbelastet gewesen. Bei computertomographischen Aufnahmen der Gletschermumie hatte man bereits zuvor Verkalkungen in der Hauptschlagader gefunden – die Genomanalyse erkläre jetzt die Ursache.

Milch war vermutlich nicht Ötzis Lieblingsgetränk

Ötzis Erbgut zeige außerdem, dass „er aller Wahrscheinlichkeit nach als Erwachsener laktoseintolerant war“, schreiben Keller und seine Kollegen: Er konnte demnach Milchzucker, den er mit der Nahrung aufnahm, nicht verdauen. Diese Fähigkeit begann sich nach Angaben der Forscher im Laufe der Jungsteinzeit zu entwickeln, als die Menschen von einer nomadischen Lebensweise zur Landwirtschaft übergingen.

Zwar lebte Ötzi später, im darauffolgenden Zeitalter der Kupfersteinzeit – aber erst im Mittelalter sei diese Eigenschaft in Mitteleuropa weit verbreitet gewesen. Verantwortlich für die Spaltung von Milchzucker ist das Enzym Lactase. Alle Menschen produzieren es im Kindesalter, durch eine Mutation im Erbgut können das einige Bevölkerungsteile – vor allem Europäer – auch im Erwachsenenalter. Ötzi gehörte offenbar noch nicht dazu.

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Die Forscher Eduard Egarter-Vigl (links) und Albert Zink bei der Entnahme einer Knochenprobe aus der Hüfte der Gletschermumie im November 2010. © Südtiroler Archäologiemuseum / EURAC / Marco Samadelli

Ötzi war mit einem Krankheitserreger infiziert

Die Forscher fanden bei der Analyse auch Erbgut des Bakteriums Borrelia burgdorferi, dem Erreger der Lyme-Krankheit, die durch Zecken übertragen wird. Niemals zuvor habe man einen Hinweis auf diese Infektionskrankheit in der Frühgeschichte gefunden: „Die Entdeckung von Borrelia burgdorferi ist der bisher älteste Beleg für dieses Krankheitserreger in einem Menschen.“ Der Erreger steht nach Angaben der Wissenschaftler ebenfalls im Zusammenhang mit Gefäßverkalkungen.

Sardinier sind am ehesten Nachfahren von Ötzi

Um Ötzis Abstammung zu ermitteln, verglichen Keller und seine Kollegen verschiedene Teile seines Erbguts mit dem von heute lebenden Europäern verschiedener Regionen und Arabern. Das Genom des Y-Chromosoms lieferte dabei Aufschluss über die väterliche Linie, das mitochondriale Erbgut über die mütterliche.

In beiden fand sich eine hohe Übereinstimmung mit dem Erbgut der Bewohner Sardiniens, deutlich weniger mit Bewohnern des kontinentalen Europa. Das weise darauf hin, dass die heutigen Sardinier und die Bewohner der Alpen die gleiche Abstammung haben, schreiben die Forscher.

Gut erhaltene Gletschermumie

Die gut erhaltene Gletschermumie aus der Kupfersteinzeit wurde im Jahr 1991 in den Ötztaler Alpen in Italien gefunden und „Ötzi“ getauft. Seine Überreste liegen jetzt im Archäologischen Museum von Bozen. (Nature Communications, 2012; doi: 10.1038/ncomms1701)

Die Forscher haben Ötzis Erbgutsequenz im Internet veröffentlicht.

(Nature Communications / dapd, 29.02.2012 – BOS)

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