Hirschknochen mit Jagdwunden verraten Jagdtechnik der Eiszeitmenschen Neandertaler: Stoß statt Wurf - scinexx | Das Wissensmagazin
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Hirschknochen mit Jagdwunden verraten Jagdtechnik der Eiszeitmenschen

Neandertaler: Stoß statt Wurf

Durch einen Holzspeer verletzt: 120.000 Jahre alte Damhirschknochen erzählen die Geschichte einer Neandertaler-Jagd. © Eduard Pop, MONREPOS Archäologisches Forschungszentrum und Museum

Gewagte Jagdtechnik: Die Neandertaler setzen ihre hölzernen Jagdspeere aus nächster Nähe ein: Sie stießen damit nach ihren Beutetieren, statt sie aus der Distanz zu werfen. Davon zeugen zwei in Sachsen-Anhalt entdeckte Damhirschfossilien, die vor rund 120.000 Jahren solche Jagdverletzungen davontrugen. Diese Funde sind die ältesten Belege für die Nutzung von Speeren als Jagdwaffen – und der erst Hinweis darauf, dass die Eiszeitmenschen ihre Speere zum Stoß einsetzten.

Schon vor rund 300.000 bis 400.000 Jahren fertigten die Neandertaler nicht nur simple Faustkeile – sie schufen auch schon Jagdspeere aus Holz. Davon zeugen Funde solcher Speere unter anderem im niedersächsischen Schöningen und Lehringen. Doch wie setzten unsere eiszeitlichen Vettern diese Jagdwaffen ein?

„Bei heutigen Jägern und Sammlern werden solche Speere manchmal aus der Distanz auf die Beute geworfen, manchmal aber auch zum Stoß eingesetzt“, erklären Sabine Gaudzinski-Windheuser vom archäologischen Forschungszentrum MONREPOS in Neuwied und ihre Kollegen. Welche Technik die Neandertaler bevorzugten, blieb jedoch bisher unklar. Denn Fossilien urzeitlicher Jagdbeute mit aussagekräftigen Verletzungen sind extrem rar.

Loch im Hüftknochen

Umso spannender ist eine Entdeckung, die Gaudzinski-Windheuser und ihr Team im Geiseltal in Sachsen-Anhalt gemacht haben. Im ehemaligen Tagebau Neumark-Nord waren Archäologen schon in den 1990er Jahren auf Spuren früher Besiedlung gestoßen. Demnach lagerten in diesem urzeitlichen Flusstal schon vor mehr rund 375.000 Jahren altsteinzeitliche Jäger und verarbeiteten ihre Jagdbeute. Tausende von Tierknochen zeugen davon.

Jagdverletzung im Becken des in Neumark-Nord entdeckten Damhirsch-Skeletts (Vorder- und Rückansicht) © Eduard Pop, MONREPOS Archäologisches Forschungszentrum und Museum

Die entscheidenden Funde machten die Archäologen, als sie einige rund 120.000 Jahre alte Damhirschskelette aus Neumark-Nord von neuem untersuchten. Im Hüftknochen eines männlichen Damhirsches entdeckten sie dabei eine kreisrunde, gut einen Zentimeter große Perforation. „Das Fehlen jedes Anzeichens einer Knochenheilung deutet darauf hin, dass dieses Tier bald nach dieser Verletzung starb“, berichten die Forscher. Bei einem zweiten Damhirsch fanden sie ein ähnliches Loch in einem der Halswirbel.

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Ältester Nachweis von Speeren als Jagdwaffe

Was aber hatte diese Löcher verursacht? Nähere Untersuchungen enthüllten: Die Form und Größe der Löcher passten nicht zu Raubtier-Bissen oder Verletzungen durch Kämpfe der Hirsche untereinander. Könnte es sich stattdessen um Jagdwunden durch Speere handeln? Angesichts der anatomischen Merkmale, der vielen Tierknochen in dieser Fundstätte und der Tatsache, dass viele von diesen Knochen Schnittspuren vom Schlachten tragen, halten die Archäologen dies für sehr wahrscheinlich.

„Diese beiden Läsionen sind die ältesten Beispiele für die Nutzung von Speeren als Jagdwaffen“, sagen Gaudzinski-Windheuser und ihre Kollegen. „Sie unterstreichen die Effizienz solcher einfachen Holzwaffen, wenn sie von erfahrenen Jägern eingesetzt wurden.“

Mikro-CT-Scans der Jagdverletzung mit einem Modell des Speeres © Arne Jacob und Frieder Enzmann/ JGU

Gestoßen statt geworfen

Doch wurden die Holzspeere geworfen oder gestoßen? Um das herauszufinden, führten die Forscher umfangreiche Experimente durch: Sie betteten Hüftschaufeln und Schulterblätter von Damhirschen in spezielle Gelatine ein und warfen oder stießen dann mit Sensoren bestückte Spezialspeere in diese Nachbildungen der urzeitlichen Beutetiere. Dabei testeten sie, wie viel Kraft nötig war, um die Knochen zu perforieren. Mittels Micro-Tomografie analysierten die Wissenschaftler zudem, welche Verletzungen die jeweiligen Jagdtechniken im Knochen hinterließen.

Das Ergebnis: Nur ein Stoß mit dem Holzspeer war kräftig genug, um die Knochenverletzungen der beiden urzeitlichen Damhirsche hervorzubringen. Wie die Rekonstruktion ergab, muss der Neandertaler, der den ersten Damhirsch erlegte, seinen Speer aus nächster Nähe von seitlich hinten in die Hüfte des Tieres gestoßen haben. Die damals dichte Bewaldung in diesem Gebiet könnte ihm dabei das Anschleichen erleichtert haben.

Nahkampfwaffen als Standard?

„Unsere Daten legen damit die Interpretation nahe, dass die Holzspeere von Schöningen und Lehringen als Spieße verwendet wurden“, berichten Gaudzinski-Windheuser und ihre Kollegen. „Nahkampfwaffen wie diese Stoßspeere könnten während eines großen Teils der menschlichen Frühgeschichte das Standard-Jagdwerkzeug gewesen sein.“

Allerdings schließen die Forscher nicht aus, dass die Neandertaler ihre Speere manchmal vielleicht auch zum Werfen einsetzten – ähnlich wie es einige Naturvölker noch heute tun. (Nature Ecology & Evolution, 2018; doi: 10.1038/s41559-018-0596-1)

(Nature, 26.06.2018 – NPO)

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