Neue Untersuchungen widersprechen Hypothese zum Ende der Bronzezeit-Kultur Mykene: Das Ende kam nicht durch Erdbeben - scinexx | Das Wissensmagazin
Anzeige
Anzeige

Neue Untersuchungen widersprechen Hypothese zum Ende der Bronzezeit-Kultur

Mykene: Das Ende kam nicht durch Erdbeben

Mykenische Totenmaske aus Gold. Warum diese Bronzezeit-Hochkultur unterging, ist bis heute unklar. © Sailko/ CC-by-sa 3.0

Bronzezeitliches Rätsel: Erdbeben sind offenbar nicht schuld am Untergang der mykenischen Hochkultur vor 3.200 Jahren. Neue Untersuchungen belegen, dass die
Schäden an vielen mykenischen Palästen nicht durch Erdstöße verursacht wurden – entgegen bisherigen Annahmen. Zudem gibt es keine Hinweise auf starke Beben in diesem Gebiet, wie die Forscher berichten. Warum diese Bronzezeit-Zivilisation unterging, bleibt daher weiterhin rätselhaft.

Vor rund 3.500 Jahren erlebte im östlichen Mittelmeerraum die mykenische Kultur ihre Blütezeit. Die Mykener erbauten auf dem griechischen Peloponnes prächtige Paläste und Tempel, trieben Fernhandel und entwickelten eine eigene Schrift, das Linear B. Doch etwa um 1200 vor Christus ging diese Hochkultur unter – warum, ist bis heute ungeklärt. Einige Forscher machen einen Klimawechsel dafür verantwortlich, andere vermuten, dass schwere Erdbeben die Zivilisation in den Untergang trieb.

Zerstörte Wände und Feuerspuren

Auf den ersten Blick scheint es in vielen Palästen der Mykener tatsächlich Anzeichen für Erdbebenschäden zu geben: Wände sind geborsten oder umgestürzt, Keramikgefäße zerbrochen und in der Zitadelle von Tiryns haben Archäologen auch Spuren eines Brandes entdeckt. Ob es damals wirklich Erdbeben gab und ob sie an diesen Schäden schuld sein könnten, hat nun ein Team um Klaus-Günter Hinzen von der Universität zu Köln untersucht.

Die Forscher analysierten dafür die lokale Geologie der mykenischen Burgen Tiryns und Midea im Nordosten des Peloponnes mithilfe verschiedener geophysikalischer Messverfahren. Aus den seismischen Daten, den Schäden vor Ort sowie der Lage in Bezug auf die Erdbebenzonen Griechenlands erstellten sie dann ein Modell, das Vorkommen und mögliche Auswirkungen von Erdbeben in der mykenischen Zeit rekonstruierte.

Mauerreste der mykenischen Burg von Tiryns © Jean Housen/ CC-by-sa 3.0

Geologie und Schäden passen nicht zusammen

Das Ergebnis: Die Forscherfanden keinerlei Indizien dafür, dass Erdbeben an den Zerstörungen der mykenischen Bauten schuld waren. So ergaben die geologischen Messungen, dass die Zitadellen von Tiryns und Midea beide auf dem stabilen Fels von Bergrücken gebaut waren. Damit aber standen sie auf einem Untergrund, der typischerweise eher vor schweren Erdbebenschäden schützt.

Anzeige

Anders die Unterstadt von Tiryns: Sie stand auf lockeren Sedimenten – und damit auf einem Untergrund, der Erdbebenwellen verstärken kann. „Die Standorteffekte bei Erdbeben sind auf den Sedimenten sehr viel stärker“, erklärt Hinzen. „Bei einem Erdbeben würde man erwarten, dass als erstes die Unterstadt leidet und nicht der Palast.“ Doch in der Unterstadt ist kein Schaden nachgewiesen. Alles, was bisher als Erdbebenschaden angesehen wurde, lag im Palastbereich.

Seismisch wenig aktiv

Hinzu kommt: Das Gebiet des östlichen Peloponnes ist seismisch nur wenig aktiv. „An sich ist diese Gegend für griechische Verhältnisse relativ ruhig“, berichtet Hinzen. “ Wenn überhaupt, so kämen für ausgedehnte Zerstörungen in Tiryns nur lokale Erdbebenherde in der Argolis in Frage. Für solche Beben gibt es aber bisher keine Nachweise.“

Und auch die vermeintlichen Erdbebenschäden in den Palästen erwiesen sich größtenteils als Fehlinterpretation: „Wir haben festgestellt, dass ein Großteil der beschriebenen Schäden im Palastbereich nicht als Erdbebenschaden interpretiert werden kann“, sagt der Kölner Geophysiker.

Fragment einer bemalten Vase aus Tiryns. © Eunostos/ CC-by-sa 4.0

„Man hat zum Beispiel in den 1970er Jahren in einem Raum Terracottafiguren und -vasen gefunden, die zerbrochen auf dem Boden lagen. Die alte These war, dass diese Artefakte durch ein Erdbeben von einer steinernen Bank heruntergefallen seien“, so Hinzen. „Wir konnten durch mehrere tausend Modellrechnungen in einer Computersimulation zeigen, dass ein Erdbeben hier als Ursache kaum in Frage kommt.“

Rätsel um das Ende von Mykene geht weiter

Nach Ansicht der Forscher ist es daher eher unwahrscheinlich, dass schwere Erdbeben oder gar ein „Erdbebensturm“ schuld am Untergang der mykenischen Kultur waren. „Für diese Hypothese konnten wir in den mykenischen Städten Tiryns und Midea keine Belege finden“, konstatieren die Wissenschaftler. Das bis heute rätselhafte Ende dieser Bronzezeit-Zivilisation muss daher eine andere Ursache haben. (Bulletin of the Seismological Society of America, 20ß18; doi: 10.1785/0120170348)

(Universität zu Köln, 05.04.2018 – NPO)

Anzeige

In den Schlagzeilen

Diaschauen zum Thema

Dossiers zum Thema

Heinrich Schliemann - Der Traum von Troja

Vom Spaten zum Massenspektrometer - Methodenwandel und Erkenntnisgewinn in der Archäologie

Im Reich des Minotaurus - Die Minoer - die erste Hochkultur Europas

Tiryns – die Burg der Könige - Untergang und Wiederauferstehung einer mykenischen Ausnahme-Stadt

Archäologen lassen Minos’ Flotte wieder segeln - Projekt „Die Inseln der Winde“ rekonstruiert maritime Entwicklung des minoischen Kreta

Mythos Atlantis - Die Suche nach einem sagenhaften Inselreich

News des Tages

Bücher zum Thema

Archäologie im Mittelmeer - Auf der Suche nach versunkenen Schiffswracks und vergessenen Häfen Von Michaela Reinfeld

Tod im Neandertal. Akte Ötzi. Tatort Troja - Die ungelösten Fälle der Archäologie von Dirk Husemann

Rätsel der Archäologie - Unerwartete Entdeckungen - Unerforschte Monumente von Luc Bürgin

Top-Clicks der Woche

Anzeige
Anzeige