Erhöhte Morphingehalte in Speisemohn nachgewiesen Mohnkuchen macht "high" - scinexx | Das Wissensmagazin
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Erhöhte Morphingehalte in Speisemohn nachgewiesen

Mohnkuchen macht „high“

Mohn © IMSI MasterClips

Mohn ist nicht nur eine Arzneipflanze, ihre Samen werden auch für Gebäck oder zur Gewinnung von Speiseöl verwendet. Normalerweise enthält dieser Speisemohn nur Spuren des Alkaloids Morphin. Doch jetzt haben Untersuchungen gezeigt, dass die Alkaloidwerte im Speisemohn deutlich angestiegen sind.

In ungünstigen Fällen können damit über Lebensmittel Morphinmengen aufgenommen werden, die im therapeutischen Bereich liegen. Das Bundesinstitut für Risikobewerttung rät daher zur Zeit von einem übermäßigen Verzehr von stark mohnhaltigen Lebensmitteln ab. „Im schlimmsten Fall kann es bei solchen Dosen zu Bewusstseinsbeeinträchtigungen, Atemdepression und Herzkreislaufeffekten kommen“, warnt BfR-Präsident Professor Dr. Dr. Andreas Hensel.

Schmerzmittel mit Schattenseiten

Der Schlafmohn Papaver somniferum ist eine traditionelle Arzneipflanze: Aus dem getrockneten Milchsaft der unreifen Samenkapseln werden Opium und seine Alkaloide gewonnen. Zu den bekanntesten Opiumalkaloiden zählen Morphin und Codein. Morphin wird therapeutisch hauptsächlich zur Behandlung starker Schmerzen eingesetzt. Zu den unerwünschten Wirkungen, die dabei auftreten können, gehören Übelkeit, Erbrechen, Benommenheit, Atemdepression und Herzkreislaufeffekte. Die individuelle Empfindlichkeit gegenüber der Substanz schwankt erheblich. In Tierversuchen hatte Morphin negative Auswirkungen auf die Entwicklung der Nachkommenschaft und die Fortpflanzung. Auch erbgutschädigende Effekte wurden beobachtet.

Neben der medizinischen Bedeutung des Schlafmohns spielt die Pflanze aber auch eine Rolle im Lebensmittelbereich. So werden die reifen Samen vor allem in Mohnkuchen verbacken, können aber auch in kleineren Mengen auf Brötchen und Bagels enthalten sein. Wegen des hohen Gehalts an Öl wird aus den Samen außerdem Speiseöl hergestellt. Zwar können auch die Samen Alkaloide enthalten, natürlicherweise kommen sie aber nur in Spuren vor. In Speisemohn dürfte Morphin deshalb eigentlich nur in kleinsten Mengen enthalten sein.

Verunreinigungen als Ursache

Untersuchungen zum Alkaloidgehalt von Speisemohn zeigen aber, dass die Mengen stark variieren und in den vergangenen Jahren insgesamt angestiegen sind. Sowohl die Mohnsorte als auch der Erntezeitpunkt und die geografische Herkunft könnten die Alkaloidgehalte beeinflussen. Die Hauptursache für den beobachteten Anstieg scheint aber in der Verunreinigung der Samen mit alkaloidhaltigen Kapselbruchstücken oder dem Milchsaft selbst zu liegen. Neu eingeführte Erntetechniken, bei denen die Kapseln gequetscht werden und der austretende Milchsaft die Samen kontaminieren könnte, werden als Grund diskutiert.

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Dass derart hoch kontaminierte Mohnsamen gefährlich und nicht für Handel und Verzehr geeignet sind, ist offensichtlich. Schwieriger ist die gesundheitliche Beurteilung des Verzehrs von Mohnsamen mit niedrigen Morphinkonzentrationen unter vorsorgenden Aspekten. Um der Lebensmittelüberwachung hierfür ein Instrument an die Hand zu geben, hat das BfR eine „vorläufige maximale tägliche Aufnahmemenge“ für Morphin abgeleitet, die nicht überschritten werden sollte. Sie liegt bei 6,3 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. Unter Berücksichtigung der geschätzten Verzehrsmengen resultiert daraus ein vorläufiger Richtwert für Mohnsamen von höchstens 4 Mikrogramm Morphin pro Gramm.

Mohnkuchen vorerst meiden

Das Bundesinstitut für Risikobewertung fordert die Hersteller auf, größte Anstrengungen zu unternehmen, die Gehalte aller pharmakologisch aktiven Opiumalkaloide in Mohnsamen auf das technologisch erreichbare Mindestmaß zu senken. Solange dies nicht erreicht ist, sollten Verbraucher – und insbesondere Schwangere – den Verzehr von Lebensmitteln mit einem hohen Gehalt an Mohnsamen einschränken bzw. darauf verzichten. Dazu gehören vor allem Mohnkuchen, mohnsamenhaltige Desserts wie Mohnpielen und mit Mohnsamen bestreute Nudelgerichte wie Dampfnudeln.

(Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), 23.02.2006 – NPO)

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