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Meereis: Kein neuer Negativrekord, aber weiter zu wenig

Günstige Wetterlage bremste Eisrückgang - zumindest in Teilen der Arktis

Meereis
Das arktische Meereis ist ein Indikator für die Klimaerwärmung – in den letzten Jahrzehnten ist es um 40 Prozent geschrumpft. © Mario Hoppmann

Atempause, aber keine Entwarnung: Das arktische Meereis ist in diesem Jahr etwas weniger geschrumpft als in den Jahren zuvor – das Meereisminimum liegt bei 4,81 Millionen Quadratkilometer, berichten Eisforscher. Dies sei aber kein Grund zur Entwarnung, betonen sie. Denn im Ostteil der Arktis war der Eisschwund so groß wie seit 1973 nicht mehr und setzte früher ein denn je. Ausgeglichen wurde dies aber durch kühleres Sommerwetter in der westlichen und zentralen Arktis.

Das arktische Meereis ist ein Indikator des globalen Klimawandels: Weil sich die Arktis überproportional stark erwärmt, schrumpft die nach der Sommerschmelze verbleibende Eisfläche schon seit Jahrzehnten. Gleichzeitig schwindet der Eisnachschub und selbst das dicke mehrjährige Meereis taut zunehmend ab. Im Jahr 2020 erreichte das jährlich Mitte September erreichte Meereisminimum den zweitniedrigsten Wert seit Beginn der Satellitenmessungen und selbst am Nordpol gab es offene Wasserflächen.

Meereis-Minimum
September-Meereisminimum 2021 (rot) im Vergleich zu den Vorjahren. © Meereisportal

Mehr Eis als in den Vorjahren

Inzwischen ist das Meereisminimum für 2021 erreicht und Eisforscher ziehen eine erste Bilanz. Demnach ist die arktische Eisfläche in diesem Jahr etwas weniger drastisch getaut als in den Vorjahren. Am 12. September 2021 lag die arktische Meereisdecke bei rund 4,81 Millionen Quadratkilometer – gut eine Million Quadratkilometer mehr als im letzten Jahr um diese Zeit. Damit reiht sich das arktische Meereisminimum 2021 auf Platz 12 der Negativliste ein.

Allerdings: „Von einer Erholung des arktischen Meereises kann trotz dieses vergleichsweise moderaten Eisrückgangs keine Rede sein“, betont Christian Haas vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung. „Zum einen liegt auch das aktuelle Meereisminimum weit unter den Werten, wie wir sie noch aus den 1990er und 2000er Jahren kennen. Das heißt, es bestätigt den starken Abnahmetrend der Eisausdehnung von etwa 12,7 Prozent pro Dekade.“

Starke regionale Unterschiede

Hinzu kommt: Der moderate Eisrückgang gilt nicht für die gesamte Arktis. So ist in diesem Sommer in der westlichen Arktis zwar vergleichsweise viel Eis erhalten geblieben. Aber in den östlichen Teilen des arktischen Meeres schmolz dafür umso mehr. Die Laptewsee, die für den Nachschub frischen Meereises wichtig ist, verzeichnete sogar die größten Eisverluste seit Beginn der Satellitenmessungen, wie die Wissenschaftler berichten.

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Meereis
Meereisverteilung am 14. September 2021. © Meereisportal

„Zudem belegen sowohl Satellitenmessungen als auch Vor-Ort-Beobachtungen etwa aus der Wandelsee im Nordosten Grönlands und aus der Beaufortsee, dass die Eisdicke abnimmt und die Meereiskonzentration in beiden Regionen außerordentlich gering ist. Vielerorts gibt es zwischen den Eisschollen große Flächen offenen Wassers“, sagt Haas. Messungen von US-Forschern belegen zudem, dass die Eisschmelze in der Laptewsee, der Barentssee und vor der Ostküste Kanadas in diesem Jahr einen Monat früher eingesetzt hat als im langfristigen Mittel der Jahre 1981 bis 2010.

Auch vor der Nordostküste Grönlandsee ist in diesem Jahr viel Meereis abgetaut – so viel, dass sich dort große offenen Wasserflächen auftaten und die Grönlandsee Anfang September nahezu eisfrei war. Diese sogenannte Wandelsee-Polynia entsteht immer dann, wenn starke ablandige Winde das ausgedünnte Meereis von der Küste wegschieben.

Tiefdruckgebiete als Hitzeschutz

Ursache für die zumindest in Teilen gebremste Eisschmelze ist eine in diesem Sommer vorherrschende Tiefdruck-Wetterlage über der zentralen Arktis. „Ihre Existenz hat vor allem im Juni und Juli den Einstrom warmer Luftmassen in die zentrale Arktis verhindert und die Meereissituation stabilisiert“, erklärt AWI-Klimatologin Monica Ionita. Im August verlagerte sich der Tiefdruck in die Beaufortsee und sorgte dort für vergleichsweise kühle Temperaturen.

Die vergleichsweise lange Dominanz tiefen Luftdrucks führte dazu, dass die Lufttemperaturen jenseits des 70. Nördlichen Breitengrads im sommerlichen Mittel nur ein bis zwei Grad über dem langjährigen Durchschnitt lagen. „Zum Vergleich: Im Sommer 2020 verzeichneten wir Lufttemperatur-Abweichungen von fünf bis sechs Grad in zentralen Bereichen des Arktischen Ozeans“, erläutert Ionita.

„Kein Grund zur Entwarnung“

Aber auch wenn günstige Wetterbedingungen die Eisschmelze in diesem Sommer in Grenzen hielten – die Wirkungen des Klimawandels sind auch 2021 in der Arktis erkennbar, wie die Forscher betonen. „Es besteht kein Grund zur Entwarnung“, sagt Haas. „Wir haben eindrücklich die unterschiedlichen Einflüsse von Schmelzen und Drift auf die Meereisfläche und -dicke gesehen. Insgesamt sind die Zeichen der Klimaerwärmung in der Arktis anhand dieser Merkmale sichtbar.“

Quelle: Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, Meereisportal

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