Geowissenschaftler rekonstruieren vergangenes Klima für die Zukunft Klima: Spurensuche in Tibet - scinexx | Das Wissensmagazin
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Geowissenschaftler rekonstruieren vergangenes Klima für die Zukunft

Klima: Spurensuche in Tibet

Hochland von Tibet © Axel Thomas

Am Rande des Tibet-Plateaus suchen deutsche Geowissenschaftler nach Spuren, die verraten, wie sich das Klima in der Zukunft verändern könnte. Die Hinweise aus der Vergangenheit zeigen, dass „The Day after Tomorrow“ keine Horrorvision ist, sondern die klimatische Zukunft durchaus realistisch, wenn auch im Zeitraffer darstellt.

Frank Riedel und sein Kollege Bernd Wünnemann arbeiten mit ihrem Team fieberhaft am „Blick ins Ungewisse“. Zusammen mit Spezialisten aus der ganzen Welt und mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) versuchen sie, das Klima der letzten 15.000 Jahre zu rekonstruieren und daraus Vorhersagen für unsere Zukunft abzuleiten.

Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, denn immer deutlicher sehen die Forscher, dass sich die klimatischen Verhältnisse auf der Erde schneller wandeln als bisher angenommen. Riedel und seine internationalen Kollegen haben sich zu einem der Brennpunkte des weltweiten Klimageschehens begeben: in den Trans-Himalaja, in die eisigen Höhen von Ladakh. Dort vermutet Riedel den Schlüssel zu einem Rätsel, das unser Leben bereits in den nächsten Jahrzehnten radikal verändern kann.

Die deutsch-indische Expedition sucht in Ladakh nach Seen, die seit mindestens 15.000 Jahren existieren. „In Seesedimenten sind Klimasignale der Vergangenheit gespeichert, die wir lesen können wie ein Buch“, sagt Riedel. Des Rätsels Lösung steckt in Bohrkernen aus dem Schlamm dieser Gewässer. Mikroskopisch kleine Pollen und fossile Mikroorganismen lassen sich datieren und zur Rekonstruktion vergangener Umweltänderungen nutzen. Und daraus können die Spezialisten eine Klimakurve ableiten.

Doch vor die Analyse im Labor haben die Berggötter von Ladakh jede Menge Entbehrungen gesetzt. In einer Höhe von fast 5.000 Metern über dem Meer fällt jeder Handgriff schwer, der Körper ringt nach Sauerstoff in der dünnen Luft. Im Zeltlager, das malerisch an dem gesuchten See Tso Kar liegt, herrschen extreme Bedingungen. Tags brennt die Sonne erbarmungslos mit Temperaturen von über dreißig Grad Celsius auf die Wissenschaftler.

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Sobald sie hinterm Horizont verschwindet, fällt das Thermometer auf minus zwanzig Grad.

Die Klimaforscher arbeiten in dieser rauen Umgebung mit modernsten Geräten. Eine entsprechende Rolle spielt dabei ein spezielles GPS (Globales Positionierungssystem), mit dem die Forscher die Uferlinie des Sees zentimetergenau vermessen können. Bei den Messungen stellen Frank Riedel und Bernd Wünnemann zum ersten Mal fest, dass sich der See im Vergleich zu einer Satellitenaufnahme von 1994 verkleinert hat. Schon vor Ort erkennen die Wissenschaftler, dass der See kurz vor dem Austrocknen ist.

Das alleine wäre nicht sonderlich aufregend, denn in den Bohrkernen haben sie schon einmal eine Versumpfung vor über tausend Jahren „gelesen“. Doch diesmal fällt der See in einem atemberaubenden Tempo trocken. „Das passt ins Bild“, sagt Riedel, „die Daten von anderen Messstellen zeigen eine ähnliche Tendenz. Die globale Klimaerwärmung ist eine Tatsache – erschreckend ist das Tempo!“ Die Forscher der Freien Universität Berlin wollen aber nicht nur die zukünftigen Katastrophen vorhersagen. Ihr Ziel ist es, nach Auswegen zu suchen.

Deshalb arbeiten sie an Programmen, die den Regierenden helfen sollen gegenzusteuern – ein Wettlauf mit der Zeit.

(Freie Universität Berlin, 18.02.2005 – NPO)

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