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Hinrichtung durch Löwen auch im antiken England

Bronzerelief aus römischer Zeit zeugt vom Todeskampf eines "Barbaren"

Löwenkampf
Ungleicher Kampf: Dieser in Leicester entdeckte Bronzegriff aus römischer Zeit zeigt den ungleichen Kampf eines Mannes gegen einen Löwen. © University of Leicester Archaeological Services

Grausamer Todeskampf: Nicht nur in Rom wurden Menschen den Löwen zum Fraß vorgeworfen – diese blutige Hinrichtungspraxis gab es wahrscheinlich auch im antiken England. Davon zeugen einige Skelettfunde sowie ein bei Ausgrabungen in der Stadt Leicester entdeckter Bronzegriff. Er zeigt einen Löwen, der gerade einen als „Barbaren“ erkennbaren Mann anfällt, außerdem vier Jugendliche mit angstverzerrten Gesichtern. Eine solche Darstellung ist bislang einzigartig.

Im alten Rom war die Hinrichtung von Feinden oder Gefangenen oft ein großes Spektakel – ein blutiges Schauspiel, dem die Menschen scharenweise in speziellen Arenen beiwohnten. Die Todgeweihten mussten dabei gegeneinander kämpfen oder sich ohne Waffen gegen gefährliche Raubtiere wie Löwen oder Wölfe zur Wehr setzen. Das Urteil „Damnatio ad Bestias“ erging dabei besonders oft gegen kriegsgefangene oder aufsässige „Barbaren“ und sollte die Übermacht Roms gegen diese „wilden“ Völker symbolisieren.

Während aus dem antiken Rom einige Berichte und Darstellungen solcher Hinrichtungen durch Raubtiere erhalten geblieben sind, ist die Lage für die römischen Provinzen weniger eindeutig. Ob beispielsweise im römischen Britannien solche tödlichen Tierkämpfe vollstreckt wurden, ist bislang unklar.

Nahansicht
Nahansicht einiger Gesichter der unteren Figurengruppe und des kämpfenden Mannes. © University of Leicester Archaeological Services

Löwe beißt Mann

Doch nun liefert ein Fundstück aus der englischen Stadt Leicester neue Indizien dafür, dass wahrscheinlich auch dort Gefangene den Löwen zum Fraß vorgeworfen wurden. Bei dem Fund handelt es sich um einen bronzenen Türgriff, der in den Überresten einer römischen Villa im alten Stadtzentrum entdeckt wurde. Das mit reich verzierten Mosaiken geschmückte Gebäude lag damals in unmittelbarer Nähe des Amphitheaters.

Das Spannende am Bronzegriff ist jedoch das ihn schmückende Relief. „Im gesamten römischen Reich wurde bislang nichts Vergleichbares gefunden“, erklärt Ausgrabungsleiter Gavin Speed von der University of Leicester. Zu sehen ist ein in feinstem Details ausgearbeiteter Löwe, der den Oberkörper eines Mannes gepackt hat und kurz davor scheint, ihm in den Kopf zu beißen. Zwar gehörten Löwen zu den häufigsten Tiermotiven auf römischen Objekten und Möbeln, die Darstellung eines Kampfes zwischen Mensch und Löwe auf einem solchen Alltagsobjekt sei aber ungewöhnlich.

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Todeskampf eines „Barbaren“

Auffallend auch: Der mit dem Löwen kämpfende Mann hat einen buschigen Bart, lange Haare und einen nackten Oberkörper. „Damit zeigt dieser Mann eindeutig ‚barbarische‘ Merkmale“, so die Archäologen. Die fehlende Bewaffnung oder Panzerung des Mannes und sein nicht-römisches Aussehen sprechen zudem dafür, dass es sich nicht um einen bloßen Schaukampf oder eine Löwendressur handelt, wie Speed und seine Kollegen erklären.

Dagegen spricht ihrer Meinung nach auch die zweite auf dem Bronzegriff dargestellte Figurengruppe: Unterhalb der beiden Kämpfenden kauern vier junge, noch bartlose Männer mit ängstlichen Gesichtern. „In seiner Darstellung dieses aussichtslosen Kampfes des Erwachsenen und der dem Tod geweihten Jugendlichen, unterstreicht der Bronzegriff die drohende Auslöschung dieser Personen“, erklären die Archäologen.

Zeigt das Relief eine lokale „Damnatio ad Bestias“?

Nach Ansicht der Forscher stellt dieses Griffrelief damit höchstwahrscheinlich eine Damnatio ad Bestias dar. „Dieses einzigartige Objekt liefert uns die bislang detaillierte Darstellung dieser Form der Hinrichtung im römischen Britannien“, sagt Koautor John Pearce vom King’s College London. Wegen der detailreichen Ausarbeitung der Figuren und der lokalen Herkunft des Bronzegriffs vermuten er und sein Team, dass dieses Relief vielleicht sogar eine ganz bestimmte Hinrichtung darstellte.

Möglicherweise, so die Vermutung, zeigt der Griff eine Szene aus dem benachbarten Amphitheater. Denn dieses Fundstück ist nicht das einzige Indiz dafür, dass solche Löwenkämpfe auch in der römischen Provinz Britannien stattfanden. So wurden sowohl in London wie in York Skelette von erwachsenen Männern aus römischer Zeit gefunden, die Spuren von Gewalteinwirkung und in einem Falle sogar mögliche Bisspuren eines Löwen tragen.

Der Fund des Bronzegriffs und seine Motive.© University of Leicester Archaeological Services

„Angesichts dieser archäologischen Belege und anderen Zeugnissen für solche Hinrichtungen von Gefangenen in den Provinzen, ist es durchaus denkbar, dass die Verzierung dieses Bronzegriffs durch ein solches Schauspiel in Britannien, vielleicht sogar im benachbarten Theater inspiriert war“, konstatieren die Archäologen. (Britannia, 2021; doi: 10.1017/S0068113X21000118)

Quelle: King’s College London

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