Welterbe-Stätte in Kleinasien könnte als Sonnen- und Mondkalender gedient haben Hethiter: Felsentempel als Observatorium? - scinexx | Das Wissensmagazin
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Hethiter: Felsentempel als Observatorium?

Welterbe-Stätte in Kleinasien könnte als Sonnen- und Mondkalender gedient haben

Yazilikaya
Das 3.230 Jahre alte Hethiter-Heiligtum Yazilikaya könnte als astronomisches Observatorium gedient haben – beispielsweise um die Sonnenwenden zu markieren. © Oliver Bruderer / Luwian Studies

Astronomie der Bronzezeit: Die Hethiter könnten einen ihrer wichtigsten Tempel als Observatorium zur Sonnen- und Mondbeobachtung genutzt haben – das Yazilikaya-Heiligtum in der heutigen Türkei. Die mehr als 90 Relief-Figuren dieses rund 3.230 Jahre alten Weltkulturerbes dienten dabei offenbar zur Zählung der Monate und Jahre, einige Kammern und Sichtachsen des Tempels waren zudem auf die Sonnenwenden ausgerichtet, wie die Archäologen berichten.

Für unsere Vorfahren waren die Mondzyklen und der Lauf der Sonne entscheidende Zeitgeber für ihren Kalender. Die Gestirne bestimmten den Zeitpunkt für rituelle Feste, für Saat und Ernte und andere saisonale Ereignisse. Frühe Heiligtümer wie der Steinkreis von Stonehenge, das Sonnenobservatorium von Goseck oder steinzeitliche Ganggräber dienten daher der astronomischen Beobachtung – und auch die Himmelsscheibe von Nebra zeugt von der Bedeutung der Gestirne für Religion und Ritus.

Yazilikaya
Diese Götterfiguren im Hethiter-Heiligtum Yazilikaya könnten Anzeiger für Mondmonate sein. © Luwian Studies

Die Hethiter und die Astronomie

Unklar war jedoch bisher, ob auch die Hethiter spezielle Observatorien errichteten. Ihr Reich erstreckte sich im zweiten Jahrtausend vor Christus über weite Teile Kleinasiens und den Nahen Osten. Aus Keilschrifttafeln ist bekannt, dass die Hethiter einem lunisolaren Kalender mit zwölf Mondmonaten und ausgleichenden Schaltmonaten folgten. Zudem kannten sie viele der babylonischen Erkenntnisse zum Lauf der Gestirne, wie Keilschrifttafeln mit entsprechenden Texten verraten.

Doch wie bestimmten die Hethiter die Eckdaten für ihren lunisolaren Kalender? Bisher waren keine hethitischen Bauwerke bekannt, die eindeutig nach astronomischen Gesichtspunkten angelegt waren. Das könnte sich nun geändert haben. Denn Rita Gautschy von der Universität Basel und Eberhard Zangger von Luwian Studies haben ausgerechnet bei einem der berühmtesten Heiligtümer der Hethiter erste Hinweise auf eine Nutzung als Mond- und Sonnenobservatorium gefunden.

„Sixtinische Kapelle“ der Hethiter

„Das Heiligtum von Yazilikaya wird auch als die ‚Sixtinische Kapelle der Hethiter‘ bezeichnet“, erklären Gautschy und Zangger. Der Felsentempel liegt nahe der Hethiterhauptstadt Hattuscha in Zentralanatolien und besteht aus zwei nach oben offenen Kammern, die um 1230 vor Christus aus einer steilen Kalksteinwand gehauen wurden. Entlang der Wände dieser Kammern reihen sich Reliefs von mehr als 90 Götterfiguren sowie überlebensgroße Darstellungen des hethitischen Großkönigs Tudhalija IV.

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Doch welchem Zweck diente dieser Felsentempel? Nach Ansicht von Gautschy und Zangger könnte das Heiligtum nicht nur eine Kultstätte zur Verehrung der Götter und Könige gewesen sein, sondern auch ein Observatorium – ein Hilfsmittel, um den lunisolaren Kalender zu eichen. „Wir glauben, dass Yazilikaya ein Ort war, an dem Sonne, Mond und Planten beobachtet wurden und wo wahrscheinlich auch Aufzeichnungen zu ihren Bewegungen aufbewahrt wurden“, so die Forscher.

Tudhalija IV.
Relief des Hethiter-Königs Tudhalija IV. © Klaus-Peter Simon/CC-by-sa 3.0

Königlicher Sonnenwend-Zeiger

„Eines der stärksten Indizien für eine astronomische Nutzung ist die Position des Reliefs des Großkönigs Tudhalija in Kammer A“, berichten die Archäologen. „Dieses Relief des Königs als Sonnengott ist so platziert, dass es nur Mitte Juni wenige Tage lang von der Sonne angestrahlt wird.“ Der Großkönig erschien damit nur an den Tagen um die Sommersonnenwende herum erleuchtet – seine Figur diente damit möglicherweise als Marker für dieses astronomische Ereignis.

„Wenn der König, seine Familie und das royale Gefolge zur Sommersonnenwende in die Kammer A kamen, sahen sie das Bildnis des Königs – überlebensgroß und größer als die benachbarten Götterfiguren – von der Sonne hell erleuchtet“, so Gautschy und Zangger. „Die Himmelsgötter übertrugen damit ihre göttliche Macht auf ihren höchsten Diener und verstärkten damit seine Autorität.“

Himmelsnordpol und Sternenuhr

Einen weiteren Hinweis fanden die Wissenschaftler in der zweiten Kammer des Felsentempels. Sie ist 18 Meter lang, aber sehr schmal und auf beiden Seiten von zwölf Meter hohen Felswänden umgeben. Wie Gautschy und Tanngger feststellten, ist diese Kammer so ausgerichtet, dass eine natürliche Bergspitze an ihrem schmalen Ende genau auf den Himmelsnordpol zeigt. „Die scharfen Kanten dieses Felsens könnten als Bezugspunkt für eine Sternenuhr genutzt worden sein“, erklären die Forscher. Weil der Himmelsnordpol den Punkt markiert, um den alle Sterne zu kreisen scheinen, half ein solcher Bezugspunkt, ihre Position zu ermitteln.

Auch einige andere Achsen des Felsentempels von Yazilikaya und seiner Vorbauten sind auffallend gut auf die Sonnenwenden hin ausgerichtet, wie die Archäologen berichten. So konnte die Sonne nur zur Sommersonnenwende durch den Eingang des Torhauses und einen Gang im ersten Gebäude bis auf eine dahinter liegende Mauer scheinen.

Das Hethiter-Heilgtum Yazilikaya als lunisolarer Kalender.© Luwian Studies

Götterfiguren als Kalendermarker

Das Heiligtum von Yazilikaya könnte auch der Ort gewesen sein, an dem der Referenzkalender des hethitischen Reiches geführt wurde. Darauf deuten die in Gruppen angeordneten Relief-Figuren in der Kammer A des Felsentempels hin. „Die ersten zwölf Figuren, bestehend aus gleichartigen männlichen Göttern, zeigen die Mondmonate an – die Zeit von einem Neumond zum nächsten“, so Gautschy und Zangger. „Die nächste Gruppe besteht aus 30 Götterfiguren, die der maximalen Anzahl von Tagen in einem Mondmonat entsprechen.“

Eine weitere Gruppe am Ende der Figurenreihe zeigt 19 gleichartige weibliche Gottheiten. Nach Ansicht der Archäologen könnten sie den Meton-Zyklus symbolisieren – eine 19 Sonnenjahre dauernde Zeitperiode, die es erlaubt, Mond- und Sonnenjahr in Übereinstimmung zu bringen. Denn sie umfasst zwölf Jahre mit je zwölf Mondmonaten sowie sieben Jahre mit jeweils einem 13. Mondmonat als Schaltperiode.

Schon in Babylonien und bei den Sumerern war dieser für den lunisolaren Kalender hilfreiche Zyklus bekannt. Es liege daher nahe, dass auch die Hethiter ihn nutzten, so die Forscher. Sie vermuten, dass die Priester von Yazilikaya den Lauf von Mond und Sonne durch Steine markierten, die sie auf einen Felssims unter den betreffenden Figuren ablegten und dann weiterbewegten. Ob sie mit ihrer Interpretation der Tempelgeometrie und der Reliefs recht haben, lässt sich allerdings bisher nicht beweisen. (Journal of Skyscape Archaeology, 2019; doi: 10.1558/jsa.37641)

Quelle: Luwian Studies

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