Meeresspiegelanstieg bis 2100 könnte nur 80 Zentimeter statt zwei Meter erreichen Grönlands Gletscher schmelzen langsamer als gedacht - scinexx | Das Wissensmagazin
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Meeresspiegelanstieg bis 2100 könnte nur 80 Zentimeter statt zwei Meter erreichen

Grönlands Gletscher schmelzen langsamer als gedacht

Dieser noch eher kleine Küstengletscher im Westen Grönlands ist nur einer von vielen, die Eis aus dem Inneren ins Meer transportieren. © Science/AAAS, Photograph by Ian Joughin

Die Gletscher Grönlands schmelzen langsamer und uneinheitlicher als bisher angenommen. Das zeigt eine Studie US-amerikanischer Forscher, die das Fließverhalten der rund 200 Eisströme über zehn Jahre hinweg ausgewertet haben. Statt ihre Fließgeschwindigkeit zu verdoppeln, wie vorhergesagt, beschleunigten die Küstengletscher ihren Fluss seit dem Jahr 2000 nur um durchschnittlich 30 Prozent. Die großen auf Land oder in Fjorden endenden Gletscher im Südwesten hätten sich dagegen kaum verändert oder seien sogar langsamer geworden, berichten die Forscher im Fachmagazin „Science“. Der Meeresspiegelanstieg durch die grönländische Eisschmelze könnte daher deutlich geringer ausfallen als von Klimaforschern vorhergesagt. Nach den bisherigen Worst-Case-Szenarios soll der Pegel der Ozeane bis Ende dieses Jahrhunderts bis zu zwei Meter ansteigen.

Das Abtauen der grönländischen Gletscher ist einer der entscheidenden Faktoren für den zukünftigen Meeresspiegelanstieg. Beschleunigen die gigantischen Eisströme ihr Fließtempo, weil sie zu schmelzen beginnen, gelangen mehr Eisberge und mehr Schmelzwasser ins Meer. Dadurch erhöht sich der Meeresspiegel. Um wie viel, sei aber noch immer unklar, sagen Twila Moon von der University of Washington in Seattle und ihre Kollegen. Denn die Reaktion der Grönland-Gletscher auf den Klimawandel sei bisher nur in Teilen genau genug erfasst. Die Szenarien reichen deshalb von 80 Zentimetern bis zu zwei Metern Anstieg der Meere für das Ende dieses Jahrhunderts.

Blick über einen Ausläufer des großen Jakobshavn Gletschers an der Westküste Grönlands; dieser Eisstrom transportiert Eis aus dem Inneren ins Polarmeer. © © Science/AAAS, Photograph by Ian Joughin

Mithilfe der Daten der Radarsatelliten TerraSar-X, Radarsat-1 und dem japanischen Advanced Land Observation Satellite haben die Wissenschaftler nun erstmals umfassende Karten der Fließgeschwindigkeit für fast alle rund 200 Gletscher Grönlands zusammengestellt. „Unsere Ergebnisse enthüllen komplexe räumliche und zeitliche Unterschiede zwischen verschiedenen Gletschertypen“, schreiben die Forscher.

Mit zwei Kilometern pro Jahr Richtung Meer

Ein von einem Gletscher abgekalbter Eisberg im Polarmeer vor der Küste Grönlands; diese Eisberge und das Schmelzwasser der Gletscher beeinflusst den Meeresspiegel. © Science/AAAS, Photograph by Ian Joughin

Viele Küstengletscher im Nordwesten und Südosten Grönlands fließen mit eineinhalb bis zwei Kilometer pro Jahr Richtung Meer. Das Tempo dieser Eisströme habe sich zwischen 2000 und 2010 um rund 28 und 32 Prozent erhöht. „Aber diese Beschleunigung wird durch andere Gletscher ausglichen, die sich im gleichen Zeitraum nicht veränderten oder sogar verlangsamten“, sagen Moon und ihre Kollegen. Dazu gehörten vor allem die großen Eisströme im Südwesten und die im Schelfeis mündenden Gletscher.

Hält dieser Trend an, würde Grönlands Eis bis zum Ende dieses Jahrhunderts nur rund 80 Zentimeter zum Meeresspiegelanstieg beitragen – dies entspricht den niedrigsten Schätzungen der Klimaforscher. „Es könnte allerdings zukünftige Ereignisse geben, wie beispielsweise Kipppunkte, die die Gletschergeschwindigkeit noch stärker erhöhen“, räumen die Forscher ein. Einige große Gletscher im Norden Grönlands, die bisher noch nicht auf die Erwärmung reagiert haben, könnten doch noch schneller werden und so die Rate des ins Meer fließenden Schmelzwassers erhöhen.

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„In mancher Hinsicht weckt unser Ergebnis genauso viele neue Fragen, wie es Antworten gibt“, sagt Ian Joughin, Mitautor vom Applied Physics Laboratory der Universität von Washington.

(doi: 10.1126/science.1219985)

(Science, 04.05.2012 – NPO)

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