Westgrönland verliert heute mehr Eis je zuvor in den letzten 450 Jahren Grönland: Stärkste Schmelze seit Jahrhunderten - scinexx | Das Wissensmagazin
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Westgrönland verliert heute mehr Eis je zuvor in den letzten 450 Jahren

Grönland: Stärkste Schmelze seit Jahrhunderten

Blick über den Rink-Gletscher in Westgrönland. In dieser Region schmilzt das Eis heute schneller als jemals zuvor in den letzten 450 Jahren. © NASA/OIB

Die negativen Klimameldungen reißen nicht ab: Neue Daten bestätigen, dass das Eis im Westen Grönlands so stark schmilzt wie nie zuvor in den letzten mindestens 450 Jahren. Ursache dafür sind das wärmere Polarmeer und Veränderungen der Luftströmungen im arktischen Sommer, aber auch ein Anstieg der mittleren Lufttemperatur um 1,2 Grad seit Ende des 19. Jahrhunderts, wie die Forscher im Fachmagazin „Geophysical Research Letters“ berichten.

Grönland ist eines der größten Eisreservoire der Erde, doch selbst dieses Bollwerk der Kälte kann dem Klimawandel nicht mehr standhalten. Schon jetzt bilden sich auf dem Grönlandeis immer mehr Schmelzwassertümpel, die in einer Kettenreaktion die Gletscher destabilisieren und so die Eisschmelze fördern. Ein meist weicher Untergrund und an der Gletscherbasis entstehende Wasserströme und subglaziale Seen beschleunigen den Eisabfluss zusätzlich.

Eisbohrkerne aus der Sickerzone

Jetzt liefert eine Feldstudie neue Daten zum Ausmaß der grönländischen Gletscherschmelze. Karina Graeter von der University of Dartmouth und ihre Kollegen haben dafür fünf Eisbohrkerne aus der sogenannte Filtrationszone von Gletschern in Westgrönland entnommen. In dieser Zone sickert Schmelzwasser in das Gletschereis ein und gefriert dort wieder. Dabei wird Wärme frei, die das umgebende Eis aufheizt.

„Die meisten Eisbohrkerne werden aus der Mitte des Eisschilds oder von seinem Rand genommen“, sagt Graeter. „Wir haben uns auf die Filtrationszone konzentriert, weil wir dort die besten Indikatoren vergangener Eisschmelzen finden.“ Aus der Zusammensetzung und Dicke der Eisschichten rekonstruierten die Forscher das Ausmaß der Eisschmelze der letzten rund 450 Jahre.

Schmelzraten des westgrönländischen Eises seit 1550. © Erich Osterberg

Höchste Schmelzrate seit 450 Jahren

Das Ergebnis: „Die heutigen Schmelzraten sind die höchsten seit mindestens dem Jahr 1550 – sie sind damit höher als im gesamten restlichen Eisbohrkern“, berichten die Forscher. „Unser Eisbohrkern zeigt damit, wie ungewöhnlich die heutigen Schmelzraten für diese Region Grönlands eigentlich sind.“ Besonders deutlich sei dieses beschleunigte Abtauen des Eises seit den 1990ern.

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Ursachen für die verstärkte Eisschmelze gibt es mehrere, wie die Wissenschaftler erklären. So ist bereits bekannt, dass Phasen mit wärmeren Meerestemperaturen im Nordatlantik und die Präsenz von sommerlichen Blockade-Hochdruckgebieten über Grönland für wärmeres Wetter sorgen und dadurch die Eisschmelze antreiben. Hinzu kommt, dass der polare Jetstream inzwischen stärkere Wellen schlägt und so häufiger Warmluft bis nach Grönland dringen kann.

Klares Signal des Klimawandels

Doch zusätzlich zu diesen von Jahr zu Jahr schwankenden Wetterbedingungen haben die Graeter und ihre Kollegen auch einen deutlichen direkten Einfluss des Klimawandels festgestellt. So ist in den letzten rund 100 Jahren die sommerliche Mitteltemperatur in Grönland um 1,2 Grad Celsius gestiegen und hat dadurch die Schmelzraten selbst bei vergleichbaren Ozean- und Hochdruckbedingen verdoppelt.

„Es ist erstaunlich, wie eine scheinbar geringe Erwärmung um nur rund 1,2 Grad einen so großen Einfluss auf die Schmelzraten in Westgrönland haben kann“, sagt Graeter. „Diese höchstwahrscheinlich vom Menschen verursachte Extra-Erwärmung hat zu den ungewöhnlich hohen Abtauraten der letzten Jahre geführt.“

Das Problem daran: Die Eisschmelze Grönlands gilt als einer der wichtigsten Treiber für den globalen Meeresspiegel-Anstieg. Zudem kann ein verstärkter Einstrom von Schmelzwasser die Umwälzpumpe im Nordatlantik beeinträchtigen und damit auch die für das europäische Klima wichtigen die Meeresströmungen schwächen. (Geophysical Research Letters, 2018; doi: 10.1002/2017GL076641)

(Dartmouth College, 29.03.2018 – NPO)

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