In Schweden entdeckter "fossiler" Meteorit ähnelt keinem bekannten Meteoritentyp Forscher finden einzigartigen Meteoriten - scinexx | Das Wissensmagazin
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In Schweden entdeckter "fossiler" Meteorit ähnelt keinem bekannten Meteoritentyp

Forscher finden einzigartigen Meteoriten

Der neu entdeckte Meteorit (dunkelgrau), eingebettet in 470 Millionen Jahre alten Kalkstein. © Birger Schmitz

Einzigartiger Fund: In einem schwedischen Steinbruch haben Forscher einen völlig neuen Meteoritentyp entdeckt. Seine Zusammensetzung unterscheidet den 470 Millionen Jahre alten Meteoriten von allen bisher bekannten, wie Forscher im Fachmagazin „Nature Communications“ berichten. Sie vermuten: Der Fund könnte das Fragment einer folgenschweren Kollision im Asteroidengürtel sein.

Meteoriten gibt es auf der Erde reichlich – und ständig fallen neue nach. 86 Prozent von ihnen gehören zu den Chondriten, Gesteinsbrocken mit kugelförmigen Silikateinschlüssen. Schon vor einigen Jahrzehnten fiel Forschern jedoch bei einer eisenarmen Untergruppe der Chondriten etwas Seltsames auf: Auffallend viele dieser L-Chondriten sind rund 500 Millionen Jahre alt – und damit weit jünger als die meisten anderen Meteoritentypen, die aus der Frühzeit des Sonnensystems stammen.

Wer war der Kollisionspartner?

„Diese Meteoriten scheinen zu jener Zeit ein massives Kollisionsereignis durchgemacht zu haben“, erklären Birger Schmitz von der Universität Lund in Schweden und seine Kollegen. Bei dieser Kollision im Asteroidengürtel zerbrach wahrscheinlich ein größerer Himmelskörper. Seine Fragmente wurden aus dem Gürtel geschleudert und schlugen auf der Erde ein.

„In marinen Kalksteinschichten, die sich vor rund 470 Millionen Jahren bildeten, finden sich Beweise für einen 100-fachen Anstieg von L-Chondriten und Mikrometeoriten“, berichten die Forscher. Rätselhaft blieb aber bisher, mit welchem Asteroiden der Mutterbrocken dieser Meteoriten zusammengestoßen sein könnte.

Entdeckt wurde der einzigartige Brocken in diesem Steinbruch in Südschweden. © Birger Schmitz

Auffällige Übereinstimmung

Das allererste Relikt dieses unbekannten Kollisionspartners könnten Schmitz und seine Kollegen nun identifiziert haben. Es handelt sich um einen acht Zentimeter langen und 6,5 Zentimeter breiten Gesteinsbrocken, den die Forscher im Kalkstein des Thorsberg Steinbruchs in Schweden fanden. Datierungen der Schicht ergaben, dass der Meteorit vor rund 470 Millionen Jahren ins Meer gestürzt sein muss und dann in den Meeresboden eingebettet wurde.

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Der Österplana 65 getaufte Meteorit schlug damit nahezu zeitgleich wie die zahlreichen bekannten L-Chondriten ein, wie die Wissenschaftler erklären. Isotopen-Analysen bestätigten dies: Der Brocken entstand bis auf eine Million Jahre genau zur Zeit der mutmaßlichen Kollision im All. Doch aus dem „Mutterbrocken“ der L-Chondriten kann Österplana 65 nicht stammen, wie nähere Analysen der Chrom- und Sauerstoff-Isotope zeigten.

Einzigartig und unbekannt

Stattdessen repräsentiert der neuentdeckte Meteorit etwas bisher völlig Unbekanntes: „Österplana 65 hat keine dokumentierte Entsprechung unter den bekannten Meteoriten, die zu jener Zeit auf die Erde fielen“, berichten Schmitz und seine Kollegen. Und auch in alle anderen bekannten Meteoritentypen passt der neue Fund nicht hinein.

„Mineralogische und petrologische Daten stützen die Schlussfolgerung, dass Österplana 65 einen bisher völlig unbekannten Typ von Meteorit repräsentiert“, konstatieren die Forscher. Der Gesteinsbrocken ist damit einzigartig – und hebt sich von allen bekannten „Himmelsboten“ ab.

Ist der Meteorit Österplana 65 das einzige Relikt der folgenschweren Kollision im Asteroidengürtel vor 470 Millionen Jahren? © NASA/JPL

Ein „ausgestorbener“ Meteorit?

Nach Ansicht der Forscher lässt dies zwei Schlüsse zu: Zum einen könnte es noch vor rund 500 Millionen Jahren – und damit relativ spät in der Geschichte des Sonnensystems – noch eine viel größere Vielfalt von Meteoriten und Vorläufer-Objekten im Asteroidengürtel gegeben haben als heute. Einige dieser Brocken wurden dann bei Kollisionen offenbar so gründlich zerstört, dass heute kaum mehr Bruchstücke von ihnen übrig sind, die als Meteoriten die Erde treffen könnten.

„Es könnte sich hier um den ersten dokumentierten Fall eines ‚ausgestorbenen‘ Meteoriten handeln“, erklären die Wissenschaftler. „Dieser Meteoritentyp fällt heute nicht mehr auf die Erde, weil sein Ursprungs-Himmelskörper durch Kollisionen komplett zerstört wurde.“

Zeuge der folgenreichen Kollision?

Noch viel spannender aber ist der zweite Schluss, den die Forscher aus den Merkmalen von Österplana 65 ziehen: Der Meteorit könnte ein Trümmerstück des mysteriösen Asteroiden sein, der vor rund 470 Millionen Jahren mit dem „Mutterköper“ der L-Chondriten kollidierte. Dafür sprechen sowohl der Zeitpunkt seiner Entstehung als auch die Schockspuren in den Gesteinseinschlüssen von Österplana 65, wie die Wissenschaftler berichten.

„Es ist möglich, dass die Kollision zwischen dem L-Chondriten-Vorläufer und dem Österplana 65-Vorläufer letzteren fast komplett zerstörte“, so Schmitz und seine Kollegen. „Während der L-Chondriten-Vorläufer in unzählige kleinere Objekte zerfiel, die seither als Meteoriten fallen, blieb von seinem Kollisionspartner dafür nicht genug übrig.“ Österplana 65 könnte damit eines der letzten Relikte dieses Asteroiden sein. (Nature Communications, 2016; doi: 10.1038/ncomms11851)

(Nature, 15.06.2016 – NPO)

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