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Erde: Menschengemachtes übertrifft Biomasse

Anthropogene Materialien wiegen inzwischen mehr als alle Lebewesen zusammen

Planet
Städte, Straßen und Technologie aller Art: Die Menschheit produziert immer mehr anthropogenes Material. © NicoElNino/ iStock

Planet am Scheideweg: Auf der Erde gibt heute mehr menschengemachtes Material als Biomasse, wie eine Studie enthüllt. Demnach wiegen alle von uns produzierten Bauwerke, Infrastrukturen und Technologien aktuell rund 1,1 Billionen Tonnen – und übertreffen damit erstmals das Trockengewicht aller lebenden und natürlichen Komponenten unseres Planeten. Allein die Masse allen Plastiks ist größer als die aller Land- und Wassertiere, wie die Forscher im Fachmagazin „Nature“ berichten.

Der Mensch hat die Erde verändert wie kein anderes Lebewesen vor ihm. Längst prägen unsere Straßen, Bauwerke und Siedlungen viele Landschaften, mit Kunststoffen und anderen synthetischen Materialien haben wir ganz neue Substanzklassen erschaffen. 2017 schätzten Wissenschaftler die Masse aller menschengemachten Materialien auf rund 115 Tonnen pro Kopf, andere gingen sogar von einem noch höheren Wert für die „Technosphäre“ aus.

„Äpfel versus Smartphones“

Doch was bedeutet dies für die Gesamtbilanz unseres Planeten? Ist die Erde überhaupt noch eine von Lebewesen und Natur geprägte Welt? Das haben nun Emily Elhacham und ihre Kollegen vom Weizmann Institute of Science in Israel untersucht. Für ihre Stude verglichen sie die Masse aller menschengemachten Materialien aus Stein, Beton, Metall, Holz oder synthetischen Stoffen wie Plastik mit der globalen Biomasse – der Masse aller lebenden Wesen auf der Erde.

„Die Biomasse mit etwas so anderem wie der menschengemachten Materialmasse zu vergleichen, geht weit über den Vergleich von Äpfel mit Birnen hinaus – es ist eher der Vergleich von Äpfeln mit iPhones“, konstatieren die Forscher. Dennoch könne dies dazu beitragen, die zunehmende Dominanz des Menschen auf der Erde zu beleuchten. „Es liefert zudem ein weiteres symbolisches Merkmal des Anthropozäns„, so Elhacham und ihre Kollegen.

Um den hohen Wasseranteil bei der Biomasse zu berücksichtigen, legten die Forscher ihren Berechnungen sowohl die Trockenmasse als auch das Nassgewicht zugrunde. Zudem kalkulierten sie bei den anthropogenen Materialien Abfälle, Ruinen, Abraumhalden und andere nicht mehr genutzte Materialien gesondert. Emissionen, ausgebaggerte Sedimente und nicht genutzter Bergbau-Abraum wurden nicht in die Bilanz aufgenommen.

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1,1 Teratonnen anthropogenes Material

Die Massenbilanz ergab: Weltweit entspricht das Trockengewicht aller lebenden Biomasse heute rund einer Billion Tonnen (Teratonnen). Davon macht der Mensch gerade einmal 0,01 Prozent aus. Gut 90 Prozent geht dagegen auf die weltweite Vegetation und insbesondere die Wälder zurück, wie die Forscher berichten. Rechnet man den Wassergehalt der Biomasse hinzu, liegt die Gesamtmasse bei rund 2,2 Teratonnen.

Demgegenüber bringen alle die menschengemachten Materialien rund 1,1 Billionen Tonnen auf die Waage, wie die Berechnungen ergaben. Den Löwenanteil daran haben Bauwerke und Straßen, bei den Materialien dominieren Beton und gemischte Baumaterialien wie Schotter. Während die Biomasse zudem weitgehend stagniert, nimmt die Masse an menschengemachten Materialien rasant weiter zu:

„Die Akkumulation von anthropogener Masse hat 30 Gigatonen pro Jahr erreicht“, berichten Elhacham und ihr Team. Anders ausgedrückt: Rein rechnerisch produziert jeder Mensch pro Woche so viel weiteres anthropogenes Material wie er selbst wiegt.

Mehr anthropogenes Material als Biomasse

Insgesamt aber bedeutet dies: Im Jahr 2020 hat die Welt einen Wendepunkt erreicht. Denn erstmals überschreitet die anthropogene Masse die gesamte Biomasse unseres Planeten. Auf ihm gibt es nun mehr Bauwerke, Straßen und Maschinen als Bäume, Büsche und Kräuter. „Allein die globale Masse des produzierten Plastiks ist größer als die aller Land- und Wassertieren zusammen“, schreiben die Wissenschaftler.

Wie sie einräumen, spielt für dieses Ergebnis eine große Rolle, wie man die jeweiligen Masen definiert. Nimmt man beispielsweise auch die nicht mehr benutzten anthropogenen Materialien hinzu, wurde der Wendepunkt schon im Jahr 2013 überschritten. Rechnet man dagegen für die Biomasse das Nassgewicht, wird der Kreuzungspunkt erst in einigen Jahren – im Jahr 2037 – erreicht sein. „Aber selbst wenn man dies berücksichtigt, liegt der Wendepunkt entweder in der letzten Dekade oder in den beiden kommenden“, betonen Elhacham und ihre Kollegen.

Ein weiteres Symptom des Anthropozäns

Ihrer Ansicht nach stützt dies die Einstufung der gegenwärtigen Ära als Zeitalter des Anthropozän. Denn angesichts der rasanten Zunahme menschengemachter Materialien sei die Dominanz anthropogener Strukturen und Materialien nicht mehr aufzuhalten. „Wenn der aktuelle Trend anhält, könnte die anthropogene Masse einschließlich der Abfälle das Trockengewicht der globalen Biomasse bis zum Jahr 2040 um das Dreifache übertreffen“, so die Forscher. (Nature, 2020; doi: 10.1038/s41586-020-3010-5)

Quelle: Nature

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