Frühmenschen-Knochen zeigen Spuren von gezielter Abschlachtung und Verstümmelung Einige Neandertaler waren Kannibalen - scinexx | Das Wissensmagazin
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Frühmenschen-Knochen zeigen Spuren von gezielter Abschlachtung und Verstümmelung

Einige Neandertaler waren Kannibalen

Neandertaler gingen offenbar ganz unterschiedlich mit ihre Toten um: Einige Gruppen begruben sie, andere vestümmelten und aßen sie. Hier ein Neandertaler-Skelett neben einer Rekonstruktion. © Photaro, National Museum of Nature and Science, Tokyo/CC-by-sa 3.0

Gezielt geschlachtet? In Belgien entdeckte Neandertalerknochen tragen klare Spuren von Kannibalismus. Die Schnitt- und Schlagspuren ähneln denen an nahebei gefundenen Tierknochen. Das spricht dafür, dass diese Eiszeitmenschen ihre Toten nicht nur verstümmelten und entbeinten, sondern auch deren Fleisch aßen. Die rund 45.000 Jahre alten Funde sind der erste klare Beleg für Kannibalismus unter den Neandertalern Nord- und Mitteleuropas, wie die Forscher im Fachmagazin „Scientific Reports“ berichten.

Der Umgang der Neandertaler mit ihren Toten ist ziemlich widersprüchlich: Einerseits kümmerten sich die Frühmenschen um ihre Kranken und bestatteten sie rituell. Andererseits aber zeugen Funde in Frankreich und Spanien davon, dass die Neandertaler auch vor einer systematischen Misshandlung und Verstümmelung ihrer Toten nicht zurückschreckten. Ob diese Leichenschändung allerdings im Rahmen eines Rituals geschah oder aber aus Kannibalismus, blieb bisher unklar.

Neue Funde in der Höhle von Goyet in Belgien haben nun mehr Klarheit in diese Frage gebracht. Insgesamt 99 neue Neandertaler-Knochen und Knochenfragmente haben Héléne Rougier von der California State University in Northridge und ihre Kollegen unter den zahlreichen Funden in der „Troisième Caverne“ des Höhlensystems identifiziert. Den Datierungen nach sind die Knochen zwischen 40.500 und 45.500 Jahre alt.

Schnitte, Kauspuren und Schläge

Das Spannende daran: Viele dieser Neandertaler-Kochen weisen auffällige Schäden und Bearbeitungsspuren auf. „Fast ein Drittel der Knochen trägt Schnittspuren“, berichten die Forscher. „Ihre Form stimmt mit denen überein, die beim Zerteilen und Entbeinen entstehen.“ Schnitte an den Innen- und Außenseiten der Rippenknochen sprechen für ein Aufbrechen des Brustkorbs. Einige Fingerknochen könnte sogar menschliche Kauspuren aufweisen, allerdings sei die Zuordnung hier nicht eindeutig, so die Forscher.

An einigen Oberschenkel- und Schienbeinknochen fanden die Wissenschaftler zudem Schlagspuren. Diese Knochen müssen mit Steinwerkzeugen bearbeitet worden sein – wahrscheinlich um sie zu öffnen und das Knochenmark herauszuholen. Einige Gruben und Dellen in Knochen könnte von fehlgeschlagenen Versuchen einer solchen Markextraktion stammen, wie Rougier und ihre Kollegen berichten.

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Bearbeitungsspuren (A), Schnitte (B) und Schlagspuren (C) an den Neandertalerknochen aus Goyet. © Rougier et al./ Scientific Reports, CC-by-sa 4.0

„Klare Hinweise auf Kannibalismus“

Nach Ansicht der Forscher sind diese Indizien klare Indizien für einen Kannibalismus unter den Neandertalern: „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Neandertaler aus der Goyet-Höhle abgeschlachtet wurden“, konstatieren sie. „Goyet liefert den ersten eindeutigen Beleg für Neandertaler-Kannibalismus in Nordeuropa.“ Weil vor gut 45.000 Jahren noch keine modernen Menschen in dieser Gegend lebten, kämen sie als Täter eher nicht in Frage.

Aber was war der Grund für den Kannibalismus? Wurden die Toten im Rahmen eines Rituals verstümmelt und entbeint oder war ganz pragmatisch der Hunger die Triebkraft? Mit letzter Sicherheit können auch die Funde von Goyet diese Frage nicht beantworten. Doch der Fund von zahlreichen Tierknochen mit den gleichen Bearbeitungsspuren in der Höhle könnte nach Ansicht der Forscher auf pragmatische Beweggründe hindeuten.

Menschenknochen als Werkzeuge

Unter den neuen Funden entdeckten Rougier und ihre Kollegen noch eine weitere Besonderheit: Mindestens vier der Neandertalerknochen scheinen von den Neandertalern als Werkzeuge genutzt worden zu sein. Darauf deuten auffällige Riefen und Abnutzungsspuren an einem Oberschenkel- und drei Schienbeinknochen hin. Sie wurden wahrscheinlich verwendet, um die Kanten von frisch abgeschlagenen Steinklingen nachzubessern. Typischerweise dienten sonst Tierknochen diesem Zweck.

„Der Einsatz von Neandertalerknochen für diesen Zweck war nur von sehr wenigen Ausgrabungsstätten bekannt – und nirgends wurden sie so zahlreich gefunden wie in Goyet“, sagt Seniorautor Hervé Bocherens von der Universität Tübingen. Zudem liefere keine der Neandertalerfundstätten in der gleichen Region Hinweise auf einen ähnlichen Umgang mit Leichen.

Der insgesamt wenig pietätvolle Umgang dieser Neandertaler mit ihren Toten zeigt, wie verschieden und vielfältig die mit dem Tod verbundenen Einstellungen und Rituale unter den Neandertalern waren. „Die großen Unterschiede im Verhalten dieser Menschen einerseits und ihrer geringen genetischen Diversität andererseits gibt uns viele Fragen zum Sozialleben und dem Austausch zwischen verschiedenen Gruppen der späten Neandertaler auf“, sagt Bocherens. (Scientific Reports, 2016; doi: 10.1038/srep29005)

(Universität Tübingen/ Scientific REports, 07.07.2016 – NPO)

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