MOSAiC-Expedition muss wegen der Pandemie umdisponieren – und verliert wertvolle Messzeit Corona zwingt die "Polarstern" aus dem Eis - scinexx | Das Wissensmagazin
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Corona zwingt die „Polarstern“ aus dem Eis

MOSAiC-Expedition muss wegen der Pandemie umdisponieren – und verliert wertvolle Messzeit

Polarstern
Planwechsel: Bald wird die Polarstern ihre Driftscholle im arktischen Eis verlassen – wenn auch nur vorübergehend.© Manuel Ernst/ AWI

Pandemie trifft Arktis-Expedition: Eigentlich sollte das Forschungsschiff Polarstern ein ganzes Jahr im Eis festgefroren bleiben. Doch weil wegen der Corona-Pandemie keine Versorgungsflüge und -fahrten mehr möglich sind, muss die arktische MOSAiC-Expedition nun umdisponieren. Die aktuelle Crew bleibt knapp zwei Monate länger im Eis, dann wird die Polarstern ihren eisigen Liegeplatz vorübergehend verlassen und sich vor Spitzbergen mit Versorgungsschiffen treffen.

Es ist eine historisch einzigartige Expedition: Seit Herbst 2019 driften der Eisbrecher Polarstern, gut 100 Wissenschaftler und ihre auf einer Eisscholle errichteten Forschungsstationen mit der Transpolardrift durch die zentrale Arktis. In den letzten Monaten hat die MOSAiC-Expedition bereits wertvolle Daten aus dem winterlichen Nordpolarmeer gesammelt und sogar zwei Rekorde erzielt. Auch zwei Crew-Wechsel wurden mithilfe eines russischen Versorgungseisbrechers absolviert.

Twin Otter
Nur sieben Teilnehmer der Expedition wurden Ende April mit einer Twin Otter aus der Arktis ausgeflogen. © Christian R. Rohlede/ AWI

April-Teamwechsel fällt wegen der Pandemie aus

Doch nun gibt es Probleme. Denn für Anfang April 2020 war eigentlich der dritte Schichtwechsel im driftenden Eis geplant – er sollte per Flugzeug von Spitzbergen aus erfolgen. Doch wegen der Corona-Pandemie ist die norwegische Inselgruppe gesperrt. Weil sowohl die Frachtflugzeuge als auch der russische Versorgungseisbrecher dort Station machen müssten, ist ein Besuch bei der Polarstern und dem MOSiC-Eiscamp zurzeit unmöglich.

„Die Expedition war auf fast alle denkbaren Szenarien vorbereitet“, erklärt Expeditionsleiter Markus Rex vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Doch mit einer weltweiten Pandemie hatten selbst die sonst auf fast alles eingerichtete Expeditionsplaner nicht gerechnet. „Die Pandemie machte es erforderlich, ein komplexes Alternativszenario für gänzlich neue, so noch nie dagewesene und ungeahnte Bedingungen zu entwickeln.“

Quarantäne für die neue Crew

Und so sieht der neue Plan aus: Die aktuelle Besatzung bleibt vorerst an Bord und wird nun zwei Monate länger als geplant in der Arktis ihre Forschung durchführen. „Die Fortsetzung der Expedition konnte dadurch unter äußerst widrigen Umständen gerettet werden“, sagt Rex. Nur sieben Teilnehmer, die aus persönlichen Gründen nicht länger bleiben konnten, wurden am 22. April mit einer Twin Otter ausgeflogen.

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Währenddessen wird der nächste Schichtwechsel in Bremerhaven schon vorbereitet: Anfang Mai reisen die Teilnehmer des nächsten Expeditionsabschnitts nach Bremerhaven und begeben sich dort einzeln in Quarantäne. Während dieser Zeit werden alle mehrfach auf das SARS-CoV-2 getestet. Das soll sicherstellen, dass das Coronavirus auf keinen Fall auf die Polarstern und in die Arktis eingeschleppt wird.

Polarstern holt sich ihren Nachschub selbst

Die größte Veränderung aber betrifft die Polarstern selbst: Der Forschungseisbrecher wird in einigen Wochen seine Motoren anwerfen und sich aus eigener Kraft – hoffentlich – aus dem Eis befreien. Das Schiff wird dann bis vor die Küste von Spitzbergen fahren und sich dort mit zwei deutschen Forschungsschiffen, der Sonne“ und der „Maria S. Merian“ treffen. Diese haben in der Zwischenzeit die neuen Teilnehmer der Expedition aus Bremerhaven abgeholt und auch neue Vorräte für die Driftstation an Bord.

„Die Idee, das Driftcamp und unsere Eisscholle zu verlassen, war sicher nichts, das wir ursprünglich in Betracht gezogen haben“, kommentierte Allison Fong vom Alfred Wegener Institut gegenüber Nature News. „Aber angesichts der Schwierigkeiten, denen wir nun gegenüberstehen, ist dies ein wichtiger Kompromiss.“ Nach dem Teamwechsel und dem Umladen der Fracht vor Spitzbergen wird die Polarstern dann wieder in die Arktis zurückkehren.

Lücke in den Daten

Das aber bedeutet: Für die Wissenschaftler gehen mindestens drei Wochen verloren, in denen sie ihre Messungen nicht durchführen können – weil sie schlicht nicht vor Ort sind. Zwar bleiben viele autonome Messgeräte auf der Driftscholle aktiv und arbeiten auch in Abwesenheit der Polarstern weiter. Aber die Entnahme von Eisproben, Atmosphärenmessungen per Ballon und andere Arbeiten bleiben in dieser Zeit aus.

Diese Lücke in den Daten trifft die Expedition ausgerechnet während einer der entscheidenden Phasen in der arktischen Eisentwicklung. Denn jetzt, im Polarfrühling, beginnt das Meereis zu tauen und erste Schmelzwassertümpel und offene Stellen im Eis bilden sich. Für die Klimaforschung sind daher diese Daten besonders wichtig. „Wir tun das Beste, was wir angesichts dieser Einschränkungen können – aber es ist ein Rückschlag“, sagt Co-Expeditionsleiter Matthew Shupe von der University of Colorado.

Bleibt das Eiscamp erhalten?

Unklar ist auch, ob die Polarstern nach ihrer Rückkehr zu ihrer Eisscholle überhaupt noch einmal einfrieren kann. Denn es könnte sein, dass die Scholle bereits zu weit nach Süden gedriftet ist und zu schnell abschmilzt. In diesem Falle ist geplant, die Polarstern und das gesamte Eiscamp zu verlegen. „Driften wir zu weit nach Süden, wird das Eiscamp wieder nach Norden verlegt und die Messungen werden dort weitergeführt, wo die zentrale Arktis auch im Sommer mit Eis bedeckt ist“, erklärt Rex.

Trotz Corona und der Kompromisslösung hoffen die Mitglieder der MOSAiC-Expedition, dass sie ihre Arbeit wie geplant bis zum Oktober 2020 fortsetzen können. „Die enorme Datenfülle, die wir während der letzten sieben Monate geerntet haben, begeistert uns“, sagt Rex. „Trotz der gegenwärtigen Widrigkeiten hoffen wir, die Expedition über den gesamten Zyklus eines Jahres fortzusetzen und wie geplant im Oktober zum Abschluss zu bringen.“

Quelle: Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, Nature News

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