Zunehmender Schiffsverkehr in Nordost- und Nordwestpassage bedroht vor allem Wale Arktis: Schifffahrt versus Meeressäuger - scinexx | Das Wissensmagazin
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Zunehmender Schiffsverkehr in Nordost- und Nordwestpassage bedroht vor allem Wale

Arktis: Schifffahrt versus Meeressäuger

Narwale in der Baffin Bay – sie wären vom zunehmenden Schiffsverkehr in der Nordwest- und Nordostpassage besonders betroffen. © Kristin Laidre/ University of Washington

Profit versus Artenschutz: Im Nordpolarmeer steht ein Konflikt zwischen Artenschutz und Wirtschaftsinteressen bevor. Denn wie eine Studie jetzt aufzeigt, wird der zunehmende Schiffsverkehr durch die Nordost- und Nordwestpassage viele Populationen von Meeressäugern empfindlich stören. Vor allem der geschützte Narwal, aber auch Grönlandwale und Belugas haben ihre Habitate mitten in den Schiffsrouten – hier sind Konflikte vorprogrammiert.

Im Jahr 2016 hat das erste große Kreuzfahrtschiff die Nordwestpassage durchfahren – etwas, das die tragische Expedition von John Franklin vor rund 170 Jahren noch vergeblich versucht hatte. Doch durch den Klimawandel werden die Nordrouten zwischen Atlantik und Pazifik im Sommer immer häufiger befahrbar. Zwischen 2011 und 2016 durchfuhren bereits mehr als 200 Schiffe die Nordostpassage oberhalb von Sibirien, in der Nordwestpassage durch die kanadische Arktis waren es rund 100.

Selbst um den Nordpol gibt es immer häufiger offenes Wasser. Forscher prognostizieren, dass die Route über den Pol bereits ab 2040 schiffbar werden könnte. Für die Schifffahrt sind diese Nordouten enorme Abkürzungen und daher verlockend.

Risiko für 80 Populationen untersucht

Doch welche Folgen hätte der arktische Schiffsverkehr für die Meeressäuger im Nordpolarmeer? Bisher waren diese Meeresgebiete weitgehend unberührt – es gab dort nur wenig Verschmutzung und keinen Lärm oder andere Störungen. Das aber ändert sich zusehends: „Rund 65 Prozent der arktischen Meeresumgebung war im Jahr 2015 bereits von Schiffen befahren“, berichten Donna Hauser von der University of Alaska in Fairbanks und ihre Kollegen.

Welche Auswirkungen der zunehmende Schiffsverkehr vor allem auf Meeressäuger in der Arktis hat, haben die Forscher nun untersucht. Dafür ermittelten sie für 80 arktische Populationen die momentane und künftige Dichte des Schiffsverkehrs in deren Lebensräumen und berücksichtigten die artspezifischen Anfälligkeiten für Störungen. Untersucht wurden sieben Meeressäugerarten: Belugawal, Narwal und Grönlandwal, Ringelrobbe und Bartrobbe, Walross und Eisbär.

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Verlauf der Nordwest- und Nordostpassage und Verbrietungsgebiete der 80 untersuchten Meeressäuger-Populationen (grau). © Hauser et al./ PNAS

Zwei Hotspots der Konfliktzonen

Das Ergebnis: „42 der 80 Populationen lagen zumindest in Teilen an den Routen der Nordwestpassage, der Nordostpassage oder sogar von beiden“, berichten die Forscher. Besonders eng wird es dabei in zwei Gebieten: der Beringstraße und dem Lancaster Sound in Nordkanada. Denn hier trifft der zunehmende Schiffsverkehr auf besonders stark von Meeressäugern frequentierte Meeresgebiete.

„Diese Engstellen werden vor allem von wandernden Meeressäugerarten als Eingangspforten zur Arktis genutzt“, erklärt Hauser. Viele Wale wechseln mit der Jahreszeit ihren Aufenthaltsort und legen dabei hunderte bis tausende Kilometer zurück. „Gleichzeitig aber sind diese Meeresstraßen der Zugang zu den nördlichen Schiffsrouten.“

„Einhörner der Meere“ besonders gefährdet

Am stärksten gefährdet durch den zunehmenden Schiffsverkehr in der Arktis sind die Narwale, wie die Analysen ergaben. Denn sie haben gleich mehrere Eigenheiten, die sie besonders anfällig für Störungen durch den künftigen Schiffsverkehr machen. „Narwale sind sehr ortstreu und verbringen ihre Zeit im Sommer ausgerechnet mitten in den Schifffahrtsrouten“, erklärt Koautorin Kristin Laidre von der University of Washington. „Sie sind zudem extrem scheu und reagieren besonders sensibel auf jede Art von Störung.“

Ebenfalls stark belastet werden die die meisten Populationen der Belugawale und Grönlandwale, sowie viele Walrosse. Wie die Forscher erklären, bilden letztere oft nur kleine Populationen und diese liegen vorwiegend in der Nordwest- und Nordostpassage. Weniger anfällig sind dagegen die Robbenarten sowie der Eisbär. Sie haben größere und weiter verteilte Populationen und die Eisbären halten sich im Spätsommer ohnehin eher an Land auf.

Möglichst früh Regeln schaffen

Verhindern lassen wird sich der kommende Boom der arktischen Schifffahrt allerdings nicht – das ist auch den Biologen klar. Sie hoffen aber, dass Richtlinien für die Passage der arktischen Seerouten künftig zumindest in Teilen Rücksicht auf den Schutz der Meeressäuger nehmen. „Unsere Ermittlung des spezifischen Risikos ist ein erster Schritt hin zu einer Entwicklung von Best Practices für die arktische Schifffahrt“, so die Forscher.

„Man könnte versuchen Strategien zu entwickeln, damit die Schiffe Schlüsselhabitate meiden, ihre Fahrtzeiten an die Walwanderungen anpassen und sich bemühen, die Geräuschbelastung so gering wie möglich zu halten“, sagt Lairdre. Ob allerdings die Schifffahrtsindustrie sich auf Beschränkungen einlässt, die möglicherweise ihren Profit schmälern, darf bezweifelt werden. (Proceedings of the National Academy of Sciences, 2018; doi: 10.1073/pnas.1803543115)

(University of Washington, 03.07.2018 – NPO)

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